Chemieunternehmen

H&R in der Krise: 70 von 640 Mitarbeitern müssen gehen

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Stephan Maaß

Das Chemieunternehmen H&R setzt den Rotstift an. Insgesamt 70 Stellen und die Dividende werden gestrichen. "Das Raffineriegeschäft ist in einer schwierigen Phase", sagt Niels Hansen.

Hamburg . Niels Hansen führt das Spezialchemieunternehmen H&R seit Anfang des vergangenen Jahres. Dass er, erst relativ frisch an der Spitze, jetzt schlechte Nachrichten verkünden muss, macht ihm sichtlich zu schaffen. Für 2012 wird keine Dividende ausgeschüttet, und es werden darüber hinaus auch Arbeitsplätze abgebaut. "Das Raffineriegeschäft ist in einer schwierigen Phase", sagt der 48-Jährige zur Begründung. Die Verschuldungskrise in Europa, die damit verbundene Verlangsamung der Konjunktur und die Abschwächung in Asien hätten im vergangenen Jahr das Geschäft bestimmt. Auch der Wettbewerbsdruck habe sich erhöht. Höhere Rohstoffkosten und volatilere Margen hätten zwar den Umsatz steigen lassen, aber unter dem Strich ist deutlich weniger übrig geblieben.

Konsequenz: Bei H&R muss noch kräftiger gespart werden, als es das Anfang 2012 aufgelegte Effizienzsteigerungsprogramm vorgibt, mit dem bis 2014 ein um zehn Millionen Euro höheres Ergebnis erreicht werden sollte. Jetzt kommen auch die Personalausgaben auf den Plan. "In den kommenden drei Jahren werden wir an den beiden Raffinerien in Hamburg und Salzbergen zusammen 70 Arbeitsplätze sozialverträglich abbauen", sagt Hansen. In der Hansestadt arbeiten etwa 270, in Salzbergen rund 370 Beschäftigte. Auf betriebsbedingte Kündigungen will das Unternehmen verzichten. Aber frei werdende Stellen sollen nicht mehr besetzt werden. Zudem kündigte Hansen an, vorbehaltlich einer Einigung mit Betriebsrat und Gewerkschaften, ein variables Lohnsteigerungsmodell einführen zu wollen.

Bittere Zeiten gibt es auch für die in der Vergangenheit eher verwöhnten Aktionäre - wobei erwähnt werden muss, dass die H&R AG zu mehr als 50 Prozent der Familie Hansen gehört, die hinter dem Vorstandschef steht, wie er selbst betont. Das Jahresergebnis für 2012 lässt die Zahlung einer Dividende nicht zu. "Grundsätzlich ist die Ausschüttung abhängig von der Ertragssituation des Unternehmens. Die nunmehr beschlossenen Maßnahmen leisten einen wichtigen Beitrag zur Ergebnisstabilisierung der H&R AG", sagte Finanzvorstand Luis Rauch.

Überschuss ging von 38,5 Mio. auf 400.000 Euro zurück

Die Firma hat im Vorjahr den Umsatz um rund 1,5 Prozent auf 1,23 Milliarden Euro gesteigert. Aber das operative Ergebnis (Ebitda) sank von 89 Millionen auf 49,3 Millionen Euro. Der Jahresüberschuss ging von 38,5 Millionen auf 400.000 Euro zurück.

H&R stellt in seinen beiden Raffinerien medizinische Weißöle und Weichmacher her, die etwa in der Pharma- und Kosmetikindustrie oder bei der Reifenherstellung zur Anwendung kommen. Damit geht das Unternehmen regelmäßig ein Währungs- und Rohstoffkostenrisiko ein, weil höhere Einkaufspreise nicht automatisch sofort bei den raffinierten Produkten weitergegeben werden können oder weil die Firma noch auf teurer eingekauftem Rohöl sitzt und die Marktpreise sinken. Beides drückt auf die Marge, kann aber auf der anderen Seite auch für kräftige Gewinne sorgen.

Doch weil das Risiko wohl überwiegt, wechselt H&R in der Salzbergener Raffinerie jetzt zur Auftragsfertigung - die beschriebenen finanziellen Risiken trägt der Auftraggeber. Das garantiere einen langfristig stabilen Finanzierungsrahmen, sagt Hansen. In Hamburg solle aber weiter auf eigenes Risiko produziert werden.

H&R plant weitere Investitionen in Asien

Der Ausblick für das laufende Geschäftsjahr sei vor dem Hintergrund eines verhaltenen Jahresstarts und der erst im Laufe des Jahres vollständig einsetzenden Wirkung aller Maßnahmen konservativ, aber dennoch optimistisch. Hamburg könnte von einer sich seit März abzeichnenden Erholung des Grundölpreises sogar profitieren, sagt Hansen.

Zudem plant H&R weitere Investitionen in Asien. Es bestehe die Möglichkeit, dass in diesem Jahr größere Maßnahmen zum Ausbau des asiatischen Geschäfts anstehen, deutete Hansen im Gespräch mit dem Abendblatt an. Eine Niederlassung in Singapur wurde erst im vergangenen Jahr eröffnet, die vorhandene Dependance in Indien zudem vergrößert. Dort verfügt das Unternehmen auch über eigene Tanklager. Vor einigen Jahren ist das Unternehmen schon nach Thailand und Malaysia gegangen. Sogar im fernen Australien ist H&R vertreten.

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