Google vs Facebook:

Facebook kann jetzt Videochat - Google greift an

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Christian Konzack/Bob Geisler

Foto: REUTERS

Die Videochat wird in Kooperation mit Skype umgesetzt. Gruppenchat und Freundesliste kommen in die Sidebar. Konkurrenz durch Google wächst.

Hamburg. Die Präsentation des neuesten Facebook-Features eröffnete Gründer Mark Zuckerberg mit einer Anekdote: Ein alter Mann habe ihn beim Spazierengehen angesprochen und gefragt, ob Facebook endlich eine Videotelefonie-Funktion einführe, sagte Zuckerberg am Mittwoch in der Zentrale des Online-Netzwerks in Paolo Alto im US-Staat Kalifornien. Er wolle gerne auf diese Weise mit seinem Enkel sprechen, habe der Mann erklärt. Nach der Präsentation dürfte der Rentner glücklich sein, denn: Facebook kann jetzt auch Videochat. Die Verkündung des in Zusammenarbeit mit dem VoIP-Pionier Skype entwickelten Dienstes stellt die beiden anderen vorgestellten Neuerungen ziemlich in den Schatten. Nutzer können nun mit wenigen Klicks Gruppenchats eröffnen. Außerdem erscheint abhängig von der Größe des Browserfensters – sofern genug Platz auf dem Bildschirm ist – eine Liste der Freunde, sortiert danach, ob sie on- und offline sind. Beides sind praktische Änderungen, aber eher Kleinigkeiten.

Das Bemerkenswerteste an der Videochat-Funktion ist wohl ihre Einfachheit. Anders als beim bisherigen Skype ist kein separates Programm nötig. Ein kleines Browser-Plugin reicht. Ein Mini-Skype-Client also, der bei erstmaliger Nutzung der Funktion an einem Gerät mit schneller Internetanbindung in weniger als einer halben Minute und mit nur ein oder zwei Klicks installiert sein sollte.

Denkbar einfache Bedienung

Danach funktioniert der Videochat denkbar einfach: Den „call“-Knopf im Freunde-Feld anklicken und der Angerufene erhält eine Benachrichtigung. Nimmt er den Anruf an, öffnet sich innerhalb von Sekunden das Videofenster – zumindest tat es das bei der Präsentation. Die Bedienung sei also so simpel, dass auch der Rentner problemlos mit seinem Enkel sprechen könne, sagte Zuckerberg.

Skype erschließt sich mit der Kooperation auf einen Schlag 750 Millionen Facebook-Nutzer als potenzielle Kunden. Zwar ist das nun vorgestellte Angebot kostenlos – wie bisher auch die Videotelefonate mit dem Skype-Client von Computer zu Computer. Doch längerfristig würden wohl auch kostenpflichtige Premiumdienste Einzug ins Online-Netzwerk halten, sagte Skype-Chef Tony Bates.

Weitere Neuerungen angekündigt

Zuckerberg nutzte die Aufmerksamkeit der anwesenden Journalisten und über 50.000 Menschen, die die Vorstellung per Live-Stream verfolgten, nicht nur zur Präsentation der neuen Features. Er legte auch dar, wie die Entwicklung der sozialen Medien seiner Ansicht nach weitergeht. In den vergangenen fünf Jahren sei es mehr oder weniger um die Etablierung der sogenannten Sozialen Netzwerke gegangen. In den kommenden fünf Jahren werde die spannende Frage dann sein, welche Anwendungen nun auf diese Infrastruktur aufbauen.

Einige dieser Anwendungen wird Zuckerberg wohl selbst vorstellen. Schon für die kommenden Wochen und Monaten kündigte er eine Reihe von weiteren Neuerungen an. Zuckerberg steht unter Zugzwang, erst letzte Woche wurde das neue soziale Netzwerk Google+ vorgestellt, dass das Unternehmen frontal angreifen will.

Das ist Google+

"Man steht zu unterschiedlichen Leuten in unterschiedlichen Beziehungen", erläuterte der für Softwareentwicklung zuständige Google-Manager Vic Gundotra bei der Vorstellung des neuen Netzwerks. Im richtigen Leben teile man das eine mit Freunden von der Uni, anderes mit den Eltern - "und fast nichts mit dem Chef", argumentierte er. "Das Problem ist, dass heute jeder im Web den Stempel ,Freund' aufgedrückt bekommt und das Teilen von Inhalten unter diesem Freundschaftsbrei leidet."

Mit diesem Seitenhieb bezog sich Gundotra offenbar darauf, dass viele Facebook-Nutzer Schwierigkeiten haben, ihre Nachrichten nur an bestimmte Gruppen von Menschen zu richten. Dafür kann man zwar auf Facebook die sogenannten Gruppen einrichten, es ist aber unklar, wie viele Menschen diese Funktion nutzen. Bei Google können die eigenen Kontakte nun in sogenannte Circles (Kreise) eingeteilt werden. Familie, Arbeitskollegen, Gourmets oder HSV-Fans - jeder kann seine Bekannten und Verwandten so kategorisieren, wie er möchte. Auf Basis dieser Schubladen entscheidet der Nutzer dann, welche Informationen er mit wem teilt.

