Fleischersatz

Algen-Würstchen aus Schenefeld erobern die Supermärkte

Lecker und angeblich auch gesund: Claudia Busse-Uhrig und Walter Möller von Remis Algen GmbH mit ihren fleischlosen Produkte

Lecker und angeblich auch gesund: Claudia Busse-Uhrig und Walter Möller von Remis Algen GmbH mit ihren fleischlosen Produkte

Foto: Andreas Laible / HA / A.Laible

Den vegetarischen Fleischersatz aus Schenefeld findet man in immer mehr Supermarktregalen. Auch Algen-Burger im Angebot.

Hamburg. Das Geheimnis des Erfolgs von Claudia Busse-Uhrig und Walter Möller liegt 60 Meter unter dem Meeresspiegel, im klaren Wasser der See vor Dänemark. Es ist grün-braun und voll von Mineralien: Die Alge Saccharina latissima.

Nach Jahren des Experimentierens mit dem Meeresgemüse haben die beiden Hamburger Unternehmer vor einigen Monaten ihre Neuheit auf den Markt gebracht: Algenwürstchen. Die vegetarischen Produkte sind so begehrt wie Wasser in der Wüste. Von Hamburg bis nach Konstanz haben sich die herzhaften Brat-Algenwürste, Curry-Algenwürste und Grill-Algenburger in den Supermärkten schon durchgesetzt.

Allein in der Hansestadt haben die Gründer bereits Dutzende Kaufleute überzeugt. Die Verbraucher finden die exotischen fleischfreien Produkte etwa bei den Edeka-Märkten Niemerszein, Böcker, Timmer, Heitmann und Frähmke. Bei Famila haben sie die Regale sogar über die Stadtgrenzen hinaus erobert, im gesamten Norden bis nach Flensburg, Richtung Osten bis nach Stralsund. Und es melden sich Woche für Woche weitere Interessenten aus dem Lebensmittelhandel, auch aus dem Ausland wie Dänemark, der Schweiz und Italien. Auch im Internet sind die Spezialitäten erhältlich, unter vegetarischerversand.de.

Die Packungen sind zwar nicht ganz günstig, gut 200 Gramm kosten mehr als vier Euro. Ein Grund: Die Algen kommen ausschließlich aus Dänemark, hier ist die Wasserqualität hervorragend, und die steigende Nachfrage nach den Pflanzen, die auch in der Kosmetik eingesetzt werden, treibt die Preise ordentlich in die Höhe. Aber die Kunden kaufen: 1,2 Tonnen Algenwürstchen stellt der Auftrags-Produzent, ein Fleischwarenhersteller aus Bienenbüttel bei Lüneburg, für die Unternehmer bereits her.

Für das nächste Jahr peilen die Gründer, die sich aus ihrem früheren Arbeitsleben im Konsumgüterbereich kennen, ein Volumen von fünf bis sieben Tonnen im Monat an. „Dann können wir beide davon leben und auch noch Mitarbeiter einstellen“, schätzt Walter Möller, der als studierter Betriebswirt in dem Start-up mit Sitz im Gewerbegebiet in Schenefeld für die Finanzen zuständig ist.

„Wir bedienen die großen Lebensmitteltrends“, begründet Claudia Busse-Uhrig die große Resonanz auf ihre Genuss-Innovation. Zwar hat das Innenleben der Algenwürstchen so wenig mit einer üblichen Wurst gemeinsam wie ein Tofuwürfel mit einer Haxe. Sie bestehen zu fünf Prozent aus Algen, damit der Grenzwert an Jod nicht überschritten wird, dazu sind Rapsöl, Getreide, Reis, Paprika und Gewürze enthalten. Die Leckereien schmecken vielleicht etwas mehr nach Paprika als üblich, auch ein wenig mehr Knackigkeit wäre schön, aber ansonsten kann die Bratwurst mit dem Original mithalten. Der Vorteil: Die Algenwürstchen kommen ohne chemische Zusätze aus und werden vegetarisch hergestellt. Immerhin 42 Prozent der Konsumenten essen heute weniger Fleisch, um sich gesund zu ernähren.

Die Produkte sind zudem frei von Soja, das wegen der Monokulturen und des Gen-Anbaus bei manchen Verbrauchern in Verruf geraten ist. „Der Markt ist endlich bereit für unser Produkt“, blickt die Diplom-Kauffrau zurück auf die Entstehungsgeschichte der ungewöhnlichen Würstchen. Denn ursprünglich, wie auch schon vom Abendblatt berichtet, stammt die Idee aus der Lüneburger Heide. Von Remis Böttcher, einem Lebenskünstler, der die Alge schon seit Jahren als Heilsbringer für die menschliche Ernährung sieht. Durch das enthaltene Jod und Selen könnten viele Krankheiten verhindert werden, außerdem wirke die Pflanze entgiftend, ist der Selfmade-Experte für Ernährung sich sicher. Schon vor fünf Jahren hatte der Naturfreund, der damals in einem Wohnwagen lebte, die Algenwurst gemeinsam mit einem benachbarten Schlachter in den Handel gebracht. Damals hatte er das Grundrezept ausgetüftelt, aber eine wirkliche Marktdurchdringung scheiterte an der Bürokratie.

Der Erfinder lernte Claudia Busse-Uhrig kennen, und die Marketingexpertin war nach einer Familienphase wieder bereit für einen beruflichen Neustart. „Mich hat die Idee überzeugt, außerdem schmecken die Würstchen ja wirklich gut“, sagt die 46-Jährige lachend. Remis Böttcher hat nach wie vor seinen Einfluss auf die Firma. Die Produkte firmieren unter der Marke „Remis Algen“, außerdem bekommt der Geburtshelfer der Fleischersatz-Innovation einen Anteil vom Umsatz.

„Früher kannte ich Algen nur vom Strand“, gibt Claudia Busse-Uhrig offen zu, heute ist die glibberige Meeresbewohnerin für die Gründer zum attraktivsten Treiber der Nachfrage geworden. Als weitere Produktwelten entwickeln sie Salze und Pesto mit Algen. Außerdem besucht Claudia Busse-Uhrig ihre wichtigste Zutat hin und wieder in ihrer Heimat: Die leidenschaftliche Seglerin schaut gerne per Boot in den dänischen Anbaugebieten vorbei.