Altona

Auf Lifethek.de kann man in Hamburg leihen anstatt kaufen

Foto: Roland Magunia

Ob Kindersitze, Zelte oder Hochdruckreiniger. Dinge, die zu Hause viel Platz benötigen, gibt es in der Lifethek von Dirk Feldmann in Altona. Immer mehr Menschen trennen sich von ihren Besitztümern.

Hamburg. Lastenräder mit ordentlich Platz für die Kleinen, ein großes grünes Viermannzelt, Bohrmaschinen und Hochdruckreiniger. Ob für den Ausflug, den Garten oder das Heimwerkerprojekt: Alle Dinge, die zu Hause viel Platz brauchen, aber selten benötigt werden, hat Dirk Feldmann in seiner Lifethek im Angebot. Oder fast alle. "Wir wollen hier eine Bibliothek der Dinge aufbauen", sagt der Hamburger.

Der Mann im karierten Hemd, mit leicht grau melierten Schläfen steht in einer großen Lagerhalle an der Harkortstraße nahe dem Bahnhof Altona. Auf dem rustikalen Steinboden warten Dutzende verschiedene Freizeitschätze auf Leihkunden. Früher bastelte die Deutsche Bahn hier Schilder für die Bahngleise zusammen, heute geht es um einen der großen Trends in den Metropolen, um das Teilen.

Insgesamt hat Lifethek 500 Produkte im Angebot, die auch verschickt werden können: "Reist eine Familie in die Alpen, schicken wir die Babytrage und den Bollerwagen einfach in die Pension", sagt Feldmann, selber Vater einer sechsjährigen Tochter. Der Unternehmer hat mit seinem Verleihservice in Hamburg kein Neuland betreten. Auch Lieber Leihen aus Lokstedt, die auf Gartengeräte wie Rasenmäher und Kettensägen spezialisiert sind, oder die Bootschaft, die Privatboote auf der Alster von privat vermittelt, verdienen mit dem Teilen von Dingen längst Geld.

Auf Lifethek.de werden alle diese Angebote gebündelt

Dirk Feldmann versucht, auf seiner Internetplattform unter lifethek.de alle diese Angebote zu bündeln. So wird der Pool der Produkte größer. Und auch der Kundenstamm soll wachsen, hoffen die kooperierenden Firmen in der Lifethek. Geld verdient die Firma mit der Leihgebühr, etwa fünf Euro am Tag für ein Longboard, vier Euro für einen Tragerucksack für Kinder, 19 Euro für ein Viermannzelt. Vermittelt Feldmann Dinge, die im Besitz der anderen Verleihfirmen sind, kassiert er eine Provision. Dafür können die Kunden die Sachen aber auch alle in der Altonaer Halle abholen und sparen sich den Weg zu mehreren Mietstationen.

"Warum sollte man nicht Ressourcen schonen und auch mal auf den Besitz von Dingen verzichten?", fragt Dirk Feldmann mit Blick auf die Idee der Shareconomy. Die Bewegung, die mit Internetplattformen wie airbnb aus den USA über den Atlantik schwappte, hat den ehemaligen Werber schon länger elektrisiert. Zunächst gründete er die Lifethek vor zwei Jahren in Hamburg, inzwischen betreibt er einen zweiten Standort der Firma auch in Berlin. Die Halle in Altona hat der 46-Jährige erst vor Kurzem angemietet und damit sein Geschäft vergrößert.

Heute verfügt er damit nicht nur auf 400 Quadratmetern über eine Menge Platz für seine Kinderbuggys, Trampoline oder Bierbänke. Er gewinnt bald auch eine sehr interessante Nachbarschaft dazu. Seine Halle bildet den Eingangsbereich für 3500 Wohnungen, die in der neuen Mitte Altona gebaut werden. "Hier entstehen ohnehin weitere Projekte zum gemeinsamen Nutzen von Produkten, etwa Parkplätze für Fahrrad- oder Carsharing", sagt Feldmann.

Mit Crowdfunding versucht er auszubauen

Mit diesem neuen Kundenpotenzial will der begeisterte Radsportler seinen Umsatz von derzeit 120.000 Euro im Jahr noch einmal verdoppeln. Durch eine Geldspritze mithilfe von Crowdfunding und einem Partner aus dem Handel plant er zudem, den Produktpool weiter auszubauen. "Wir kaufen die Ware als Händler ein und verkaufen hin und wieder auch gebrauchte Dinge", sagt Feldmann. Dadurch spart er sich Kosten im Einkauf, aber eine feste Partnerschaft etwa mit einem Outdoorausrüster könnte Lifethek noch einmal einen gewaltigen Schub bringen, sagt der Unternehmer.

Auch beim Thema Heimwerken sieht Feldmann noch Wachstumschancen. Gemeinsam mit einem großen deutschen Hersteller bietet Lifethek bald Bauprojekte für Tüftler an: Dann wird es sowohl das Material wie Holz und Schrauben als auch Leihbohrer oder -sägen im Paket und mit Bauanleitung aus einer Hand geben. "Do-it-yourself liegt im Trend, aber welcher Großstädter leistet sich schon einen Bastelkeller mit eigenen Werkzeugen?", fragt Feldmann. So kostet bei Lifethek beispielsweise ein Hochdruckreiniger 15 Euro am Tag.

Er stellt seinen eigenen Besitz regelmäßig auf den Prüfstand

Bisher praktiziert nach einer Umfrage knapp die Hälfte der Bevölkerung das neue, gemeinsame Nutzen von Dingen. Für jeden zweiten Deutschen hat sich der Wert von Besitz relativiert, ist die Maßlosigkeit ermüdend. "Nach dem Zweiten Weltkrieg ging es noch darum, Zerstörtes aufzubauen und Dinge wiederzugewinnen", sagt der Soziologe Harald Heinrichs von der Uni Lüneburg. Heute allerdings, in Zeiten des Überflusses, ginge die Wertschätzung von Eigentum gerade in vielen gebildeten und einkommensstarken Haushalten zurück, hat der Autor der Studie erforscht.

Feldmann wohnt in Ottensen und erlebt in seinem Umfeld, wie sich immer mehr Leute von Dingen trennen, die früher selbstverständlich waren. Auch der Unternehmer stellt seinen eigenen Besitz regelmäßig auf den Prüfstand. Vor dem Eingangstor seiner Lifethek parkt sein Volvo, ein geräumiges Familienauto. "Die nervige Suche nach Parkplätzen, immer wieder Termine in der Werkstatt und die teure Versicherung – den Wagen werde ich wohl demnächst verkaufen", sagt Feldmann. Dafür hat der Lifethek-Chef schließlich auch einen ganzen Fuhrpark an Lastenfahrrädern in seinem Lager.

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