Selbstanzeige von Uli Hoeneß

Ein Saubermann wird zum Steuersünder

Uli Hoeneß gab sich stets als Mann mit weißer Weste. Es sei doch „unklug, ins Gefängnis zu wandern, nur um ein paar Mark Steuern zu sparen“. Aber genau das könnte ihm jetzt blühen.

Keine Tricks. Klare Kante. Deutliche Ansagen. Dafür steht Uli Hoeneß. Etwa mit diesem Satz in der „Bild“-Zeitung: „Ich weiß, dass das doof ist. Aber ich zahle volle Steuern.“ Schnitt. Auftritt in der Talkshow von Günther Jauch: „Wohlstand bedeutet, dass man relativ sorgenfrei leben kann. Dass ich eine Arbeit habe und am Monatsende genug Geld, um die Familie zu ernähren.“ Schnitt. Großes Porträt und Interview im Magazin „Brandeins“: „Natürlich will ich Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Wenn es um Geld geht, muss man auch mal zufrieden sein.“ Egoismus, Ehrgeiz, der Wille, ja die Sucht nach dem Erfolg – aber auch immer wieder das Appellieren an den Gemeinsinn, das soziale Gewissen, das Gerechtigkeitsempfinden: Das sind die beiden Pole in der öffentliche Welt des Uli Hoeneß. Sie passten gut zueinander, wie zwei Magneten, die sich immer wieder zu einem Ganzen vereinbaren.

So war der Stand, und er war ein guter. Bis zum Sonnabend, 20. April. Seitdem ist nichts mehr in Ordnung in der Welt des Uli Hoeneß. Vor der Villa am Tegernsee, nur wenige Meter vom hölzernen Zaun, warten die Reporter und Kamerateams. Doch der 61-Jährige ist abgetaucht. Er hat sich auch nicht das Spiel seiner Bayern gegen Hannover 96 angeschaut, bei dem die Mannschaft ihren Gegner mit 1:6 Toren abschoss. Alles, was er zu sagen hatte, stand in einer Vorabmeldung, die das Magazin „Focus“ am Sonnabend veröffentlichte. Die Zeitschrift, die sein Freund und Sitznachbar in der „Allianz Arena“, Helmut Markwort, jahrelang geleitet hatte. Der Draht in die Redaktion dürfte ein kurzer gewesen sein. Kurz und knapp heißt es da: „Ich habe im Januar 2013 über meinen Steuerberater beim Finanzamt eine Selbstanzeige eingereicht“, so Hoeneß. Diese hänge „mit einem Konto von mir in der Schweiz“ zusammen. Die Wirksamkeit der Selbstanzeige und die steuerlichen Folgen würden „derzeit von den Behörden geprüft“, heißt es weiter.

Der Ex-Bayern-Manager erklärte laut „Focus“ ferner, er habe die „Angelegenheit ursprünglich“ über das Deutsch-Schweizerische Steuerabkommen regeln wollen, das „dann bekanntlich Mitte Dezember 2012 nicht zustande gekommen“ sei. Das Abkommen scheiterte damals im Bundesrat.

Es war ein Wettlauf mit der Zeit, den Hoeneß, der einst so schnelle Stürmer des FCB, diesmal offenbar zumindest in Teilen verloren hat.

Es soll um 650 Millionen Euro gehen

Im Januar, dem Monat, in dem sich Hoeneß wohl selbst anzeigte, erschien im Magazin „Stern“ eine Geschichte über Schwarzgeldkonten. Auch ein „Spitzenvertreter der deutschen Fußball-Bundesliga“ sei darunter, der ein „Vermögen in dreistelliger Millionenhöhe auf einem Schweizer Nummernkonto versteckt“ haben soll, hieß es in dem Bericht. Auch eine Zahl wurde genannt: 650 Millionen Euro.

