Lustgärten: Hamburgs verschwundene Paradiese

Der 30-jährige Krieg verwüstete Europa. Nach seinem Ende 1648 atmeten auch die Hamburger auf - und entdeckten ihre Lust an Gärten, exotischen Pflanzen und den Wundern der Botanik. Viele sind uns heute gut vertraut. Eine kleine Geschichte des Luxus.. Reiche Hanseaten ließen sich ihre Ziergärten viel kosten. Auch Caspar Anckelmann investierte in die Gartenkunst. Ein Gemälde zeigt seinen prächtigen "Hortus" - Stolz und Stolperstein eines Ratsherrn.

Der Garten lag auf der östlichen Seite der heutigen Poolstraße in der Neustadt. Als der Hamburger Künstler Hans Simon Holtzbecker dieses Kleinod der Gartenkunst um 1669 malte, hat er dabei vielleicht auf den Wallanlagen am heutigen Holstenwall gestanden. Wie von einem Hügel aus sieht man Besucher, die zwischen quadratischen "Blumenparterres" umherwandern und Obelisken, Spaliere mit Wein und Rosen oder Skulpturen bewundern. Wenn Caspar Anckelmann Gäste durch seinen "Lustgarten" führte, muss er sich gefühlt haben wie ein kleiner König. Sein Garten war berühmter als mancher fürstliche. Der Schlossgarten im mecklenburgischen Güstrow hatte 100, der von Anckelmann 96 Beete.

Hamburgs Oberschicht identifizierte sich nicht mit dem Adel, aber sie war trend- und repräsentationsbewusst. Als nach dem Ende des 30-jährigen Krieges überall in Deutschland Parks und barocke Gärten entstanden, entdeckte auch Hamburg die "Lustgärten". Die meisten lagen in der Neustadt zwischen Dammtor und Hamburger Berg, die seit 1626 zum geschützten Stadtgebiet gehörte und im Vergleich zur überfüllten Altstadt erst locker bebaut war.

Caspar Anckelmann (1634- 1698), ältester Sohn einer angesehenen Familie von Leinwandhändlern, war ein Mann mit Sinn für Luxus. Er bekleidete eine Reihe von Ämtern, wurde u. a. Bürgercapitain (Kommandeur der Bürgerwehr), später Jurat (Mitglied des Gerichts), Kämmereibürger, 1690 Oberalter und Ratsherr. Nach der Heirat mit Katharina Möhlmann, der Tochter des reichsten Hamburger Grundbesitzers, erweiterte er seinen Garten durch mehrere Grundstückskäufe auf ein Areal von 5729 Quadratmetern. Die enormen Summen, die sein "Hortus Anckelmannianus" (lat. hortus : Garten) verschlang, habe ihm sein Schwiegervater vorgeschossen, schreibt der Familienforscher Bernhard Pabst.

Dieser Garten war ganz sicher ein Statussymbol. Aber die Hamburger Gartenlust entstand nicht nur aus dem Hunger nach Prestige. Ein "Lustgarten" war - anders als die reinen Küchen- und Nutzgärten mit Gemüse und Obst - ein Hort neuen Wissens, des Sinnierens, ein Bildungserlebnis - und ein Tor zu den Wundern der damaligen Welt.

Sie war durch die Entdeckungen buchstäblich größer geworden, Land- und Seekarten veränderten sich ständig. Mit demselben staunenden Interesse, mit dem man von neu entdeckten Inseln und Kontinenten hörte, betrachtete man auch Pflanzen und Früchte aus Nord- und Südamerika und aus Ostindien, ihre Farben und Spielarten. Experten wie der Universalgelehrte Joachim Jungius, Direktor des Hamburger "Akademischen Gymnasiums", versuchten diese Pflanzen zu klassifizieren. Man traf sich in botanischen Zirkeln, tauschte Wissen und Blumensamen aus, trug Blumen am Revers wie Juwelen. Eine wachsende Zahl von Blumenmalern lebte davon, Pflanzenporträts und Blumenstillleben im holländischen Stil anzufertigen. "Es war ein richtiger Kult", sagt Claudia Horbas vom hamburgmuseum.

Entscheidende Impulse dafür gaben vermögende niederländische Religionsflüchtlinge, die sich Ende des 16. Jahrhunderts in Hamburg niedergelassen hatten. Antwerpen war die Drehscheibe des Handels mit Pflanzen aus der gesamten damals bekannten Welt. Niederländer wie der Kaufmann Hans Berenberg brachten die ersten "Kunstgärtner" in die Stadt, einen neuen Berufsstand.

