Integrationspolitik

Ausländische Geschäftsleute: Dönerbude war gestern

Unternehmer ausländischer Herkunft sind ein Motor der Hamburger Wirtschaft. Sie entsprechen längst nicht mehr dem Klischee früherer Tage.

Hamburg. Termine im Rathaus nimmt Kazim Abaci, 46, heutzutage noch häufiger wahr als früher. Denn ausländische Geschäftsleute und deren Verankerung in der Hansestadt sind mittlerweile ein Topthema für die städtische Politik. Der Geschäftsführer des Vereins Unternehmer ohne Grenzen hat dazu in den vergangenen Jahren viel beigetragen, sein Rat ist gefragt. Später am Tag hat er ein Gespräch mit dem Vorstand der SPD-Bürgerschaftsfraktion, der er selbst angehört. Vormittags sitzt er in der Geschäftsstelle des Vereins am Neuen Kamp gegenüber der U-Bahn-Station Feldstraße und erzählt von seiner Arbeit. "Deutschland ist ein Einwanderungsland - diese Debatte ist von vorgestern", sagt er. "Heute geht es darum, wie Migranten und Alteingesessene dieses Land gemeinsam gestalten."

Früher betrieb man in Deutschland herablassend "Ausländerpolitik", heute heißt das moderner "Integrationspolitik". In einer Zeit des schnellen demografischen Wandels, einer schrumpfenden Bevölkerung und alternden Gesellschaft, rücken Ausländer mit unternehmerischem Elan ins Zentrum des politischen Interesses. Mehr als 600 000 laut Amtssprache "Selbstständige nichtdeutscher Herkunft" gibt es mittlerweile in Deutschland.

Hamburg verzeichnet bei den "Betrieben unter Leitung ausländischer Staatsangehöriger" einen regelrechten Boom. In den vergangenen zweieinhalb Jahren ist die Zahl von 17 640 auf 23 500 gestiegen, bei insgesamt rund 169 000 Unternehmen in der Stadt. "Das sind nicht alles Selbstständige, auch ausländische Manager deutscher Unternehmen fallen darunter", sagt Gero Winkler vom Geschäftsbereich International der Handelskammer. "Aber für die Zunahme von Unternehmen ausländischer Inhaber in der Stadt zeigt das schon eine sehr klare Tendenz."

Vereinsgeschäftsführer Abaci zog nach der Wahl im Frühjahr 2011 als Abgeordneter in die Bürgerschaft ein. Lange Zeit hatte er sich als Experte für die Belange ausländischer Unternehmer, vor allem Kleinunternehmer, einen Namen gemacht. Dann ermunterte ihn Olaf Scholz (SPD), bei der Bürgerschaftswahl auf einem Listenplatz für die SPD zu kandidieren. Nun betreibt Abaci für die Fraktion der Sozialdemokraten, die im Parlament die absolute Mehrheit hat, Integrations- und Schulpolitik. "Der Bürgermeister nimmt die Integration von Ausländern in Deutschland und Hamburg sehr ernst", sagt der Geschäftsführer. "Das zeigt nicht zuletzt seine neue Einbürgerungskampagne, mit der er bei Ausländern für den Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft wirbt."

Abacis Lebenslauf beschreibt genau das, was man gemeinhin "Migrationshintergrund" nennt. Im Jahr 1980 kam er aus der türkischen Stadt Kayseri nach Hamburg. Seine Eltern waren zu jener Zeit bereits seit einigen Jahren als Industriearbeiter in Norddeutschland. Abaci wuchs in der Zwischenzeit bei seinen Großeltern auf. In Hamburg studierte er nach der Schule Volkswirtschaftslehre und arbeitete dann bei einem Steuer- und Wirtschaftsprüfer. "Dort sah ich den großen Beratungsbedarf bei vielen Zuwanderern, die dabei waren, ein eigenes Unternehmen zu gründen", sagt er. Aus dieser Erkenntnis entstand im Jahr 2000 der Verein Unternehmer ohne Grenzen.

