Hamburger Pleite

Auf die krumme Tour: Niedergang von Rainbow Tours

Der Hamburger Kaufmann Mathias D. Kampmann war Chef von Rainbow Tours. Jetzt ist das Unternehmen pleite. Ex-Mitarbeiter belasten Kampmann.

Hamburg. In der kommenden Woche fällt die Entscheidung über eine Hamburger Pleite. Nicht in Hamburg, sondern fast 300 Kilometer entfernt, in Neubrandenburg. Das Amtsgericht der mecklenburgischen Stadt wird darüber befinden, ob sich ein Insolvenzverfahren für die Hamburger Kultmarke Rainbow Tours überhaupt noch lohnt. Experten gehen davon aus, dass das Insolvenzverfahren zwar angenommen wird, dass Rainbow Tours jedoch danach abgewickelt wird.

Ein Mann wird am kommenden Montag nichts mehr damit zu tun haben: Mathias D. Kampmann, 49, Kaufmann aus Hamburg. Dabei ist er die Schlüsselfigur der Rainbow-Pleite.

Nach Recherchen des Abendblatts hat Kampmann über Jahre hinweg Millionen an der Firma und der deutschen Steuer vorbei abgezweigt. Ex-Mitarbeiter beschreiben Kampmann als skrupellosen Geschäftsmann mit fragwürdigen Methoden. So soll er einer Schuldnerin Gewalt angedroht haben. Auch die eigenen Mitarbeiter soll er schlecht behandelt haben.

Ehemalige Mitarbeiter sagen, Kampmann habe das Unternehmen im Oktober nach Ostdeutschland verkauft, um es dort sterben zu lassen. Für die sogenannte Firmenbeerdigung soll er viel Geld gezahlt haben. Profitable Geschäfte hat Kampmann vorher aus der maroden Firma herausgelöst und in eine andere Gesellschaft übertragen.

Laut Hamburger Staatsanwaltschaft laufen umfangreiche Ermittlungen gegen ehemalige Geschäftsführer von Rainbow Tours. Mittlerweile seien 40 Anzeigen aus dem ganzen Bundesgebiet eingetroffen. Es geht um Insolvenzverschleppung und Betrug.

Auch die Hamburger Steuerfahndung lädt in diesen Tagen Zeugen vor und befragt sie zu Rainbow Tours. Nach Abendblatt-Informationen hatten Ex-Mitarbeiter von Rainbow Tours bereits vor mehr als einem Jahr eine anonyme Anzeige wegen Steuerbetrugs bei deutschen Steuerbehörden eingereicht.

Mathias D. Kampmann bestreitet die Vorwürfe. Sein Anwalt erklärt: "Die den Strafanzeigen zugrunde liegenden Verdächtigungen sind haltlos." Die Anzeigen seien unberechtigt. "Der Staatsanwaltschaft wurde eine umfassende Einlassung in Aussicht gestellt, die in der ersten Februar-Hälfte erfolgen wird", teilte der Anwalt am Freitag gegenüber dem Abendblatt mit.

Rainbow Tours ist eine Kultmarke. Und André Schlatermund hat sie Anfang der 80er-Jahre erfunden. Schlatermund entstammt einer Hamburger Busfahrerdynastie, sein Großvater Bruno Thies gründete 1929 den Autobusbetrieb Thies, Schlatermunds Mutter führte das Unternehmen weiter. Er gründete die Firma A.S. Reiseveranstaltungs GmbH. A.S. steht für Schlatermunds Initialen. Bekannt wurde das Unternehmen aber unter einem anderen Namen: Rainbow Tours. In einem seiner ersten Reisekataloge schrieb Schlatermund, seine Firma wolle "vom angestaubten Image der Busreise als Kaffeefahrt für Oldtimer wegkommen".

59 Mark zahlten seine Gäste anfangs für ein Wochenende Paris: Abfahrt Freitagabend, Ankunft in Paris morgens, Frühstück, Stadtrundfahrt, Disco die ganze Nacht, Ankunft in Hamburg am Sonntagnachmittag.

