Aufenthaltserlaubnis für Nicht-EU-Ausländer

Hamburg lockt Hochqualifizierte mit Spitzenjobs

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Beate Kranz

Nicht-EU-Ausländer kommen dank der neuen Blue Card leichter nach Deutschland. Es gibt bereits die ersten solcher Arbeitsverträge in der Stadt.

Hamburg. Für Narasimha Prasad ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Der gebürtige Inder hat nicht nur einen gut bezahlten Job bei einem Zulieferer des Flugzeugbauers Airbus bekommen, sondern will und darf in Deutschland auch für die nächsten zwei Jahre bleiben. Der 29-jährige Ingenieur arbeitete nach seinem Studium bereits bei einem Luftfahrtunternehmen in der indischen Millionenmetropole Bangalore. In einem Auswahlverfahren qualifizierte er sich für seine Beschäftigung in Hamburg. In Finkenwerder ist er nun im Einsatz - und fühlt sich an der Elbe, wie er betont, rundum wohl.

Möglich wird sein Sprung auf den europäischen Kontinent durch die neue Blue Card - eine EU-Richtlinie für Hochqualifizierte, die jetzt auch in Deutschland gilt. Seit August erhalten hoch qualifizierte Ausländer aus Nicht-EU-Ländern eine Aufenthaltserlaubnis für ein bis vier Jahre, wenn sie hierzulande mehr als 44.800 Euro jährlich verdienen. Beherrschen sie einen Beruf, der in Deutschland besonders stark gefragt ist, sinkt die Einkommensschwelle laut Gesetzeslage auf 34.944 Euro. Dazu zählen vor allem Tätigkeiten in den MINT-Berufen - also Jobs in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Bislang mussten ausländische Arbeitnehmer ein Jahresgehalt von mindestens 66.000 Euro vorweisen, um in Deutschland zu arbeiten - eine Summe, die nur Wenige erreichten.

Prasad war der Erste, der in diesen Tagen beim Hamburger Welcome Center am Alten Wall 11 die neue Blue Card beantragte - und auch bekommen wird. "Wir haben in diesen Tagen sehr viele Anfragen von Ausländern zur Blue Card", berichtet die Leiterin des Hamburg Welcome Centers (HWC), Birte Steller, 42. Viele Bewerber kommen aus Indien, den USA, Kanada, Japan, China und Russland. Rund 50 Beratungen habe es schon gegeben.

Vorgelegt werden müssen Pass, Foto, Versicherungsnachweis, akademischer Abschluss und Arbeitsvertrag. Die Ausstellung der Blue Card dauert nach Prüfung etwa vier bis sechs Wochen, da die Blue Cards in der Bundesdruckerei hergestellt werden müssen. Der große Vorteil für die Anwerber liegt darin, dass die Hürden zum Eintritt nach Deutschland zwar nicht ganz gefallen, aber doch deutlich gesenkt wurden.

Dies ist nicht nur im Sinne vieler flexibler Kosmopoliten aus Ländern außerhalb der EU, sondern kommt auch den Bedürfnissen vieler Arbeitgeber und Unternehmen in Deutschland nahe, die oft händeringend nach Fachkräften suchen. "Die Blue Card trägt dazu bei, dass heimische Unternehmen ihren Fachkräftebedarf mit Spezialisten decken. IT-Experten, Ingenieure oder Ärzte sind in Hamburg also herzlich willkommen", sagt Sönke Fock, Chef der Arbeitsagentur Hamburg. "Für Hamburg rechne ich bis zum Jahresende mit mehr als 120 Fachkräften aus dem außereuropäischen Ausland."