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Rund 150 Mitglieder hat der Verein derzeit. Das Geld für die Mitarbeiter stammt vor allem aus Förderprojekten der Stadt und des Europäischen Sozialfonds. Abaci und seine Kollegen beraten Gründer in vielen Fragen, über die zahlreichen nötigen Genehmigungen für ein neues Unternehmen bis hin zu den Konzepten für eine Bankfinanzierung. Die Arbeit des Vereins trägt Früchte. "Ein Ausländer, der hier ein Unternehmen gründet, schafft Arbeitsplätze nicht nur für Zuwanderer, sondern auch für Deutsche", sagt Abaci.

Überwiegend suchen Ausländer Rat, die nicht aus der EU stammen. Für eine Existenzgründung in Deutschland müssen sie höhere bürokratische Hürden überwinden. Auffallend sei aber besonders, sagt Abaci, dass der Anteil von Frauen deutlich gestiegen sei, die ein eigenes Unternehmen aufbauen: "Mittlerweile sind es mehr als ein Drittel unserer Ansprechpartner."

Dazu zählt auch Lorelly Bustos Córdoba, 44. Kinder spielen und toben in ihrem weitläufigen Ladenlokal in der Bundesstraße. Bunte Bilder und Weihnachtsdekorationen hängen an den Wänden, Texte in Deutsch und in Spanisch. Anfang der 1990er-Jahre kam Córdoba aus Costa Rica nach Deutschland. Von ihrer Ausbildung als Touristikfachfrau stieg sie in Hamburg um auf ein Studium der Sozialpädagogik. Sie hatte erkannt, dass es - auch dank politischer Weichenstellungen - einen wachsenden Bedarf und eine öffentliche Förderung für Kindertagesplätze gab. 2006 gründete sie ihre Kindertagesstätte Cocori und erweiterte sie im Jahr 2008 um Räume im Nebenhaus.

Von der Aufenthaltsgenemigung bis zur eigenen Firma gibt es viele Hürden

Vier Hauswirtschafter arbeiten mittlerweile für Córdoba, obendrein sieben pädagogische Mitarbeiterinnen. Sie betreuen die Kinder auf Spanisch und auf Deutsch - jede der Frauen bleibt dabei stets bei einer Sprache. Das Angebot richtet sich an Kinder von ein bis sechs Jahren. "Es ist ein großer Vertrauensbeweis der Eltern, ihre Kinder hier bilingual erziehen zu lassen", sagt Córdoba. Noch gibt es nicht viele solcher Einrichtungen, schon gar nicht mit Spanisch als zweiter Sprache.

Die Unternehmerin will expandieren. Ein zweiter Standort mit weiteren rund 50 Betreuungsplätzen für Kinder soll im Frühjahr 2012 in der Geibelstraße in Winterhude eröffnen, die Hälfte der Plätze sei bereits vergeben. "Unternehmer ohne Grenzen hat mir bei der Vorbereitung der Gründung und auch bei den weiteren Schritten sehr geholfen", sagt Córdoba, "vor allem mit Ratschlägen für das Konzept, das ich für die Kreditfinanzierung der Tagesstätten brauchte." Die staatliche KfW-Bank gibt Starthilfe für den neuen Standort. Córdoba, die zwei Kinder großgezogen hat, freut sich bereits auf die neue Aufgabe. "Zu Hause wäre es mir zu stressig", sagt sie, und der Duft des Mittagessens weht durch ihre Kita.

Selbstständige aus aller Herren Länder suchen Rat bei Unternehmer ohne Grenzen. In zwölf Sprachen hilft der Verein weiter. Mit mehr als einem Drittel allerdings haben türkische Unternehmer das größte Gewicht im Netzwerk des Vereins. Coskun Costur, 47, ist einer von ihnen. 2003 eröffnete er an der Feldstraße sein türkisches Bad (Hamam), das schnell erfolgreich war. Dafür wurde er 2004 mit dem Gründerpreis des Abendblatts und der Hamburger Sparkasse ausgezeichnet. Sein zweites Hamam am Hotel Hafen Hamburg, dreimal so groß wie das erste, folgte Anfang 2007. "Eine solches traditionelles türkisches Bad für Wohlbefinden und Entspannung liegt voll im Trend dieser hektischen Zeit", sagt Costur im Restaurant der Anlage am Hafenrand.