Deutschlands Jugend wollte Europa sehen, feiern, trinken - und Schlatermund brachte sie raus aus ihrem Alltag, für wenig Geld. Seine A.S. organisierte die Reisen und mietete die Busse bei Thies. Häufig fuhr Schlatermund selbst die Busse, machte den Reisebegleiter, in Lederjacke und Mokassins. Es waren die fetten Jahre - Reisebegleiter konnten großes Geld verdienen, bis zu 25 000 Mark im Monat. Die Geschäfte liefen noch besser, als die Mauer fiel und Rainbow Tours den ostdeutschen Jugendlichen neuen Reisemöglichkeiten eröffnete. In Buskolonnen fuhr Rainbow nach Paris, nach Lloret de Mar, an den Plattensee und nach Bulgarien an den Sonnenstrand.

Ende 2001 stieg der Hamburger Kaufmann Mathias D. Kampmann bei Rainbow Tours ein. Wenig später war Schlatermund nicht mehr im Unternehmen, und Kampmann hatte dann auch den Familienbetrieb Thies übernommen. Kampmann gab der Bussparte den Namen Thies Bustouristik GmbH. André Schlatermund sagt heute: "Herr Kampmann hat mich aus der Firma gedrängt. Er hat über Jahre hinweg Existenzen vernichtet und ist dadurch reich geworden." Kampmann begründet den Abgang Schlatermunds mit unternehmerischen Differenzen. Er habe in die Firmen investiert, weil es diesen wirtschaftlich sehr schlecht gegangen sei. "Er erkannte das Potenzial des Unternehmens und sah eine Sanierungsmöglichkeit", erklärt Kampmanns Anwalt.

Kampmann gliederte die beiden Firmen in sein Firmengeflecht ein. Rainbow Tours war eine hundertprozentige Tochter der MDK Beteiligungsgesellschaft, die Thies Bustouristik eine hundertprozentige Tochter von Rainbow Tours. Thies organisierte weiterhin die Busfahrten für Rainbow.

Zu Kampmanns Firmengeflecht gehören nach eigenen Angaben auch die M&E Bungalowvermietungsgesellschaft, die Garanterra Grundstücks- und Verwaltungsgesellschaft, die Hanseatische Grundstücksgesellschaft und fünf weitere Unternehmen. Ein internes Organigramm der "Firmengruppe Kampmann", das dem Abendblatt vorliegt, zeigt ein weit verästeltes Imperium.

Das Herzstück nach der Übernahme war jedoch Rainbow Tours. Die Firma residierte in bester Hamburger Citylage am Gänsemarkt. Zuletzt saß das Unternehmen am Georgswerder Bogen in Wilhelmsburg. Außerdem gab es Niederlassungen in Berlin, Köln und München - und Auslandsableger in Spanien, Ungarn, Italien, Österreich und Frankreich. Bis zu 100 kaufmännische Mitarbeiter arbeiteten für Rainbow Tours, das praktische Reisegeschäft in den Bussen und in den Feriengebieten setzten 850 Mitarbeiter um. Sie arbeiteten als Koordinatoren, Reiseleiter oder Animateure.

Die Auslandsmitarbeiter waren besonders wichtig für Kampmann. Denn sie machten ihn offenbar zu einem reichen Mann. Die Reiseleiter verkauften in den Bussen Klubkarten für den Discobesuch oder Tagesausflüge. Die Einnahmen fanden sich nicht in der Firmenbilanz, und auch der deutsche Fiskus bekam von ihnen nichts mit, versichern Ex-Mitarbeiter an Eides statt.

Dem Abendblatt liegen Hunderte Seiten firmeninterner Dokumente vor, mit denen sich Kampmanns System skizzieren lässt. Mehrere Ex-Mitarbeiter der Firma, darunter Reiseleiter, Innendienstler und selbst Mitarbeiter aus Kampmanns engstem Umfeld, haben in eidesstattlichen Versicherungen beschrieben, wie der Rainbow-Chef gezielt Geld beiseitegeschafft haben soll. Mehrere Ex-Mitarbeiter der Firma haben sich anonym auch an die Steuerfahndung gewandt, ihre Anzeige liegt dem Abendblatt vor.

