Schriftsteller

Liu Xiaobo ist tot – Ein Leben für die Bürgerrechte

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Felix Lee
Der chinesische Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo ist im Alter von 61 Jahren gestorben.

Der chinesische Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo ist im Alter von 61 Jahren gestorben.

Foto: Uncredited / dpa

Der Schriftsteller Liu Xiaobo ist tot. Der Friedensnobelpreisträger zählte zu den wichtigsten Kritikern der chinesischen Regierung.

Peking.  Boomland China, der Retter Weltwirtschaft, die Muster-Einparteiendiktatur – so oder so ähnlich klangen die Lobeshymnen im Jahre 2008 auf die Volksrepublik, deren Hauptstadt Peking in jenem Jahr auch die Olympischen Spiele austrug.

Und die meisten Beobachter waren sich damals einig: Unterm Strich waren es gute Spiele. Für die Chinesen. Denn sie konnten beweisen, dass sie zu mehr imstande waren, als nur billig Spielzeug und iPods nachzubauen. Sie wussten auch Großevents auf Weltniveau abzuhalten. Und viele andere Länder freuten sich, dass neben den USA nun eine weitere Supermacht die Weltbühne betreten hatte. Das würde den Wettbewerb der Systeme anregen und die Welt vielfältiger machen.

Korrupte Parteisekretäre, Lügen und Doppelmoral

Wäre da nicht ein Schriftsteller gewesen, der inmitten dieser Huldigungen „auf den Wiederaufstieg einer großen Nation“ die Kehrseiten Chinas aufzeigte. Dieser Mann schrieb über seine Mitstreiter, die unter den korrupten Parteisekretären zu leiden hatten, über die Lügen und Doppelmoral der regierenden Kommunistischen Partei.

Und er schrieb über die Ausbeutung von Millionen von Wanderarbeitern, die zu niedrigen Löhnen die wahren Helden des chinesischen Wirtschaftswunders waren. Und zwar in einer klaren und unverblümten Sprache, wie sie für chinesische Dichter bis heute untypisch ist – nahe dran an der aktuellen gesellschaftlichen Realität und für all jene ein Augenöffner, die sich von den vielen hochgezogenen blinkenden Wolkenkratzer und Shopping-Malls haben blenden lassen.

18 Jahre Haft oder Zwangsarbeit

Dieser Dichter, Menschenrechtler und Mahner, der für seine kritischen Schriften 2010 den Friedensnobelpreis erhielt, ist nun nach schwerem Krebsleiden im Universitätskrankenhaus der nordostchinesischen Stadt Shenyang gestorben. Liu Xiaobo wurde gerade einmal 61 Jahre alt, von denen er 18 in Haft verbringen oder Zwangsarbeit leisten musste. Mit seinem Tod verliert die Welt einen der prominentesten Kritiker des derzeitigen chinesischen Systems – und einen wichtigen Chronisten und Zeitzeugen der jüngeren chinesischen Geschichte.

Bereits in seiner Kindheit musste er am eigenen Leib miterleben, wie drakonisch das kommunistische Regime seine ideologischen Vorgaben umsetzt. Kurz nachdem Diktator Mao Tsetung 1966 die „Große Proletarische Kulturrevolution“ ausrief, wurden seine Eltern und er in eine Volkskommune aufs Land geschickt. Als „verwöhnte Städter“ sollten sie das „wahre Leben“ kennenlernen. Vier Jahre mussten sie dort ausharren.

Schlüsselfigur bei den Demokratieposten

Nach dem Tod Maos und dem Beginn der Öffnungs- und Reformpolitik unter Deng studierte und lehrte Liu Xiaobo Literaturwissenschaften in Peking mit Aufenthalten in Oslo, Hawaii und New York. Bei den Demokratieprotesten 1989 auf dem Platz des Himmlischen Friedens war er eine der Schlüsselfiguren. Als in der Nacht auf den 4. Juni Panzer auffuhren und damit begannen, die Proteste blutig niederzuschlagen, bewahrte er etliche Aktivisten vor dem Tod, indem er auf sie einredete, sich ja nicht selbst aufzuopfern. Dieses Engagement brachte ihm seine erste Gefängnisstrafe ein. Er musste für zwei Jahre in Haft.