Grundsätzlich muss man ein Google-Konto besitzen, um den neuen Dienst zu nutzen. Die ersten Kontakte für das persönliche Beziehungsgeflecht empfiehlt Google+ dann auf Basis des Adressbuchs von Google Mail und anderer im Kontaktmanager gespeicherter Datensätze. Ein direkter Import von Facebook ist aber nicht möglich.

Eine weitere, neue Funktion ist "Sparks" (Funken), eine Art integrierter Lieferdienst von Neuigkeiten zu bestimmten Themen. Der Nutzer gibt Begriffe wie "Fotografie" oder "Handball" in eine Suchmaske ein, erhält dann automatisch passende Nachrichten und kann sich mit seinen Freunden über diese Themen unterhalten. Hier kann Google mit seinen bestehenden Angeboten YouTube und News bereits auf eine Fülle von Inhalten zurückgreifen.

Von Skype abgeguckt wurde ein Videochat namens "Hangouts", an dem bis zu zehn Mitglieder des neuen Netzwerks teilnehmen können. Daneben gibt es noch eine Gruppenchatfunktion ohne Video namens "Huddle", die vor allem für den Informationsaustausch unterwegs gedacht ist.

Google versucht schon mindestens seit 2009, soziale Netzwerkdienste aufzubauen. Bislang aber ohne nennenswerten Erfolg. Dazu gehört auch der Dienst Buzz, der dem E-Mail-Angebot von Google angegliedert ist. Buzz führte aber dazu, dass die Nutzer mit anderen E-Mail-Kontakte teilten, bei denen sie das gar nicht wollten. Google willigte deshalb schließlich ein, dass der Datenschutz von unabhängiger Seite jedes Jahr überprüft wird. Ein weiterer Versuch im Bereich soziale Vernetzung, Google Wave, wurde im vergangenen August wieder eingestellt. Das Angebot stieß nicht auf genügend Interesse.

Was die Erfolgsaussichten des neuen Dienstes angeht, sind sich die Experten noch uneins. Google+ steht zunächst nur einer begrenzten Anzahl von Testern zur Verfügung, wann es allgemein freigegeben wird, war zunächst nicht klar.

Auf viel Lob stößt im Internet die grafische Gestaltung des neuen Dienstes. Hatten beim gescheiterten Google Buzz sogar Experten Mühe, sich in der komplexen Oberfläche zurechtzufinden, kommt Google+ nun sehr aufgeräumt und intuitiv daher. Kontakte lassen sich beispielsweise durch ein einfaches Anfassen mit der Maus zu einem bestimmten Freundeskreis hinzufügen.

Das Blog TechCrunch hat auch schon herausgefunden, "warum Google+ so gut aussieht": Andy Hertzfeld, der vor über 30 Jahren die Benutzeroberfläche des ersten Apple Macintosh gestaltete, arbeitet seit 2005 für Google und durfte bei dem neuen Dienst erstmals sichtbar seine Akzente setzen.

Die Analystin Charlene Li von der US-Marktforschungsgesellschaft Altimeter Group erklärte, die Gruppenfunktion sei sehr interessant. Denn das sei einer der Punkte, der sie bei Facebook störe. Google+ wirke wie eine natürliche Ergänzung zu Googles Mail-Dienst, über den schon Millionen Menschen Dinge mit anderen teilten. Lou Kerner von Wedbush Securities glaubt hingegen nicht, dass Google in direkte Konkurrenz zu Facebook treten will. Mit 700 Millionen Nutzern weltweit habe Facebook das Rennen schon gewonnen. Google wolle die eigenen Angebote aber sozialer machen.

Google+ beliebtester Nutzer ist Mark Zuckerberg

Der bisher populärste Nutzer von Googles neuem Online-Netzwerk Google+ ist ausgerechnet der Gründer des großen Rivalen Facebook, Mark Zuckerberg. Obwohl Zuckerberg noch keine Nachrichten oder Bilder bei Google+ eingestellt hat, abonnierten bis Mittwoch mehr als 40 000 Nutzer sein Profil, wie der Auswertungsdienst Socialstatistics aus Google-Daten ermittelte. Auf Zuckerberg folgen die Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin. Anfangs gab es Zweifel, ob tatsächlich der echte Mark Zuckerberg ein Profil bei Googles Konkurrenzdienst eingerichtet hat. Der bekannte Technologie-Blogger Robert Scoble berichtete aber schließlich, Zuckerberg habe ihm dies per Kurznachricht bestätigt. „Warum sind Leute so überrascht, dass ich ein Google-Konto habe?“, schrieb er demnach.

Page und Brin waren im Gegensatz zu Zuckerberg bereits sehr aktiv bei Google+ und luden unter anderem zahlreiche Fotos hoch. Den aktuellen Konzernchef Page nahmen laut Socialstatistics bisher mehr als 28 000 Nutzer in ihre „Kreise“ auf, Brin über 22 000.

(dpa)

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