Das System funktionierte so: Sobald ein Rainbow-Tours-Bus in Deutschland losfuhr, begann die Arbeit der Reiseleiter. Viele Reisende waren schon vor Fahrtantritt betrunken, auch im Bus gab es Alkohol. Die besten Bedingungen für Verkaufsgespräche. Die Reiseleiter starteten Verkaufsvideos im Bus, verkauften Klubkarten an die Gäste. Wer eine kaufte, bekam später ein Bändchen um den Arm, das den Eintritt in Diskotheken gewährleistete. Auch Ausflüge oder Partys wurden so verkauft. Das Geld kassierten die Reiseleiter in bar und stellten eine Quittung aus. Diese mussten die Reisenden am Ziel gegen das Bändchen einlösen. Damit war die Quittung wieder weg.

Die Verkäufe sollen nach Angaben von Ex-Mitarbeitern überwiegend in Deutschland stattgefunden haben, wo Rainbow Tours steuerpflichtig war. Denn am nächsten Morgen, kurz vorm Ziel in Spanien, seien nur wenige der Reisenden nach einer durchzechten Nacht im Bus in Kauflaune gewesen.

Firmeninterne Dokumente und Computerdateien zeigen, dass es bei Rainbow Tours eine präzise Kalkulation der Einahmen aus den Bussen gab. Die Umsätze wurden in Excel-Tabellen festgehalten.

Der Reiseleiter namens Felix verkaufte am 1. August 2009 im Rainbow-Bus nach Lloret de Mar 40 Klubkarten für je 37 Euro, zwei Reisen Barcelona PLUS! für je 25 Euro, zwei Beachparty-Besuche für je 36 Euro sowie einige Partien Gotcha und mehrere Catamaran Party Cruises. Für seinen Verkaufsfleiß erhielt Felix 196 Euro Provision. Insgesamt hatte er 2087 Euro erwirtschaftet, übrig blieben also 1891 Euro.

Eine ehemalige Mitarbeiterin schätzt das Gesamtvolumen erwirtschafteter Gelder in den Bussen bei Rainbow Tours auf bis zu 600 000 Euro pro Jahr. Sie sagt: "Insgesamt rechnen wir mit bis zu sechs Millionen Euro Schwarzgeld in diesem Zeitraum." Viele Ex-Mitarbeiter sind überzeugt: Hätte Kampmann dieses Geld in der Firma gelassen, wäre Rainbow Tours nie in die Insolvenz gerutscht.

Das erwirtschaftete Bargeld gaben die Reiseleiter ihren Vorgesetzten in den Urlaubsregionen, den Koordinatoren. Laut internen Rainbow-Tours-Unterlagen beglichen die Koordinatoren davon in den Urlauborten auch Kosten - etwa für die Miete von Büros oder die Gehälter von Mitarbeitern.

Laut den Ex-Mitarbeitern flossen die Gewinne an Kampmann. Bei der Caja Madrid gab es drei Konten, die auf ihn gemeldet waren. Die Ehemaligen beeiden, dass Kampmann mit diesen Konten die Gelder transferiert habe.

Dem Abendblatt liegt eine von Kampmann handschriftlich unterzeichnete Vollmacht für das Konto mit der Nummer 2038 9943 9230 0061 953 bei der Caja Madrid vor. In der Vollmacht überträgt Kampmann den Kontozugriff von einem Spanien-Koordinator auf den nächsten. Die Nummern weiterer Konten der Caja Madrid wurden dem Abendblatt zugespielt. Genauso wie eine firmeninterne Bedienungsanweisung für das Onlinebanking bei der Caja Madrid.

Unterlagen belegen: In Ungarn und Bulgarien lief das Geschäft genauso.

Ex-Mitarbeiter versichern, dass aus Kroatien, Bulgarien oder Italien Bargeld nach Deutschland gebracht wurde. "Koordinatoren, die nach Deutschland zurückfuhren, nahmen häufig 10 000 Euro in bar mit, welche sie dann persönlich mit Kampmann abrechneten. Dieses Geld ging auch an der Steuer vorbei. Höhere Summen wurden nicht nach Deutschland gebracht, weil das an der Grenze vielleicht aufgefallen wäre", sagt ein Ex-Mitarbeiter. Legendär sei die Reise eines armenischen Kuriers gewesen. Der Mann hätte knapp 70 000 Euro nach Deutschland bringen sollen. Abgeholt habe er das Geld. Angekommen sei er nie.