"Für unsere Mitarbeiter ist die Blue Card sehr interessant", sagt Srinivasa Prasad, Geschäftsführer von Aspect Ratio in Hamburg, der Narasimha Prasad eingestellt hat. Das Unternehmen mit Hauptsitz in Pfaffenhofen beschäftigt in Deutschland vor allem hoch qualifizierte Ingenieure, die Projekte für die Flugzeug- und Autoindustrie entwickeln und ausführen. "Wir stellen nur Ingenieure mit Erfahrung in der Branche ein", so Prasad. Angesichts des Fachkräftemangels in Deutschland sei es deshalb wichtig, geeignetes Personal auch im außereuropäischen Ausland zu suchen. In Indien wurden sie so auch auf Narasimha Prasad aufmerksam und boten ihm einen Job an. Aspect Ratio beschäftigt in Hamburg derzeit 36 Mitarbeiter, die aus mehreren Nationen kommen. Um den neuen Mitarbeitern den Einstieg in Deutschland zu erleichtern, übernimmt das Unternehmen nicht nur viele Formalitäten, sondern bietet ihnen auch Gästezimmer in Harburg an, in dem sie die ersten Wochen nach ihrer Ankunft wohnen können.

Der Industrieverband Hamburg (IVH) bewertet die Blue Card positiv: "Sie eröffnet die Chance, den chronischen Ingenieurmangel in Deutschland zu reduzieren", sagt August Wilhelm Henningsen, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa Technik AG und IVH-Vorstandsmitglied. Auch der Geschäftsführer von India Coaching & Consulting, Sebastian Neuwirth, der Fachkräfte an Hamburger IT-Unternehmen vermittelt, sieht in der Blue Card einen "Schritt in die richtige Richtung". Insbesondere die Senkung der Gehaltsgrenze sei eine Verbesserung, da sie mehr Menschen einen Aufenthalt in Deutschland ermöglicht. Allerdings müsse die Blue Card im Ausland über die Botschaften und im Internet noch stärker bekannt gemacht werden und Deutschland als attraktives Auswanderungsziel für Fachkräfte aktiv beworben werden, so Neuwirth: "Viele haben von dem Angebot noch gar nicht Notiz genommen." Im Internet stehen die Informationen dazu unter www.bluecard-eu.de Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch zum Abruf bereit.

Zu den Neuerungen zählt unter anderem, dass die Ehepartner der Experten künftig mit einreisen dürfen, da sie keine Sprachkenntnisse mehr vorweisen müssen. Zugleich dürfen sie vom ersten Tag an erwerbstätig werden. "Damit fällt eine wichtige Hürde für einen Aufenthalt in Deutschland", sagt die HWC-Leiterin Steller. Schließlich nehme nicht jeder in Kauf, dass seine Familie wegen eines Arbeitsplatzes im Ausland zerrissen werde. Zudem können die Blue-Card-Inhaber bereits nach 21 Monaten einen Antrag auf Niederlassung stellen, früher ging dies erst nach fünf Jahren. Es gibt aber auch noch weitere Erleichterungen: So dürfen sich qualifizierte Beschäftigte künftig auch ohne Arbeitsvertrag in Deutschland aufhalten und bekommen sechs Monate die Chance, einen entsprechend gut dotierten Job zu finden. Azubis, Studenten und Hochschulabsolventen können fortan neben ihrer Ausbildung nicht nur jobben, sondern auch noch bis zu 18 Monate hierbleiben, um einen qualifizierten Job zu suchen. Die Möglichkeiten, danach noch hierzulande als qualifizierte Kraft zu arbeiten, haben sich gleichfalls verbessert. Dies ist insbesondere für Azubis interessant: Bislang mussten sie nach der Ausbildung Deutschland verlassen.

Die zehn Mitarbeiter des Welcome Centers haben in diesen Tagen gut zu tun. Das HWC ist in Hamburg seit gut fünf Jahren die erste Anlaufstelle gerade für hoch qualifizierte Ausländer, die nach Hamburg ziehen. Im vergangenen Jahr erteilte das HWC mehr als 5000 Aufenthaltserlaubnisse für qualifizierte Zuziehende nach Hamburg.

Der indische Ingenieur Prasad schätzt Deutschland jedenfalls schon heute sehr. "Deutschland ist eine sehr entwickelte Nation und so anders als Indien", schwärmt er auf Englisch. "Ich möchte hier beruflich und persönlich noch viel kennenlernen. Die große Disziplin der Leute ist für mich eine neue Erfahrung. Jetzt möchte ich ganz bald, sehr gut Deutsch lernen, um die Menschen noch besser zu verstehen."

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