Besuch: Spurensuche in Wellingsbüttel

Unser Nachbar Heinz Erhardt

Fast 30 Jahre nach seinem Tod ist Heinz Erhardt in Wellingsbüttel immer noch ein Thema. Sein bevorstehender 100. Geburtstag lockt Medien, Fans und Neugierige in die beschauliche Wohnsiedlung, in der Hamburgs größter Komiker lebte.

Die prachtvollen Villen stehen links und rechts der Waldingstraße in Wellingsbüttel, eine schöner als die andere. Die gepflegten Vorgärten sind von Schnee bedeckt. Biegt man in den Fasanenhain ein, eine Sackgasse, sind die Häuser nicht mehr ganz so prunkvoll, aber immer noch schön. Das kleinste, unscheinbarste unter ihnen ist ein roter Backsteinbau aus den Dreißigern. Spitzes Dach, Anbau mit großen Fenstern und auf dem Balkon zwei Buchsbaumsträucher mit weißem Häubchen. Hier hatte sich Hamburgs großer Komiker Heinz Erhardt mit seiner Frau Gilda und den vier Kindern Grit, Verena, Gero und Marita nach Kriegsende niedergelassen. In einem ruhigen und friedlichen Stadtteil.

Ruhig und friedlich? Das sieht Heike Dost wohl in diesen Tagen etwas anders. Heute steht ihr Name neben dem Klingelknopf. Und auf den drücken bevorzugt Journalisten, um ihr Fragen zu Heinz Erhardt zu stellen. Dabei kannte sie ihn gar nicht. Und so verwundert es nicht, wenn sie die Reporter freundlich, aber entschieden abblitzen lässt. Als würde es nicht reichen, dass manchmal Fans vor ihrem Haus stehen, um es zu fotografieren.

"Wir hoffen, der Rummel wird sich nach Erhardts hundertstem Geburtstag wieder legen", sagt Nachbarin Barbara Thiede. Die blonde Frau lebt seit 1980 schräg gegenüber. Als sie und ihr Mann dort hinzogen, war Heinz Erhardt bereits verstorben. "Ich habe nur noch seine Frau kennengelernt", sagt Thiede. Gilda Erhardt, geborene Zanetti und Konsultochter, lebte bis zu ihrem eigenen Tod 1987 in dem Backsteinhaus. "Ich glaube, sie hat den Tod ihres Mannes nie verwinden können", sagt Thiede. So ist es, wenn zwei Leben so miteinander verschlungen sind, wie die der beiden es waren. Fröstelnd hält Thiede sich den Kragen ihres weißen Bademantels zu. Sie hat Grippe und gehört eigentlich ins Bett. Doch bevor sie sich wieder hinlegt, sagt sie noch: "Die Menschen wollen sich amüsieren. Gerade in Krisenzeiten wie diesen. Vielleicht ist Heinz Erhardt deswegen immer noch so populär. Weil er die Menschen zum Lachen brachte."

Das gelang dem Alleinunterhalter mit Wortspielen und verdrehten Redewendungen. In vielen seiner Filmrollen spielte er den liebenswerten, etwas verwirrten und schüchternen Familienvater. Im wahren Leben war er kaum zu Hause. Er war ein Arbeitstier.

Als Hella Ahrens vor dreißig Jahren nach Wellingsbüttel zog, war daran nicht mehr zu denken. Heinz Erhardt hatte am 11. Dezember 1971 einen Schlaganfall erlitten, bei dem das Sprachzentrum in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er konnte weder sprechen noch schreiben. Ein schwerer Schlag. "Wenn ich mit meinem Hund spazieren ging, sah ich Heinz Erhardt oft in seinem Wintergarten sitzen", erinnert sich die 68-Jährige. "Ich winkte zu ihm hinüber. Darüber hat er sich immer gefreut."

Genauso wie über die Besuche ihrer Tante Erika Köth, einer bekannten deutschen Kammersängerin und Sopranistin. "Wenn sie uns besuchte, schaute sie auch immer bei Heinz Erhardt vorbei." Damals lebte Hella Ahrens mit den Eltern nur ein paar Straßen weiter. Sie hat Wellingsbüttel nie verlassen.

Genau wie Heinz Erhardts Kinder. Drei von ihnen wohnen nur eine Querstraße weiter, am Jägerstieg. Alle unter einem Dach. An den Briefkästen steht "Heinz Erhardt Erbengemeinschaft". Einer von ihnen ist Gero Erhardt. Der Mann mit dem vollen grauen Haar tritt ein wenig gehetzt vor die Tür. Er sei in Eile, sagt der Regisseur, während er sich in einen orangefarbenen Schal hüllt, und auf dem Sprung ins Studio Hamburg nach Jenfeld, wo die Vorbereitung für die Heinz-Erhardt-Gala auf Hochtouren läuft. Aber seine Schwester Gigi sei zu Hause.

Gigi heißt eigentlich Grit Berthold. "Ich habe mir einen Künstlernamen zugelegt", scherzt die 72-Jährige. Eigentlich haben ihre Eltern ihr diesen Spitznamen gegeben. Irgendwann nannte sie dann jeder so. "Unser Vater macht uns ganz schön Arbeit", lacht sie. "Schöne Arbeit", fügt sie hinzu. Eine Ausstellung im Alstertal-Einkaufszentrum soll am 20. Februar, seinem Geburtstag, eröffnet werden. Fotos müssen gesichtet, ausgewählt und beschriftet werden. Am selben Tag soll der Park in Wellingsbüttel, der nur 100 Meter vom Haus entfernt liegt, seinen Namen erhalten. Drei Gedenktafeln sollen hier, zwischen Saseler Chaussee, Pfeilshofer Weg und Rabenhorst, über Leben und Werk des Komikers informieren. Außerdem muss Gigi Berthold Interviews geben, "und alle kommen auf den letzten Drücker". Das Telefon steht nicht mehr still. Ganz schön viel los in dem sonst eher ruhigen Stadtteil. Doch Gigi Berthold nimmt es gelassen. Schließlich sind die Geschwister auch mächtig stolz auf ihren berühmten Vater.

Ihr Mann, Hans Berthold, kommt aus dem Wohnzimmer. Mit seiner Brille, dem schütteren Haar und seinem freundlichen Wesen erinnert er ein wenig an Heinz Erhardt. Als Student stand er mit ihm auf der Bühne. So lernte er seine Gigi kennen. Das Paar ist mittlerweile 52 Jahre lang verheiratet. 1952 hat Heinz Erhardt das Haus am Jägerstieg gekauft. Heute leben drei Geschwister unter einem Dach. "Das ist unsere baltische Herkunft", sagt Gigi Berthold. "Unsere Familie war immer schon so eng miteinander verbunden." Hans Berthold macht sich fertig. Er will noch zum Ohlsdorfer Friedhof

Mittlerweile ist der Schnee in strömenden Regen übergegangen. Im Osten des Friedhofs nahe der Kapelle 13 weist ein grünes Schild den Weg: zwanzig Meter bis zu Heinz Erhardts Grab. Hier legen Fans manchmal Blumen nieder. Heute ist das Grab von Schnee bedeckt. Nur ein Tannengesteck lugt hervor. Von der Aufregung, die Heinz Erhardt mit seinem 100. Geburtstag auslöst, ist hier nichts zu spüren. Es ist ganz ruhig.

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