Krim-Krise: Hamburgs Wirtschaft besorgt

600 Unternehmen aus der Hansestadt sind im Handel mit Russland aktiv. Ökonomische Sanktionen würden die Firmen und den Hafen schwer treffen

Hamburg. Der Zeitpunkt könnte kaum unglücklicher getroffen sein, auch wenn er sicher nicht so geplant war: Ausgerechnet inmitten der Krim-Krise kaufen Russen zwei bekannte Hamburger Unternehmen. Vor wenigen Tagen ging die Sietas-Werft an den in St. Petersburg ansässigen Schiffbauer Pella Shipyard – und der RWE-Konzern will seine Hamburger Öl- und Gasfördertochter Dea für gut fünf Milliarden Euro an einen Fonds abgeben, hinter dem der russische Milliardär Michail Fridman steht. Umgehend kritisierten Wirtschaftspolitiker der CDU und der Grünen das Geschäft: Die Energieabhängigkeit Deutschlands von Russland könne damit noch weiter zunehmen. RWE-Chef Peter Terium konterte hingegen, man habe ausführlich mit der Bundesregierung über die Verkaufspläne gesprochen und auch die aktuelle Krise mit Russland in die Überlegungen einbezogen.

Hamburger Unternehmen fürchten derzeit jedoch die wirtschaftlichen Folgen einer Verschärfung dieses Konflikts. „Es gibt große Sorgen unter den Firmen, dass man sich auf echte Handels- und Wirtschaftssanktionen zubewegt“, sagt Corinna Nienstedt, die bei der Handelskammer Hamburg den Geschäftsbereich International leitet. „In den Unternehmen, die Geschäftsbeziehungen mit Russland unterhalten, befürchtet man, dass durch derartige Aktionen und Reaktionen eine Spirale mit immer heftigeren Folgen in Gang gesetzt wird.“

Davon wäre Hamburg sehr stark betroffen. Mehr als 600 Firmen aus der Hansestadt sind im Russland-Geschäft aktiv – und der osteuropäische Staat ist immerhin der sechstwichtigste Handelspartner Hamburgs. Im vergangenen Jahr hat sich das gesamte Außenhandelsvolumen der Hansestadt mit Russland um fast ein Viertel auf 3,83 Milliarden Euro erhöht.

Für den Hafen ist Russland mit einem Transportvolumen von rund 718.000 Standardcontainern im Jahr 2013 sogar der zweitwichtigste Handelspartner. Der Hamburger Hafen ist die zentrale Drehscheibe für den Handel Russlands mit der Europäischen Union (EU), jede Woche gibt es rund 13 Verbindungen mit Feederschiffen.

Zwar beziehen sich die bisher von den USA und der EU verhängten Sanktionen nur auf wenige Einzelpersonen: Für 13 Russen und acht Spitzenpolitiker der Krim gelten Einreiseverbote, ihre Konten wurden gesperrt. Für den Fall, dass Russlands Präsident Wladimir Putin die Ostukraine über die Halbinsel Krim hinaus destabilisieren sollte, droht Brüssel jedoch mit echten Handelsbeschränkungen.

„Aber schon die große Verunsicherung, die jetzt herrscht, behindert die Wirtschaftsbeziehungen mit Russland“, sagt Michael Bräuninger, Forschungsdirektor am Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut (HWWI). Denn Außenhändler könnten nicht sicher sein, dass die Zahlungsabwicklung in einigen Wochen oder Monaten noch ungestört ablaufen werde. Sollten echte Wirtschaftssanktionen verhängt werden, hätte dies „sehr stark negative Effekte“ auf Hamburg, aber auch auf der russischen Seite. „Insofern hoffe ich, dass andere Lösungen gefunden werden“, so der Wissenschaftler. Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Krise hat Bräuninger aber nicht: „Wir werden uns wohl auf einen lang anhaltenden Konflikt einstellen müssen, der hoffentlich ein politischer Konflikt bleibt.“

Hans Fabian Kruse, Präsident des AGA Unternehmensverbandes in Hamburg, in dem unter anderem Groß- und Außenhändler organisiert sind, warnt ebenfalls vor den Folgen verschärfter Sanktionen: „Ein Handelskonflikt wäre schmerzhaft für die norddeutschen Unternehmen.“ Eine gegenseitige Sanktionsspirale helfe niemandem. „Unsere Mitgliedsunternehmen sind aktuell besorgt, was sich auch an den vermehrten Anfragen von Firmen ablesen lässt“, so Kruse.