Auf sich selbst konnte sich Kampmann verlassen. Detaillierte Reisepläne Kampmanns nach Spanien, die dem Abendblatt vorliegen, verzeichnen am Morgen vor der Rückreise einen Banktermin - auch bei der Caja Madrid.

Kampmanns Anwalt erklärt im Namen seines Mandanten, dass alle Umsätze von Rainbow Tours ordnungsgemäß bilanziert und versteuert worden seien. Der Anwalt erklärt: "Mein Mandant hat auch Bargeld aus Spanien erhalten. Das war aber in Deutschland überhaupt nicht zu versteuern."

Kampmanns Anwalt bestätigt, dass die Konten ihm gehören. "Es waren Konten eines Einzelunternehmens meines Mandanten", erklärt er. "Die auf diese Konten eingezahlten Gelder stammen nicht aus Leistungen, die für Rechnung der A.S. erbracht worden waren, sondern standen einem von der A.S. getrennten Einzelunternehmen zu." Dieses Unternehmen sei "nach seinem Inhaber, Herrn Kampmann, benannt" und sei in Deutschland nicht steuerpflichtig. Auch den Geldkreislauf kann der Anwalt präzisieren: "Das dort genannte Einzelunternehmen hat Geld in Geschäfte mit verschiedenen Geschäftspartnern investiert, darunter auch Gesellschaften, die mit der A.S. verbunden waren."

Interessant ist in diesem Zusammenhang die schon erwähnte Kontovollmacht, in der Kampmann seinem Koordinatoren Zugriff auf das spanische Konto ermöglichte. Das Schreiben ist auf Rainbow-Tours-Firmenpapier verfasst. Auf dem Schreiben vom 11. Mai 2009 prangt der Firmenslogan: "Ich würd's immer wieder tun!" Und noch etwas ist interessant: Gegenüber einem spanischen Gläubiger bezeichnete Kampmann die Konten bei der Caja Madrid als Rainbow-Konten, um seine Liquidität zu betonen. So steht es in spanischen Gerichtsunterlagen, die dem Abendblatt vorliegen. Darin steht auch, dass die Konten mittlerweile gekündigt worden sein sollen.

Nach außen hin präsentierte sich Kampmann in der Vergangenheit als erfolgreicher Manager. 2005 verkündete er, der Umsatz von Rainbow Tours liege bei "mehreren zehn Millionen Euro". In der Hamburger Wirtschaft ist er gut vernetzt, seit 2003 sitzt er im Aufsichtsrat der Marseille-Kliniken AG.

Der ehemalige Stürmer von Altona 93 fiel in der Vergangenheit für seine Leidenschaft für Fußball auf. 2005 brachte er sich als Präsident des FC St. Pauli ins Gespräch. "Der Verein braucht Seriosität", verkündete er. Die Pläne scheiterten. Beim VfL Lübeck stieg er als Wirtschaftsrat ein - und nach viel Streit und kurzer Zeit wieder aus.

Nach außen hin gab er sich selbstbewusst. Sein Arbeitsmotto laute "Kick it like Kampmann", ihm imponiere "Rückgrat". Wenn er eine Million Euro zu verschenken hätte, würde er seine Wettbewerber bedenken - weil sie es so schwer hätten. Das verkündete er in Zeitungsinterviews. Dass es ihm finanziell gut ging, verheimlichte er nicht. Er fährt Porsche, seine Frau auch. Im Stall hinter seinem Haus stehen acht Pferde, die Tiere verfügen über ein Solarium und ein Laufband, ließ er wissen.

Nach innen, also gegenüber seinen Mitarbeitern, zeigte sich Kampmann hingegen nicht so nett. "Er schrie Kollegen zusammen, mobbte sie und machte sie regelrecht fertig. Er hat sie auch gelegentlich bedroht", sagt eine ehemalige Mitarbeiterin. Häufig hätten junge weibliche Auszubildende geweint, "zum Beispiel wenn Herr Kampmann sie für ihr Aussehen oder Gewicht beleidigte".

