Deutsches Stromnetz

Stromhilfe aus Österreich für Süddeutschland

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Georg Ismar

Wegen fehlender Leitungen kann überflüssiger Strom aus dem Norden nicht nach Süden transportiert werden – Österreich muss einspringen.

Berlin. Ausgerechnet der kleine Nachbar im Süden ist an manchen Tagen Garant dafür, dass die deutsche Energiewende nicht in einem großen Blackout mündet. An manchen Wintertagen müssen alte Öl- und Gaskraftwerke in Österreich angefahren werden, weil sonst ein Zusammenbruch an bestimmten Stellen des deutschen Netzes droht. „Die Netzsituation ist nach wie vor angespannt“, betont ein Sprecher der zuständigen Bundesnetzagentur. Das Anfordern des österreichischen Stroms zeige aber, dass das Konzept der Kaltreserve funktioniere - sie umfasst neben deutschen Kraftwerken auch mehrere im Nachbarland.

Als der Präsident der Bundesnetzagentur, Matthias Kurth, Ende August 2011 die Pläne für „Stand-By“-Kraftwerke zur Vorbeugung gegen Stromengpässe vorstellte, waren viele froh, dass er hierbei auf ein stillgelegtes Atomkraftwerk verzichten konnte. Diese Idee hatte besonders Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) forciert, war aber wegen des langen Wiederanfahrprozesses von Experten kritisch gesehen worden. Daher sollten es andere fossile Kraftwerke richten.

+++ Stromversorgung für Deutschland gesichert +++

+++ Engpass möglich – Stromreserven aus Österreich +++

Besonders die Situation im süddeutschen Netz am 8. und 9. Dezember wirft ein Schlaglicht auf die Herausforderungen durch die Abschaltung von acht AKW und den Ausbau des Ökostromanteils auf 35 Prozent bis 2020. Ulrike Hörchens von Tennet erklärt, man habe für diese Tage eine Windstromproduktion im Norden von 19.000 Megawatt prognostiziert bekommen – Tennet regelt die Stromautobahnen von Norddeutschland über Hessen bis nach Bayern. Da zugleich das bayerische RWE-Atomkraftwerk Gundremmingen C wegen Wartungsarbeiten als Stromlieferant ausfiel und Leitungen zum Windstromtransport vom Norden in den Süden fehlen, war man auf fremde Hilfe angewiesen, um die Lastflüsse stabil zu halten.

Im Norden gab es also zu viel, im Süden, wo viele Autobauer und energieintensive Firmen angesiedelt sind, fehlte Strom. 1075 Megawatt als Kaltreserve stehen für solche Fälle beim Nachbar in Österreich zur Verfügung. Darunter in Niederösterreich die Gaskraftwerke Theiß und Korneuburg, sowie alte Ölkraftwerke, die bei Bedarf angefahren werden können. „Im Süden stand nicht genug an Kraftwerkskapazitäten zur Verfügung, daher musste wir dies entsprechend ausgleichen“, betont Hörchens. Die Lage sei weiter beherrschbar – aber an 306 Tagen habe Tennet 2011 insgesamt 990 Mal eingreifen müssen, um das fast 11.000 Kilometer umfassende Höchstspannungsnetz stabil zu halten.

Der von Leuten wie RWE-Chef Jürgen Großmann befürchtete größere Stromausfall ist trotz des Atom-Aus auch dank der Nachbarhilfe aus Österreich bisher ausgeblieben. Die Kosten dafür sind über den Strompreis zu zahlen. Ab diesem Jahr kommen als weitere Sicherheit zu den 1075 Megawatt noch einmal 832 Megawatt aus Österreich hinzu. In Deutschland stehen unter anderem ein Kohlekraftwerk in Mannheim, die Gaskraftwerke 2 Mainz-Wiesbaden und Freimann in München sowie die Mineralölraffinerie Oberrhein als Kaltreserve zur Verfügung – dies macht weitere rund 1000 Megawatt aus und müsste laut Kurth reichen.

Angesichts des milden Winters gibt es also weniger ein Versorgungs- oder Engpassproblem, sondern vor allem ein Stabilitätsproblem bei den Lastflüssen. Denn es gibt derzeit ungewöhnlich viel Wind, aber zu wenig Nord-Süd-Stromautobahnen. „Das war ein Rekord-Windstrom-Monat“, sagt der Direktor des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR) in Münster über den Dezember. Die Windräder hätten fast 8 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt. Das sei rund ein Sechstel der Gesamtmenge des Windstroms im vergangenen Jahr.

Durch die immer häufiger schwankende Stromproduktion infolge von mehr Solar- und Windstrom kommen die Netzbetreiber immer häufiger ins Schwitzen. Das ostdeutsche Unternehmen 50Hertz, zusammen mit Tennet, Amprion und EnBW Betreiber der deutschen Höchstspannungsleitungen, hat arg mit dem Windstrom zu kämpfen – gerade an den aktuell sehr stürmischen Tagen. Während man 2010 an sechs Tagen wegen zu viel Windstrom im Netz Windparks zwangsweise abschalten musste, seien dies 2011 schon an 41 Tagen der Fall gewesen, sagt Sprecher Volker Kamm.

50Hertz versorgt über seine Leitwarte in Neuenhagen bei Berlin 18 Millionen Verbraucher – und dringt auf einen raschen Ausbau der Netze in den Süden, damit nicht immer mehr Windparks zwangsweise vom Netz genommen werden müssen. Sonst gibt es weiter das paradoxe Problem, dass vom Norden und Osten Strom ins Ausland exportiert werden muss - zum Teil zu Schleuderpreisen, um das deutsche Netz zu entlasten -, während der Süden auf die Stromhilfe aus Österreich angewiesen ist. (dpa/abendblatt.de)

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