Er ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Als Schriftsteller und Autor engagierte er sich weiter für die Demokratisierung seines Landes. In mehreren Texten widmete er sich den „Müttern vom Tiananmen“ und beschrieb, wie sie gemeinsam die Todesumstände ihrer verschwundenen Kinder ermittelten. Dabei brachte er zutage, wie brutal die Soldaten der Volksbefreiungsarmee in jener Nacht und den darauffolgenden Tagen gegen die Demonstranten vorgingen und einige von ihnen zu Tode hetzten.

Ehrenpräsident des Pen-Clubs

In anderen Artikeln schrieb er über Hunderte von entführten Bauernkindern, die unter Duldung der örtlichen Provinzbeamten in Kohlebergwerken in der Provinz Shanxi als Kindersklaven gehalten wurden. Er berichtete über den Moral- und Sittenverfall im wirtschaftlich aufstrebenden China und dem zunehmenden Nationalismus.

Liu gab in seinen Aufsätzen stets der kommunistischen Führung die Verantwortung für den moralischen Verfall und die vielen kriminellen Machenschaften im Land, weil viele innerhalb der Führung bewusst wegschauten oder schlimmer noch: unmittelbar daran mitverdienten. Bereits für diese und andere Texte wurde er immer wieder verhaftet. 2003 kürte der chinesische Pen-Club unabhängiger Schriftsteller ihn zum Ehrenpräsidenten.

Auch seine Frau stand unter Hausarrest

Endgültig zum Verhängnis wurde für ihn die sogenannte „Charta 08“. Liu war zwar nur einer von 300 Intellektuellen, die mit dieser Petition dazu aufriefen, aus China einen freien und demokratischen Staat zu schaffen, in dem das Gesetz über die Regierenden zu stehen hat – eine Forderung, die im Übrigen selbst der damalige Premierminister Wen Jiabao immer wieder zur Sprache brachte. Doch ihm wurde die Urheberschaft dieser Petition angelastet. 2009 verurteilte ihn ein Volksgericht wegen „Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt“ zu elf Jahren Haft.

Als ihm 2010 der Friedensnobelpreis verliehen wurde, blieb sein Stuhl bei der feierlichen Zeremonie in Oslo leer. Denn selbst seine Frau Liu Xia, eine ebenfalls bekannte Dichterin, stand unter Hausarrest und durfte nicht anreisen. Dabei wurde ihr offiziell gar nichts angelastet.

Führung kam Bitte der letzten Tage nicht nach

Doch offenbar ahnte die chinesische Führung: Dass er trotz der Haft und Schikane all die Jahre nicht an Lebensmut verlor, hat er der selbstlosen Liebe seiner Frau zu verdanken. Bei der Nobelpreisverleihung im Dezember 2010 las die norwegische Schauspielerin Liv Ullmann aus einer Rede von Liu, die er kurz vor Haftantritt gehalten hatte und Liu Xia widmete. „Deine Liebe ist das Sonnenlicht, das über hohe Mauern springt und die Gitterstäbe meines Gefängnisfensters durchdringt, jeden Zentimeter meiner Haut streichelt, jede Zelle meines Körpers wärmt und mir erlaubt, immer Frieden, Offenheit und Helligkeit in meinem Herzen zu bewahren, und jede Minute meiner Zeit in Haft mit Bedeutung erfüllt.“

Ihrer mehrfachen Bitte der letzten Tage, ihren Mann trotz des schweren Leberkrebses im Endstadium zur Behandlung nach Heidelberg auszufliegen, kam die chinesische Führung nicht nach. Selbst im Sterben sollte Liu Xiaobo weiter bestraft werden.

„Ich sitze meine Strafe in einem konkreten Gefängnis ab, während du in dem unfassbaren Gefängnis des Herzens wartest“, schrieb er weiter. Dieses Warten hat nun ein tragisches Ende genommen.