Auszubildende mussten 30-Stunden-Schichten machen, sagen Ex-Mitarbeiter. Nachts habe Kampmann angerufen und sie vom Schlafen abgehalten.

Eine Mitarbeiterin berichtet von höchst fragwürdigen Inkassomethoden gegenüber Schuldnern: "Herr Kampmann nötigte mich, einer Frau am Telefon zu drohen, dass er ihr einen Finger abschneiden lassen würde, sollte sie die Ratenzahlung von 1500 Euro nicht innerhalb von zwei Tagen an sein Privatkonto überweisen."

Kampmanns Anwalt erklärt zu den Vorwürfen: "Es mag vorgekommen sein, dass mein Mandant laut geworden ist. Sollte er dadurch Mitarbeiter verletzt haben, tut ihm dies leid." Kampmann habe niemanden gemobbt oder bedroht. Die Vorwürfe hinsichtlich der jungen weiblichen Mitarbeiter stimmten nicht. Nachtdienste seien freiwillig gewesen - und mit der Handelskammer abgesprochen. Außerdem habe es dafür Extrageld gegeben. Die brutale Drohung gegenüber einer Schuldnerin "hat es nicht gegeben".

Im Sommer 2011 spitzte sich die Finanzlage von Rainbow Tours zu. Gästezahlen waren drastisch zurückgegangen. Partnerunternehmen riefen in der Rainbow-Tours-Zentrale an und beschwerten sich darüber, dass Rechnungen nicht gezahlt wurden. Zum Beispiel die spanische Handelsgesellschaft Olympia Mediterraneo mit Sitz in Lloret de Mar. Mittlerweile prozessiert die Agentur gegen Kampmann. Im spanischen Strafantrag steht, dass Olympia Hotelzimmer für die Rainbow-Gäste organisiert hat. Offene Forderungen gegenüber Kampmann: 968 655,73 Euro. Die spanische Agentur wirft ihm Urkundenfälschung und Betrug vor.

Die Agentur hatte Rainbow Tours im Spätsommer unter Druck gesetzt und gedroht, Rainbow-Gäste nicht in ihre Hotels zu lassen. Um zu beschwichtigen, schickte Rainbow zwei Schecks über je 50 000 Euro nach Spanien. Als die Agentur auf das Geld zugreifen wollte, waren die Schecks plötzlich gesperrt.

Kampmanns Version ist etwas anders. Die beiden Schecks seien ausgestellt worden, bestätigt sein Anwalt. "Am 30. und 31. August wurden dann jeweils 50 000 Euro in bar an die Gläubigerin übergeben." Die Schecks seien gesperrt worden, um eine Doppelzahlung zu vermeiden.

Die Frage der Schecks ist heikel. Im Insolvenzrecht gilt: Kann ein Unternehmen seine Rechnungen nicht mehr bezahlen, muss es sich innerhalb drei Wochen zahlungsunfähig melden. Gekündigte Schecks können ein Indiz für Insolvenzverschleppung sein.

Ein weiteres Indiz könnte eine Unterhaltung zwischen Kampmann und einer Mitarbeiterin vom 5. September 2011 sein. Laut der Frau machte sich Kampmann über die Zukunft der Firma keine Illusionen und sagte: "Ich lasse das alles über die Wupper gehen, ich verkauf das in den Osten, und Thies gleich mit. Und dann lassen wir dort Insolvenz anmelden." Die Mitarbeiterin hat für die Richtigkeit dieses Zitats eine eidesstattliche Versicherung abgegeben. Kampmann bestreitet, die Sätze gesprochen zu haben.