Mit Unternehmer ohne Grenzen ist Costur, der als Jugendlicher von der türkischen Schwarzmeerküste nach Deutschland gekommen war, eng verbunden. Der Verein vermittelte dem Unternehmer beim Aufbau des ersten Hamams Fördermittel der EU. Kürzlich beantragte er die deutsche Staatsbürgerschaft, aus Liebe zu Hamburg, aber auch, um als politisch aktiver Mensch hier das Wahlrecht zu erhalten.

Manche Unternehmer sehen in ihren Herkunftsländern keine Perspektive

Costur gibt seine Erfahrungen als Selbstständiger weiter. Er arbeitete eine zeitlang im Vorstand des Vereins mit und steht jungen Gründern mit Rat und Tat zur Seite. In Schulen hält er Vorträge über Existenzgründungen. "Die jungen ausländischen Unternehmer in Hamburg, und dazu gehören ganz sicher auch die türkischen, sind sehr wichtig, sie haben eine besondere Dynamik. Sie wagen und riskieren etwas. Das früher eher begrenzte Spektrum türkischer Unternehmen von Dönerbude bis Reisebüro haben sie längst hinter sich gelassen", sagt Costur. "Das reicht heute von Bauunternehmen und Gebäudereinigern bis hin zur Altenpflege oder Computerdienstleistungen."

Der Portugiese Pedro Antunes, 34, hingegen ist den eher klassischen Weg der Gastronomie gegangen. Seine Mutter übernahm im Jahr 1999 das Café Estrela im Neuen Kamp. Mittlerweile betreibt er das Geschäft am Schnittpunkt zwischen Schanzen- und Karolinenviertel gemeinsam mit seiner Frau.

Antunes, geboren in Siegen, erwog nach seiner kaufmännischen Ausbildung bei Volkswagen eine Zeitlang, nach Portugal zu gehen, in die Heimat seiner Familie. Doch er entschied sich dagegen: "Die Arbeitsmentalität gefällt mir nicht. Dort herrschen oft Schlendrian und Ineffizienz." Die Wirtschaftskrise, die Portugal und auch andere südeuropäische Länder erfasst hat, bestätigt ihn. "Ich kann nicht verstehen, wieso Banken Menschen mit 1000 Euro Monatseinkommen Wohnungen oder Häuser für mehrere Hunderttausend Euro finanziert haben", sagt er mit Blick auf die geplatzte Immobilienblase in Spanien, der Heimat seiner Frau.

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Der Gastronom setzte auf Hamburg und renovierte das Café Estrela im Jahr 2008 von Grund auf. Rund 60 000 Euro hat er seinerzeit investiert. Eher zufällig entstand der Kontakt zu Unternehmer ohne Grenzen. Die Mitarbeiter des Vereins kamen aus ihrem Büro auf der anderen Straßenseite oft zu einem Mittagsimbiss herüber. Sie gaben Antunes den Tipp, dass er für die Renovierung Mittel aus einem Modernisierungsprogramm der EU in Anspruch nehmen kann, das für Gewerbegebiete in benachteiligten Stadtteilen aufgelegt worden war. St. Pauli fiel darunter wegen der hohen Arbeitslosigkeit.

Antunes betreibt ein schmuckes Café mitten zwischen zwei aufstrebenden Szenevierteln, die von ihrem internationalen Flair profitieren. Kazim Abaci freut sich darüber. Der Geschäftsführer von Unternehmer ohne Grenzen schaut vor seinem Termin im Rathaus auf einen Kaffee bei Antunes vorbei. "Jedes Unternehmen dieser Art zeigt doch, dass Menschen mit einem ausländischen Hintergrund hier Wurzeln schlagen, dass sie die Wirtschaft und die Gesellschaft bereichern wollen. Was gibt es besseres für die Stadt?"