Ukraine-Krise bedroht Arbeitsplätze im Norden

Außenhändler sind laut Umfrage besonders stark vom Konflikt zwischen der EU und Russland betroffen. Präsident des Branchenverbands spricht von „empfindlichem Dämpfer“

Hamburg. Fast jeder vierte norddeutsche Außenhändler leidet unter der Ukraine-Krise, bei fast jedem zehnten droht sogar Arbeitsplatzabbau. Das geht aus einer Umfrage des AGA Unternehmensverbands, deren Resultate dem Abendblatt vorliegen, hervor. Demnach sind rund 24 Prozent der 3500 Mitgliedsunternehmen von den Sanktionen gegen Russland betroffen. Bei rund 15 Prozent der betroffenen Firmen ist das Russland-Geschäft komplett zum Erliegen gekommen.

Während der Handel mit Russland bezogen auf die gesamte deutsche Wirtschaft nur gut drei Prozent der Exporte und 4,5 Prozent der Importe ausmacht, fallen die Auswirkungen der Krise auf etliche norddeutsche Außenhandelsbetriebe deutlich überproportional aus: 39 Prozent der betroffenen Unternehmen geben laut der AGA-Umfrage an, dass sich ihr Gesamtumsatz zwischen einem und drei Prozent verringert, aber bei 28 Prozent der Firmen sind es vier bis sechs Prozent, und bei jedem neunten Unternehmen gibt der Umsatz um sieben bis neun Prozent nach. Manche Außenhändler trifft es noch erheblich härter. So berichten ebenfalls elf Prozent der Firmen, dass sie einen Umsatzverlust zwischen 21 und 30 Prozent zu beklagen haben, bei rund neun Prozent bricht der Umsatz sogar um mehr als 30 Prozent ein.

Dies hat zur Folge, dass rund neun Prozent der Betriebe befürchten, wegen des schlechteren Geschäfts mit Russland Mitarbeiter entlassen zu müssen. Im Durchschnitt könnte dies bis zu 7,5 Prozent der Angestellten treffen, heißt es vom AGA. Ein Unternehmen gab an, jede fünfte Stelle streichen zu müssen.

Die Sanktionen gegen Russland stellten die Außenwirtschaft vor Herausforderungen, sagt dazu Hans Fabian Kruse, Präsident des AGA Unternehmensverbands. „Die Situation ist aber nicht existenzbedrohend für die Unternehmen, da die prognostizierten Umsatzrückgänge zumeist nur gering ausfallen“, so Kruse. „Nach der positiven Entwicklung des Russland-Handels in den vergangenen Jahren ist dies natürlich ein empfindlicher Dämpfer, der aber nicht überbewertet werden darf.“

Allerdings machen die Erwartungen für die kommenden Monate wenig Hoffnung auf eine Erholung: Knapp 90 Prozent der befragten Unternehmen sind davon überzeugt, dass der Konflikt in der Region und mit Russland noch lange nicht beendet ist und man sich auf einen langwierigen Prozess einstellen müsse. Lediglich zehn Prozent der Firmenleiter meinen, der Konflikt habe seinen Höhepunkt erreicht und die Situation werde sich in den kommenden sechs Monaten verbessern.

„In der Ostukraine wird gelitten und gestorben“, so Kruse, „oberstes Ziel muss deshalb eine Beendigung der Krise sein unter Berücksichtigung des Völkerrechts und der machtpolitischen Realitäten.“ Man hoffe deshalb, dass die diplomatischen Bemühungen bald Früchte tragen werden „und so die Händler wieder das tun können, was sie am besten können: handeln, ohne Restriktionen.“

Dem AGA Unternehmensverband gehören Firmen aus den Sektoren Groß- und Außenhandel sowie unternehmensnahe Dienstleistungen mit insgesamt 150.000 Mitarbeitern in Hamburg, Bremen, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein an.

Einer Umfrage der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) unter knapp 300 Firmen zufolge befürchtet etwa jedes dritte Unternehmen Umsatzeinbrüche von bis zu 50 Prozent oder sogar mehr. „Besonders stark ist der innovative deutsche, zumeist mittelständisch geprägte Maschinen- und Anlagenbau betroffen“, sagte der Vize-Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier. Dabei würden die am 1. August eingeleiteten Sanktionen ihre volle Wirkung erst noch entfalten. 20 Prozent der Firmen wollen mit Entlassungen reagieren, 26 Prozent Projekte stoppen, ergab die Umfrage.