Das es der Firma schlechter ging, bestreitet er nicht. "Schon im September gab es Krisenanzeichen. Zahlungsunfähigkeit lag aber in der Zeit, in der mein Mandant die Geschäftsanteile gehalten hat, noch nicht vor", schreibt Kampmanns Anwalt. Am 8. September ließ sich laut Kampmann die Unternehmensführung von einem Fachmann die Voraussetzungen einer Insolvenzantragspflicht erläutern. "Das ist etwas ganz anderes als die Feststellung, Zahlungsunfähigkeit sei bereits gegeben. In dieser Besprechung wurde u. a. beschlossen, mit den Gläubigern zu verhandeln. Das ist dann auch geschehen", schreibt Kampmanns Anwalt.

Am 23. September 2011 kündigte die Versicherung TourVers dann die Insolvenzversicherung. Mit diesem Vertrag werden Kunden abgesichert, damit sie im Fall einer Firmenpleite nicht am Urlaubsort festsitzen. Ohne sie dürfen Reiseveranstalter nicht operieren. Dann kündigte auch die HanseMerkur Versicherungsgruppe der Rainbow Tours und ihren Subunternehmen den Rahmenvertrag für Reiseversicherungen fristlos.

So wurden auch die Versicherungen von Reiserücktritt, Krankheitsfall oder Gepäck beendet. Der Pressesprecher der HanseMerkur bestätigte am 12. Oktober dem Abendblatt, dass Rainbow Tours auch Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen sei. Ab Oktober bekamen viele Rainbow-Mitarbeiter kein Gehalt.

Am 13. Oktober 2011 verschickte Kampmann eine Presseerklärung. Darin verkündete er, dass er seine Beteiligungsgesellschaft und die beiden Töchter A.S. Reiseveranstaltungsgesellschaft und Thies GmbH an ein neu gegründetes Unternehmen in Ostdeutschland verkaufe. Zu diesem Zeitpunkt hatte Rainbow Tours noch um die 30 Mitarbeiter in Hamburg. Die Müritz-Strelitzer Reiseunternehmen GmbH sollte künftig die Geschicke lenken. Inhaber der Firma aus Neustrelitz war Jörg Grützner. Ein Mann, der laut Handelsregister an mindestens acht Insolvenzen beteiligt war, darunter von mehreren Bauunternehmen. Über den Kaufpreis schweigen die Beteiligten bis heute.

Kampmanns Anwalt sagt, Grützner sei über die Finanzsituation aufgeklärt worden. Ex-Mitarbeiter sagen, Grützner sei nur dreimal in der Firmenzentrale aufgetaucht. Verhält sich so ein zukünftiger Unternehmenschef, der die Marke unbedingt retten will?

Ein Ex-Mitarbeiter beeidet gegenüber dem Abendblatt, dass er Ende Oktober eine Rechnung über 250 000 Euro gesehen habe. Grützner habe sie an Kampmann und dessen Privatadresse gerichtet. Sowohl Grützner als auch Kampmann erklären auf Abendblatt-Anfrage, dass Grützner kein Geld für eine Firmenbeerdigung erhalten habe.

Im Spätherbst 2011 begann Grützner in Neustrelitz mit der Arbeit. Seine Tätigkeit beschreibt er heute so: "Entschuldung der Unternehmen, entgeltliche Bewirtschaftung des Anlagevermögens." Weit kam er nicht.

Am 29. November schrieb er eine Mail an einen Rainbow-Tours-Mitarbeiter. Sie liegt dem Abendblatt vor. Grützner schrieb: Die Geschäftsgebaren von Herrn Kampmann, die wechselnden Zielstellungen und die gewissen Unverbindlichkeiten auch bei notwendigen und gebotenen Maßnahmen ließen es nicht zu, die Sanierungsansätze bei der A.S. weiterzuverfolgen. Dann kündigte er an, dass er in der nächsten Woche einen Eigenantrag auf Zahlungsunfähigkeit stellen werde.

Grützner beantragte daraufhin tatsächlich Insolvenz für Rainbow Tours. Und für die Thies Bustouristik GmbH, die er noch umbenannt hatte. Er betont, rechtzeitig gehandelt zu haben: "Bisher habe ich alle Anträge stets rechtzeitig gestellt. Ich habe keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass ich diesmal einen Fehler gemacht habe." Trotzdem liegen Grützner zufolge mittlerweile auch Anzeigen gegen ihn vor.