Auch beim Hamburger Versandhandelskonzern Otto muss man sich Gedanken machen. Otto ist nach eigenen Angaben der größte Onlinehändler in Russland und unterhält unter anderem ein großes Logistikzentrum in der Nähe von Moskau. Daher schauen die Hanseaten derzeit sehr genau auf die Entwicklung in dem Riesenreich und auf der Krim. „Wir sind natürlich besorgt über die Situation der Menschen in der Ukraine“, sagte Alexander Birken, Konzernvorstand Multichannel Distanzhandel, am Rande einer Pressekonferenz in der Hansestadt. Bislang spüre man aber noch keine Auswirkungen auf das Versandgeschäft in Russland. Eine Veränderung der Strategie sei derzeit nicht geplant. Allerdings fliege man in Russland „jetzt mehr auf Sicht“, wie sich Birken ausdrückte.

„Die vielen Mittelständler, die sich mit Herzblut in Russland engagieren und die zu einem großen Teil über den Hamburger Hafen im Ostgeschäft tätig sind, hätten aber die größten Probleme, wenn sich die Lage verschärfen sollte“, sagt Karin von Bismarck, Vorstandsvorsitzende des Wirtschaftsclubs Russland, der den Austausch unter deutschsprachigen Führungskräften, die in Russland leben und arbeiten, fördern will. In den Unternehmen, die dort aktiv seien, könne man „eine gewisse Nervosität“ spüren, was sich unter anderem in der Belegung von Flügen mit Geschäftsreisenden zeige.

„Bei Gesprächen auf persönlicher Ebene zwischen deutschen und russischen Handelspartnern ist aber keine Verschlechterung des Klimas festzustellen“, schränkt Karin von Bismarck ein. Es komme nun darauf an, Ängste abzubauen. Eine für Dienstag in Hamburg angesetzte Veranstaltung unter dem Titel „Hamburger Hafen, Knotenpunkt zwischen Deutschland und Russland“ könne dazu beitragen.

Nach Auffassung von Experten ist die Hoffnung, dass es nicht zu scharfen Sanktionen kommt, durchaus berechtigt. Denn eine Ausweitung des Konflikts mit dem Westen würde die ohnehin fragile russische Wirtschaft derart schädigen, dass Putins Machtbasis gefährdet wäre – was diesem zweifellos bewusst sei: Die Unzufriedenheit der Bevölkerung über die Verschlechterung des Lebensstandards könnte den Präsidenten aus dem Amt fegen, sagt Holger Schmieding, Chefvolkswirt des Hamburger Bankhauses Berenberg.

Schon jetzt leiden die Russen unter einer Verteuerung der Importe durch den Verfall des Rubel-Kurses, der gegenüber dem Euro seit Jahresbeginn um bis zu 13 Prozent abgerutscht ist. Dieser Faktor, zusammen mit den politischen Spannungen, könnte sich auch auf den Tourismus auswirken. Gerade bei Gesundheitsreisen sei Russland für die Hamburger Kliniken ein sehr wichtiger Markt, erklärt Sascha Albertsen, Sprecher von Hamburg Tourismus. Aktuell könne man im Hinblick auf die gesamten Gästezahlen aus Russland noch keine Abschwächung feststellen, weil die jüngsten offiziellen Daten aus dem Januar stammen. Zuletzt habe es hier aber noch starke Zuwächse gegeben: Seit 2007 hat sich die Zahl der Übernachtungen von knapp 40.000 auf 80.000 verdoppelt – und die Russen seien „gern gesehene Gäste, weil sie sehr kaufkräftig sind“.