Nervosität an Börsen drückt DAX

Index sackt vorübergehend unter 9000 Punkte. Politische Krisen führen zu Aktienverkäufen. Anleihen auf Rekordtief

Hamburg. Die Kurse am Aktienmarkt fahren Achterbahn: Die Krisen rund um den Globus haben den Deutschen Aktienindex am Freitag erstmals seit langem unter die Marke von 9000 Punkten gedrückt. Der DAX fiel zeitweise wie ein Stein und machte erst kurz vor 8900 Zählern Halt, um sich im Laufe des Tages wieder zu erholen und die Handelswoche bei einem Schlussstand von 9009,32 Punkten zu beenden. Es ist der niedrigste Stand seit Mitte Dezember. Auch an anderen europäischen Börsen und in Asien ging es am Freitag kräftig abwärts.

„Die politischen Krisen haben die Börse erfasst. Die Stimmung hat sich in den vergangenen Tagen massiv verschlechtert. Der Markt befürchtet offenbar eine weitere Eskalation der Konflikte“, sagt der Chefvolkswirt der Hamburger Sparkasse, Jochen Intelmann: „Die Verunsicherung unter den Anlegern ist groß. Viele machen Kasse.“

So hatten Anleger am letzten Börsentag der Woche nicht nur in großem Stil Aktien verkauft, gleichzeitig waren sie massenhaft in deutsche Staatsanleihen ausgewichen. Deren Renditen erreichten in der Folge ein neues Allzeittief. „Das Motto dieser Tage heißt, raus aus allem, was mit Aktien zu tun hat, rein in Sicherheit“, sagte ein Händler.

Dabei hatte der DAX erst Anfang Juli bei 10.029 Zählern einen neuen Rekord auf Schlusskursbasis erreicht. Seither hat er jedoch wieder über zehn Prozent seines Wertes verloren. Allein in den vergangenen acht Handelstagen rauschte er über 600 Punkte in den Keller. Auch die Hamburger Börsenwerte, die im HASPAX notiert sind, konnten sich dem allgemeinen Abwärtstrend nicht entziehen.

Einzelne Aktien kamen dabei in den vergangenen Wochen besonders schlimm unter die Räder. So verloren Daimler-Aktien seit dem DAX-Hoch am 3. Juli ein Sechstel ihres Wertes, HeidelbergCement und Lufthansa gaben um ein Fünftel nach, Adidas sogar um ein Viertel. Betroffen war auch der Handelskonzern Metro. Besonders litten jene Unternehmen, die im Handel mit Russland engagiert sind und voraussichtlich unter den von Präsident Wladimir Putin verhängten Sanktionen leiden dürften. Dabei wurden jeweils Milliardenwerte vernichtet.

So wie die Kurse der Akten fielen, so stiegen jene deutscher Anleihen, was dazu führte, dass deren Verzinsung seit Tagen immer neue Rekordtiefs erreicht. Wer dem deutschen Staat aktuell Geld für einen Zeitraum von zehn Jahren leiht, erhält dafür nur noch 1,05 Prozent Zinsen. Zeitweise war die Rendite am Freitagmorgen sogar bis auf 1,023 Prozent gesunken, so tief wie noch nie. Schon in Kürze könnte daher auch die Marke von einem Prozent fallen, was ein historisches Ereignis wäre.

Für Anleihen mit zweijähriger Laufzeit liegt die Verzinsung derzeit sogar immer wieder mal im negativen Bereich – wer solche Schuldscheine des deutschen Staates hat, erhält also nicht nur keine Zinsen dafür, er muss sogar noch draufzahlen für das Recht, sein Geld bei Wolfgang Schäuble parken zu dürfen, im konkreten Fall sind dies 0,004 Prozent.