Viele Journalisten begannen damals zu recherchieren. Auch die Kollegen von der Münchner „Abendzeitung“. Sie schreiben nun von „unvorstellbaren Summen“ im Falle Hoeneß. Darauf schließen lasse auch die erste Abschlagszahlung, die Hoeneß nach seiner Selbstanzeige bereits geleistet habe. Hoeneß selbst hatte sich nicht zu konkreten Summen geäußert. Umso mehr wird spekuliert. Wahlweise ist die Rede von fünf („Abendzeitung“) oder sechs Millionen Euro Abschlag („Bild am Sonntag“).

Der Chef der Deutschen Steuer-Gewerkschaft, Thomas Eigenthaler, folgert in der „Bild am Sonntag“ daraus, dass „Hoeneß mindestens zehn Millionen Euro Einnahmen nicht angegeben hat“. Zehn oder 100 Millionen Euro, das ist ein Unterschied. Der eine Betrag, er ist bei einem geschäftlich mit allen Mitteln gewaschenen Mittelständler wie Hoeneß denkbar. Jüngst posierte der Patriarch, der mit seiner Würstchenfabrik HoWe Wurstwaren unter anderem den Lebensmitteldiscounter Aldi belieferte, noch selbst als Werbemodell: Für die Fast-Food-Kette McDonald’s ließ er sich als Erfinder des „Nürnburgers“ am Grill ablichten. Seine in Nürnberg ansässige Firma (300 Mitglieder, geschätzter Jahresumsatz 45 Millionen Euro) liefert die Würste.

Die Einnahmen aus seiner Zeit als Fußballprofi, eine funktionierende Firma, das Engagement als Manager des FC Bayern – da dürfte einiges an Vermögenswerten zusammengekommen sein. Aber die andere Zahl? Die „unfassbaren“ mehreren Millionen Euro? Wenn es sie denn wirklich gibt, ist es dann denkbar, dass sie klassisch erwirtschaftet wurden? Oder hat Ulrich Hoeneß noch ganz andere Einnahmequellen, für die sich nun die Steuerfahndung interessieren wird?

„Hoeneß hat zu hoch gepokert“

Es müssen aufregende, anstrengende Wochen für Uli Hoeneß gewesen sein. Auch weil sein Wohl und Wehe nicht wie sonst von ihm, dem Macher und Schaffer, sondern von der Politik abhing. Die debattierte monatelang über eine Amnestie für Steuersünder, die sein kleines oder auch großes Problem dezent hätte lösen können. Zur Erinnerung: Über das Steuerabkommen hätten Personen, die in der Schweiz nicht versteuerte Gelder liegen haben, dies mit einer für den deutschen Fiskus anonymen pauschalen Einmalzahlung legalisieren können. „Hoeneß hat zu hoch gepokert“, sagt der Chef der Deutschen Steuergewerkschaft Thomas Eigenthaler. Wäre das Steuerabkommen durchgekommen, hätte vielleicht niemand von seinem Schwarzgeld-Konto erfahren. Nun, nach Bekanntwerden, müsse Hoeneß die Steuer nachzahlen, plus sechs Prozent Zinsen pro Jahr. Und nicht nur das: „Ob er straffrei bleibt, muss jetzt sauber geprüft werden“, so Eigenthaler in der „Bild am Sonntag“. „Die Behörden werden schauen, ob er für die letzten zehn Jahre alles vollständig nacherklärt hat.“

Karsten Randt von der Kanzlei Flick Gocke Schaumburg geht gegenüber der „Welt“ weiter. Es sei fraglich, ob Hoeneß mit der Selbstanzeige den Fall noch in den Griff bekomme: „Wenn es so ist, dass der Fall auf eine Daten-CD zurückgeht, dann steht die Wirksamkeit der Selbstanzeige infrage.“ Noch einmal: Bei einer Selbstanzeige kann ein Steuerhinterzieher auf ein geringeres Strafmaß und niedrigere Nachzahlungen hoffen. Dies setzt aber voraus, dass er zum Zeitpunkt der Selbstanzeige keine Kenntnis vom Beginn von Ermittlungen hatte. Andernfalls ist eine Selbstanzeige nicht mehr möglich beziehungsweise nicht mehr strafmildernd. Ob das bei Hoeneß der Fall war? Auch das prüft derzeit die Staatsanwaltschaft in München.

