Hamburgs neue Gastarbeiter

Sie sind top qualifiziert, doch in ihrer spanischen Heimat haben sie keine Chance auf einen Job. 17 Azubis wagen jetzt in Hotels einen Neuanfang

Hamburg. Agnieszka Miszczynska ist ausgesprochen gut ausgebildet. In ihrer Heimatstadt Guadalajara nördlich von Madrid hat die 28-Jährige ein Studium als Grundschullehrerin abgeschlossen. Ein Diplom im Bereich Marketing hat die Spanierin mit polnischen Wurzeln obendrein.

Dennoch arbeitet die junge Frau mit den dunkelbraunen Haaren und dem freundlichen gewinnenden Lächeln nicht in einem ihrer erlernten Berufe in Spanien, sondern im Hotel Ibis Styles im Hamburger Bezirk Wandsbek. Sie deckt den Tisch für das Frühstücksbüfett, räumt die Zimmer auf, steht an der Rezeption, spricht mit den Gästen – die Standardaufgaben einer angehenden Hotelfachfrau.

„In meiner Heimat ist es wegen der Wirtschaftskrise nahezu unmöglich, einen Arbeitsplatz zu finden“, sagt Miszczynska, während sie mit Pferdeschwanz im knallbunten Frühstücksraum des kleinen Hotels sitzt. „Hier in Hamburg habe ich dagegen die Möglichkeit, etwas aus meinem Leben zu machen.“

Die junge Spanierin ist eine von 17 zuvor arbeitslosen Südeuropäern, die gerade ihre Ausbildung im Hamburger Hotel- und Gaststättengewerbe begonnen haben. Ihre dreijährige Lehre absolvieren sie in renommierten Einrichtungen wie dem Crowne Plaza, dem Le Royal Méridien, dem Marriott oder auch in einem Hotel am Timmendorfer Strand. Es ist die bislang größte Gruppe von Azubis aus Südeuropa, die in der Hansestadt einen Neuanfang wagt. Zur Begrüßung der neuen Gastarbeiter erschien am Mittwoch sogar Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz.

Entstanden ist das Projekt durch eine Kooperation zwischen dem Bildungszentrum Grone und der Arbeitsverwaltung der autonomen Regierung von Castilla-La Mancha. Auch die Bundesagentur für Arbeit und der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband sind an der Aktion beteiligt. Sie ist Teil eines Sonderprogramms der Bundesregierung und soll nicht nur ein Zeichen gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa setzen, sondern auch dabei helfen, den Fachkräftemangel in der Hansestadt zu bekämpfen.

Das Interesse an dem Programm ist groß. Rund 200 junge Erwachsene bewarben sich um die wenigen Plätze. Im Juni wurden sie zunächst für einen Tag zu Vorstellungsgesprächen nach Hamburg eingeflogen, es folgten mehrwöchige Praktika, bevor die Ausbildungsverträge unterzeichnet wurden.

Die größte Hürde für Agnieszka Miszczynska und ihre Kollegen ist derzeit die deutsche Sprache. Einen Monat lang hat die angehende Hotelfachfrau in ihrer Heimat Vokabeln und Grammatik gebüffelt. „Doch das reicht natürlich bei Weitem nicht aus“, sagt sie auf Englisch. „Teller“, „Gabel“, „Löffel“ – es sind die einfachen Begriffe, die sie jetzt bei ihrer Arbeit am Frühstücksbüfett verinnerlicht. „Meine Arbeitskolleginnen sprechen ausschließlich Deutsch mit mir – das hilft beim Lernen sehr.“

Hoteldirektor Sebastian Horn ist von seiner neuen Auszubildenden begeistert. „Sie ist hoch qualifiziert und ausgesprochen motiviert, was wir von manch einem deutschen Bewerber nicht gerade sagen können“, sagt er. Zudem sei es aufgrund des schlechten Image der Hotel- und Gaststättenbranche ohnehin schwierig, ausreichend Nachwuchs zu finden. „Daher beteiligen wir uns gern an diesem Projekt.“

Hoch motiviert und qualifiziert sind auch die anderen jungen Spanier, die jetzt nach Hamburg gekommen sind. Bruno Martinez Gotor aus Saragossa hat schon eine Ausbildung zum TV- und Fernsehproduzenten hinter sich, doch auch er konnte in seinem erlernten Beruf keinen Arbeitsplatz finden. Da ein Teil seiner Familie in der Nähe von Frankfurt lebt und er schon in der Schule zwei Jahre lang Deutsch lernte, entschied er sich, die Chance in der Bundesrepublik zu ergreifen.

Gotor hat gerade seine Ausbildung im renommierten Marriott Hotel begonnen. Seine ersten Erfahrungen sind positiv, nur die ungewohnten Arbeitszeiten machen dem 25-Jährigen noch zu schaffen: Um 4 Uhr früh steht er derzeit auf, um pünktlich um 5 Uhr seinen Dienst anzutreten.

Ivan Ambite Sanz, 32, ist vor allem wegen der starken Ökonomie nach Hamburg gekommen. In Spanien hat er in einer Bank gearbeitet, hat Wirtschaftsmanagement in Großbritannien studiert. Einen vernünftigen Arbeitsplatz in seiner Heimat konnte aber auch er nicht finden. Nun ist er im Sofitel in der City gelandet. „Ein gutes, sehr zentral gelegenes Hotel“, sagt Sanz, der seine Entscheidung, Spanien den Rücken gekehrt zu haben, nicht bereut.

Einfach werden die kommenden Jahre in Hansestadt für die jungen Auswanderer allerdings nicht werden. Gerade einmal 818 Euro haben sie monatlich zur Verfügung, nicht viel in einer teuren Metropole wie Hamburg. Um die Wohnungskosten in Grenzen zu halten, hat die Bildungseinrichtung Grone halbwegs preiswerte Unterkünfte organisiert. Zwei sprachkundige „Kümmerer“ sollen zudem bei Problemen während der Ausbildung, in der Freizeit oder mit den Behörden helfen.

Vor allem im Kampf mit der Bürokratie dürfte dies wichtig sein. „Ich habe noch nie so viele Papiere unterschreiben müssen wie in Deutschland“, sagt Agnieszka Miszczynska lachend.