Auf solche Anlagen lassen sich nur Investoren ein, die in Panik sind und ihr Geld nur noch in Sicherheit bringen wollen. Auslöser dafür sind auf den ersten Blick die vielen geopolitischen Krisen: im Nahen Osten sprechen wieder die Waffen, die Sanktionsspirale zwischen Russland und dem Westen wirkt sich zunehmend auf die hiesige Wirtschaft aus, Italien befindet sich erneut in der Rezession und auch Deutschland könnte bald folgen, Portugal wird von einer neuen Bankenpleite erschüttert, Argentinien ist bankrott – die schlechten Nachrichten scheinen plötzlich nicht mehr abzureißen.

Und davon sind vor allem deutsche Firmen betroffen, da sie besonders stark von Exporten abhängig sind. Daher ist der DAX in den vergangenen Wochen auch stärker gefallen als beispielsweise US-Aktien. Der Dow Jones Index hat seit seinem Hoch Mitte Juli nur rund vier Prozent eingebüßt. Ähnlich sieht es beim S&P 500 aus. Doch die US-Börsen könnten durchaus noch folgen.

Denn die eigentliche Ursache für den Kurseinbruch liegt nach Ansicht einiger Experten tiefer. Die Sprünge auf immer neue Rekordmarken an den Börsen bis Anfang Juli seien schon seit einiger Zeit nicht mehr durch die Entwicklung der Unternehmensumsätze und -gewinne gedeckt gewesen, meint Markus Reinwand, Aktienstratege bei der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba): „Ein Teil dieser Überhitzung hat sich im Zuge der jüngsten Kurskorrekturen abgebaut.“ Und er glaubt nicht, dass dies schon alles gewesen ist. Seiner Ansicht nach sind die meisten Aktieninvestoren immer noch zu optimistisch für die gegenwärtige Lage.

Ähnlich sehen das auch technische Analysten, die ihre Prognosen auf die Schaubilder der Kursverläufe stützen. Solche Herangehensweisen sind vor allem dann gefragt, wenn die Kurse scheinbar ziellos abstürzen. Sie sollen dann aufzeigen, wo vielleicht wieder ein Halt gefunden werden könnte. Doch auch Experten für solche Analysen warnen, wie beispielsweise von der Société Générale: „Das Bild sieht hässlich aus“, stellen sie fest. Sie sagen einen Absturz von mindestens weiteren fünf bis sechs Prozent voraus, bevor sich ein Boden bilden könnte. „In der Zwischenzeit sollte man nicht versuchen, das fallende Messer aufzufangen.“

Für Jochen Intelmann ist die Unsicherheit derzeit das größte Gift für die Aktienkurse. Grundsätzlich hält er die deutschen Wertpapiere nicht für überbewertet, obwohl sich die Kurse seit 2011 fast verdoppelt haben. „Die Kurse folgten mit Verzögerung den Unternehmensgewinnen der DAX-Konzerne. Wir haben keine Aktienblase.“ Auch konjunkturell blickt Intelmann positiv in die Zukunft. Das Wachstum in den USA und China habe sich stabilisiert. Die weitere Entwicklung an den Börsen hänge maßgeblich davon ab, wie schnell Lösungen für die aktuellen geopolitischen Konflikte gefunden würden. „Wenn die Ukraine-Krise in den nächsten Wochen gelöst wird, dürfte sich die Stimmung schnell verbessern und die Kurse wieder steigen.“

Auch der Volkswirt der Hamburger Berenberg-Bank, Christian Schulz, bleibt optimistisch: „Wir haben derzeit eine schwierige Gemengelage aus geopolitischen Krisen und wirtschaftlichen Faktoren, doch die Aussichten sind nicht schlecht.“ Der Aufschwung in Europa stehe auf einem soliden Fundament. Selbst wenn sämtliche Exporte nach Russland ausfielen, würde dies Deutschland nicht in die Rezession führen, ist Schulz überzeugt. „Russland ist ein wichtiger Markt, aber für Deutschland nicht entscheidend.“ Russland schade sich selbst mit seinen Sanktionen mehr als Europa. „Ein Aufwärtspotenzial für Aktien ist aus volkswirtschaftlicher Sicht weiter da.“