Und noch einen weiteren Aspekt gibt es, der stutzig macht: Laut Informationen diverser Medien gab es im März, also lange nach der Selbstanzeige, eine Durchsuchung in Hoeneß’ Haus im Tegernseer Tal. Offiziell bestätigt wurde die Durchsuchung nicht. Sollte sie wirklich stattgefunden haben, ist dies nach Ansicht von Karsten Randt „sehr ungewöhnlich“, da derjenige, der sich selbst anzeige, einen sogenannten Vertrauensschutz genießt. Randt zur „Welt“: „Eine Durchsuchung ist nur dann möglich, wenn die Selbstanzeige widersprüchlich oder erkennbar unvollständig ist.“

Dezember, Januar, März. Uli Hoeneß wusste seit Monaten, dass es eng wird. Nach außen hin jedoch wahrte der 61-Jährige die Fassade. Saß wie immer im Stadion mit dem typischen knallroten Bayernschal, der oft so unvorteilhaft mit dem geröteten Kopf kontrastierte (zurückzuführen auf eine Allergie, so Ehefrau Susi einst in einem Interview). Nun droht ein tiefer Fall ausgerechnet für ihn, der ein wohlgeratenes Lebenswerk vorzuweisen hatte.

Prall gefülltes Festgeldkonto

Ulrich „Uli“ Hoeneß wird am 5. Januar 1952 in Ulm als Sohn eines Metzgers geboren. Wichtiger als das Fleischerhandwerk ist ihm aber zunächst der Fußball. Von 1970 bis 1979 ist er aktiv, beim 1. FC Bayern. „Schnellster lebender Stürmer Europas“, das Lob steht heute noch im Internetlexikon Wikipedia. Der Wille ist stark, doch der Körper schwach: Ein Knorpelschaden beendet seine aktive Karriere, Hoeneß hört im Alter von nur 27 Jahren als Profi auf. Am 1. Mai 1979 beginnt sein zweites Leben. Er wird Manager beim FCB, damals der jüngste in der Liga. Er führt den Verein allein 16-mal zur Deutschen Meisterschaft (2013 noch nicht eingerechnet), international reicht es für den Weltpokal, Champions League (2000/2001) und den Gewinn des Uefa-Pokals. Im November 2009 beendet er die Manager-Tätigkeit, wird Präsident des FC Bayern München e. V., seit 2010 ist er zudem Aufsichtsratsvorsitzender – den Posten hatte zuvor Franz Beckenbauer.

Auch privat läuft es gut. Hoeneß bewohnt eine urige Bauernhaus-Villa am Tegernsee. In diesem Sommer ist er seit 30 Jahren mit Susi verheiratet, das Paar hat zwei Kinder. Sohn Florian vertraute er 2011 die Geschäfte seiner HoWe Wurstwaren KG an. Dazu immer wieder der Stolz auf seinen FC Bayern: Der legt derzeit das sportlich erfolgreichste Jahr seit Langem hin, wurde fünf Wochen vor Ende der Bundesligasaison Meister, das „Triple“ mit dem möglichen Gewinn des DFB-Pokals und dem Weiterkommen in der Champions League ist möglich. Das prall gefüllte „Festgeldkonto“ des FC Bayern ist legendär, der Club der reichste der Welt, ohne Scheichs und Schulden, das hat sein Macher immer betont.

Vorbild sein für andere, Verantwortung übernehmen, manchmal auch unangenehme Wahrheiten aussprechen – das waren die Charakterzüge, mit denen sich Uli Hoeneß auch fernab des Fußballs als moralische Autorität positionierte.