Das Amtsgericht in Neubrandenburg setzte am 1. Dezember den Rechtsanwalt Christian Langhoff aus Stralsund als Gutachter ein. Er sollte herausfinden, ob die Firmen wirklich überschuldet sind und noch genügend Werte in ihnen stecken, sodass ein Insolvenzverfahren eröffnet werden kann.

Das Gutachten von Langhoff ist fertig, in der nächsten Woche soll die Entscheidung verkündet werden. Im Moment sieht alles nach Abwicklung aus.

Während Gläubiger der Thies Bustouristik GmbH um ihr Geld bangen, macht Kampmann weiter Geschäfte mit Bustransfers. Mit der Thies Bustouristik GmbH & Co. KG lässt er behinderte Menschen zur Schule fahren - mit ehemaligem Personal der Thies GmbH. Der Name von Kampmanns neuer Gesellschaft klingt bekannt. Die Stadt Hamburg hat zum Beispiel gar nicht mitbekommen, dass es sich bei Kampmanns zweiter Thies-Firma um ein anderes Unternehmen handelt. Das neue Unternehmen hatte Kampmann im November 2010 gegründet. Am 19. September 2011, nur einem knappen Monat vor dem Verkauf der Thies GmbH gen Osten, hat die Finanzbehörde den Vertrag zur Behindertenbeförderung von der Thies GmbH auf die Thies GmbH & Co. KG übertragen. Für elf Routen erhält sie 60 000 Euro im Monat von der Stadt. In vier Vertragsjahren kann sie so fast drei Millionen Euro einnehmen. Kampmann hat einen Weg gefunden, das gesunde vom kranken Geschäft zu trennen.

Auf Anfrage des Abendblatts reagiert die Stadt überrascht: "Die Finanzbehörde ist davon ausgegangen, dass es sich dabei um eine Rechtsformänderung handelt. Dass es sich bei der Thies Bustouristik GmbH & Co. KG um eine andere Firma handelt, war nicht bekannt", sagt der Sprecher der Finanzbehörde, Daniel Stricker. Ob die Verlagerung des Auftrags rechtens war, prüft die Behörde nun.

"Dem Schreiben der als eingesessenem hamburgischen Traditionsunternehmen bekannten Thies Bustouristik GmbH vom September 2011 war nicht zu entnehmen, dass eine Übertragung des Vertragsverhältnisses auf ein anderes/neues Unternehmen beabsichtigt war", teilt Behördensprecher Stricker mit. Der Verkauf in den Osten und die Zahlungsunfähigkeit der Thies GmbH seien der Behörde nicht bekannt gewesen. Der Sprecher erklärt: "Nach kritischer Durchsicht vor dem Hintergrund der Presseberichte der letzten Monate über die Fa. Rainbow Tours, die Person des Herrn Kampmann etc. würde dieses Schreiben aus dem September 2011 heute jedoch mit Sicherheit anders bewertet werden."

Kampmann kann nichts Anrüchiges an der Sache finden. "Dass in einer GmbH & Co. KG die KG das gleiche Firmenschlagwort führt wie ihre Komplementärin, ist absolut üblich", erklärt sein Anwalt. Dass die Behindertentransporte über die Co. KG laufen, sei lange geplant gewesen. Grützner sei beim Kauf darüber informiert worden.

Hamburg ist die Stadt der ehrbaren Kaufleute. Die Repräsentanten treffen sich in der Versammlung Eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg, deren Geschichte bis ins Jahr 1517 zurückgeht. Mitglieder sind renommierte Unternehmerpersönlichkeiten. Der Verein hat in seinem Leitbild für den ehrbaren Kaufmann formuliert: "Für ihn gilt: fair verhandeln, pünktlich leisten, korrekt abrechnen." Und: "Er tritt für Freiheit, soziale Sicherheit und Wahrung der Menschenwürde ein." Wer dem Verein beitritt, verpflichtet sich "die im Geschäftsverkehr allgemein anerkannten ethischen Grundsätze und das Prinzip von Treu und Glauben" zu beachten.

In einer Mitgliederliste des Ehrbaren Kaufmanns aus dem Januar 2012 steht auch Mathias D. Kampmann.