Hamburger Spielebranche schwächelt

Mehr Konkurrenz, erste Flops. Die Zahl der Jobs nimmt bei den erfolgsverwöhnten Games-Unternehmen ab – um fast 300

Hamburg. Es ist noch nicht lange her, da galt Hamburg als das Schlaraffenland für Spieleprogrammierer. Im Kampf um die besten Fachkräfte überboten sich die Firmen gegenseitig und rollten selbst gering qualifizierten Bewerbern den roten Teppich aus. Manche lockten nicht nur mit regelmäßigen Spieleabenden, sondern auch mit Swimmingpools, Fitnessräumen oder kostenlosem Feierabendbier.

Solche Angebote für Spitzenkräfte gibt es heute vereinzelt zwar immer noch. Doch von einem krisenfesten Arbeitsplatz kann in der erfolgsverwöhnten Branche kaum mehr die Rede sein. Erstmals ist die Zahl der Mitarbeiter in den vergangenen zwölf Monaten nämlich nicht mehr gestiegen, sondern um 293 auf nun noch 3708 gesunken – ein Minus von gut sieben Prozent.

Wie aus einer gerade veröffentlichten Umfrage des Branchennetzwerkes Gamecity:Hamburg hervorgeht, haben die Unternehmen vor allem bei den freien Mitarbeitern und bei Angestellten außerhalb der Hansestadt den Rotstift angesetzt. In diesen Bereichen betrug der Stellenabbau 40 Prozent. Die Zahl der fest angestellten Mitarbeiter zwischen Alster und Elbe stieg hingegen noch einmal leicht um rund 100 auf 3100 an.

Auch die Zahl der Firmen ist erstmals seit dem Beginn der Erhebung um 15 auf nun noch 140 gesunken. Einen Schwund gab es sowohl bei Spieleentwicklern als auch bei Dienstleistern, PR-Agenturen und Beratern. Dabei blieben vor allem kleine Unternehmen auf der Strecke, die von der technologischen Entwicklung überrollt wurden. Manch eine Firma hat ihren Schwerpunkt auch auf andere Bereiche verlagert und ist so aus der Statistik gefallen.

„Die Branche befindet sich mittlerweile in einer Phase der Konsolidierung, die Bäume wachsen nicht mehr in den Himmel“, sagt der Projektleiter von Gamecity:Hamburg, Stefan Klein, dem Abendblatt. Angesichts der allgemeinen Lage seien die Einschnitte allerdings noch vergleichsweise glimpflich ausgefallen. Zudem zeige der Zuwachs bei den Festanstellungen, dass sich die Firmen als solider Arbeitgeber in der Stadt etablierten.

Verschärft hat sich vor allem die Konkurrenz aus Übersee. Konnten die auf Online- und Browsergames spezialisierten Hamburger Branchengrößen wie Bigpoint früher weitgehend unbehelligt auf dem europäischen Markt agieren, so drängen nun vermehrt Unternehmen aus den USA und Asien in das Geschäft. „Die Kosten, um einen neuen Nutzer für ein Onlinespiel zu gewinnen, sind wegen der größeren Konkurrenz deutlich gestiegen“, sagt Klein. Galt in der Branche noch bis vor Kurzem die Regel, dass etwa ein Euro investiert werden muss, um einen neuen Spieler zu gewinnen, so müssen die Firmen nun mit drei bis vier Euro kalkulieren. Zudem wird es immer schwieriger, die Fans bei der Stange zu halten. Die Loyalität der Spieler sinkt.

Die meisten Hamburger Spielefirmen bieten Programme an, die für die Nutzer zunächst kostenlos sind. Ihre Erlöse generieren die Unternehmen durch den Verkauf virtueller Güter wie Rüben, Erdbeeren oder Mais in Bauernhof-Spielen oder Schwertern und Rüstungen in Programmen, die in einer mittelalterlichen Welt angesiedelt sind.

Die größten Einschnitte gab es in den vergangenen zwölf Monaten beim Hamburger Branchenprimus Bigpoint, der allein 120 Arbeitsplätze an seinem ehemaligen Standort in San Francisco und in der Hansestadt gestrichen hat. Zuvor war unter anderem ein extra für den US-Markt produziertes Endzeitspiel namens „Ruined“ („Ruiniert“) gefloppt. Zeitgleich zog sich der langjährige Chef und Gründer Heiko Hubertz zurück und ging erst mal auf Reisen.

Der neue Bigpoint-Chef Khaled Helioui kündigte im Frühjahr zwar an, wieder zu expandieren und 50 neue Fachkräfte einzustellen, doch bislang bewegt sich die Zahl der Beschäftigten noch immer bei rund 700 und damit deutlich unter der einstigen Höchstmarke von mehr als 800 weltweit.

Einen Rückschlag musste jüngst auch die Harburger Spielefirma Innogames verkraften. Im Juni stellte das Unternehmen die Entwicklung des Piratenspiels „Kartuga“ ein, in das die Chefs zuvor große Hoffnungen gesetzt hatten. Vor allem in Sachen Grafik sollte das Spiel neue Maßstäbe setzen.

Doch in der Testphase musste die Firma feststellen, dass nicht genügend Nutzer von dem Spiel überzeugt waren und nicht lange genug bei der Stange blieben. „Außerdem passte das Spiel nicht mehr in unsere neue Geschäftsstrategie, nach der alle unsere Programme auf unterschiedlichen Plattformen wie PCs und Smartphones funktionieren sollen“, erklärte ein Sprecher.

Bitter war die Einstellung von „Kartuga“ vor allem für die 25 Mitarbeiter des erst Ende vergangenen Jahres übernommenen Entwicklerstudios Ticking Bomb Games, das die Muttergesellschaft zusammen mit dem Spiel gleich mit versenkte. Ein Teil kam wieder bei Innogames unter, die übrigen befinden sich noch auf Jobsuche.

Trotz dieses Rückschlags steht das Harburger Unternehmen dank beliebter Strategiespiele wie „Forge of Empires“ oder „Grepolis“ durchaus positiv da. Nach einem Umsatz von rund 50 Millionen Euro im vergangenen Jahr sind die Erlöse in der ersten Hälfte 2013 um weitere 60 Prozent in die Höhe geschnellt. 40 Stellen sind bei Innogames derzeit ausgeschrieben, mittelfristig stellt sich das Unternehmen mit aktuell 250 Beschäftigten sogar noch auf einen deutlichen höheren Personalzuwachs ein. Im Februar will man neue Büros in der Innenstadt beziehen, die auf bis zu 500 Mitarbeiter ausgelegt sind.

Beim dritten großen Hamburger Spieleentwickler Goodgame Studios mit rund 500 Beschäftigten will man denn von einer etwaigen Krise oder schwierigeren Geschäften auch gar nicht sprechen. „Wir haben seit Ende vergangenen Jahres 200 neue Stellen geschaffen und liegen damit voll im Plan“, sagt ein Unternehmenssprecher. Derzeit sind die Bahrenfelder gerade dabei, mit aufwendigen TV-Spots auf ihre Onlinespiele aufmerksam zu machen. „Das Geld dafür nehmen wir aus dem Cashflow“, so der Sprecher.

Insgesamt soll die Zahl der Beschäftigten bis Ende dieses Jahres wieder um fast 200 zunehmen, wie aus der aktuellen Umfrage hervorgeht. Eine gewisse Skepsis ist dabei aber angebracht. Vor einem Jahr hatten die Firmen noch mit einem Zuwachs von gut 400 Jobs gerechnet – und sich auf diese Weise kräftig verkalkuliert.