Als Vertreter der „Abteilung Attacke“ (den Begriff prägte Manager Willi Lemke von Werder Bremen) trat er im Sport, aber auch im Sozialen auf. Schwächelte ein Verein – etwa der FC St. Pauli –, war Hoeneß‘ FC Bayern gerne bereit zu einem Solispiel. Auch die Fußballprofis Sebastian Deisler (Depressionen), Breno (Brandstiftung, familiäre Probleme), Gerd Müller (Alkoholprobleme) kennen den fürsorglichen Uli Hoeneß. Als in München am S-Bahnhof Solln der Jurist Dominik Brunner in einer Schlägerei getötet wurde, weil er Jugendliche vor einer Attacke schützen wollte, war es auch Uli Hoeneß, der sich für eine „Stiftung für Zivilcourage“ einsetzte.

Warnungen vor Vorverurteilung

Aber nun ist die Empörung, das Entsetzen groß. SPD-Chef Sigmar Gabriel warnt nichtsdestotrotz vor einer Vorverurteilung: „Ob Uli Hoeneß zu den Steuersündern gehört oder nicht, muss die Justiz klären. Er hat das Recht auf ein faires Verfahren.“ Massive Vorwürfe macht er hingegen der CSU, „die dort mehr als 50 Jahre regiert und in dieser Zeit einen weiß-blauen Filz geschaffen hat, den man endlich beseitigen muss“.

Der so indirekt angegangene bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) räumte denn auch ein, schon seit Längerem Kenntnis von den Steuerermittlungen gegen Uli Hoeneß gehabt zu haben. „Ich weiß, dass ein Verfahren läuft“, sagte er der Onlineausgabe der „Abendzeitung“. Mehr noch, Seehofer erklärte, schon „vor einer geraumen Zeit“ informiert worden zu sein. „Das müssen jetzt die Justiz- und Finanzbehörden regeln.“

Seehofers Gegenspieler in Bayern, Florian Pronold von der SPD, fand härtere Worte. Er geißelte in der „Süddeutschen Zeitung“ das Vergehen von Hoeneß als „die schlimmste Form asozialen Verhaltens. Uli Hoeneß ist kein Vorbild mehr.“ Auch andere melden sich zu Wort. Der grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin etwa griff nicht nur Hoeneß, sondern auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) wegen dessen Eintreten für das Steuerabkommen mit der Schweiz an: „Ginge es nach Wolfgang Schäuble, würden Leute wie Uli Hoeneß noch immer ihre Gelder anonym in der Schweiz horten“, so Trittin zu der „Bild am Sonntag“.

Der so Gescholtene hält sich verbal vornehm zurück: Er sage zu dem Thema Hoeneß nichts, so Schäuble am Sonnabend in Washington nach der Frühjahrstagung des Internationalen Währungsfonds (IWF). „Jeder Kommentar von mir wäre einfach falsch.“ Er freue sich stattdessen über den 6:1-Sieg des FCB, sagte der erklärte Bayern-Fan Schäuble weiter zu einem „Welt“-Reporter.

Was zählt, ist auf dem Platz. Diese Fußballweisheit gilt auch in der Steuer-Causa Hoeneß. Auch wenn sein nächstes großes Spiel eventuell vor Gericht ausgetragen wird – mit möglicherweise schwerwiegenden Folgen.

Werfen wir noch einmal einen Blick zurück. Auf eine jener Aussagen des Uli Hoeneß, die einst so klar, so wahr klangen. Im August 2002 fragte ihn die „Welt“: „Herr Hoeneß , können Sie sich vorstellen, dass in der Bundesliga Schwarzgeld gezahlt wurde oder wird?“ Hoeneß antwortete: „Ich bin seit über 20 Jahren im Geschäft und kann für mich behaupten, dass ich nie mit solchen Praktiken zu tun hatte. (...) Es ist doch unklug, solche Dinge zu machen, denn irgendwann kommt doch immer alles heraus. Und es kann doch nicht der Sinn der Sache sein, ins Gefängnis zu wandern, nur um ein paar Mark Steuern zu sparen.“

Nun liegt es am „Kaiser“, der verbleibenden Lichtgestalt des FC Bayern, Wahrheiten auszusprechen. Ehrenpräsident Franz Beckenbauer sagte zum Thema Hoeneß: „Ich kann Uli nur die Daumen drücken, dass es gut ausgeht.“