Denn wie man einen Blumengarten anlegt, woher man die Pflanzen bezieht, wie man sie pflegt und vermehrt, war immer noch Spezialwissen. Gartenbesitzer, Botaniker und Gärtner in ganz Deutschland und Nordeuropa standen daher in regem Austausch, schickten sich Ableger, halfen sich mit Ratschlägen und mit kundigem Personal.

Der gefragte fürstlich-braunschweigische Hofgärtner Johann Royer etwa gestaltete auch den Lustgarten des hessischen Schlosses am Fallstein. Sein Schüler Michael Hanff legte die erste Allee Unter den Linden in Berlin an. Berenbergs Gärtner Hans Meilan, der in Italien gelernt hatte, eröffnete 1635 an der Fuhlentwiete Hamburgs erste Gärtnerei. Er belieferte auch die Herzöge von Schleswig-Holstein-Gottorf.

Wer Caspar Anckelmanns Gärtner war, ist nicht bekannt. Rechts auf Holtzbeckers Bild sieht man den "Obergärtner", der einen elegant gekleideten Herrn freundlich begrüßt, vielleicht ist es Anckelmann selbst.

Aber welche Pflanzen in seinem Garten wuchsen, weiß man: Simon Holtzbecker malte zwischen 1667 und 1671 das "Anckelmann-Florilegium", eine Art Blumeninventar. Es zeigt auf 211 Pergamentseiten aus weichem Ziegenleder 452 verschiedene Zwiebel- und Knollenpflanzen. Darunter sind allein 20 Arten Anemonen, 33 Tulpen- und 22 Lilienarten und Exoten wie Weißer Peruanischer Sternlauch, Amaryllis, Meeresnarzissen, Indisches Blumenrohr und zahlreiche Orchideen.

Exotische Pflanzen galten als greifbare Beweise für die Existenz von Erdteilen, die man selbst nie sehen würde. Und gleichzeitig erschienen sie dem gut lutherischen Hamburger Bürgertum als Beweis für eine weltumspannende Schöpfungsidee.

Auch der Anckelmann-Garten war ein "Biorama", eine Abbildung der "Natur als Spiegel der Schöpfung", schreibt der Kunsthistoriker Hein-Thomas Schulze Altcappenberg. Der Mensch sollte die Natur "durch eigenes Tun kultivieren und sogar veredeln . . . Der gleichermaßen gläubige wie tätige Bürger (darf) als Hilfsgärtner des Herrn auftreten".

Um die strenge Geometrie eines Barockgartens zu erhalten, mussten die "Hilfsgärtner des Herrn" ständig ordnen, beschneiden, frisieren. Joachim Jungius unterteilte seine Beete wie Rechenpapier und bepflanzte jedes Karo akkurat mit nur einer Art - Levkojen, Glockenblumen, Salbei oder Bartnelken. Ein üppig wogender Stauden-Mix oder gar Wildwuchs war im 17. Jahrhundert noch völlig undenkbar. Auch die französische Mode der verspielten "Broderieparterres", in denen die Beete selbst wie eine Spitzenstickerei geformt wurden (z. B. in Versailles oder Villandry), kam erst gegen Ende des 17. Jahrhunderts auf.

Fast jeder der rund 50 Hamburger Lustgärten hatte etwas Besonderes. Der Admiralitätsrat Paul Klingenberg hatte ein Labyrinth. Hans Berenberg wurde um seine extravaganten gelben Rosen beneidet. Anckelmann stellte viele seiner rund 400 Kostbarkeiten am Eingang in dekorativen Töpfen aus, zum Beispiel Kaiserkronen, blühende Yucca und Orangenbäumchen (Pomeranzen).

Hier stand wahrscheinlich auch sein ganzer Stolz: der "Caneelbaum" aus Westindien, ein Lorbeergewächs (verwandt mit dem Zimtbaum). Der Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg bot ihm für die Rarität 1682 die unglaubliche Summe von 2000 Talern, nach Hamburger Währung 6000 lübische Mark. Anckelmann lehnte selbstbewusst ab.

Vierzehn Jahre später hat er das möglicherweise bereut. Im Herbst 1696 musste er sich mit einer hohen Summe für zahlungsunfähig erklären. Der erfolgverwöhnte Ratsherr erlebte einen tiefen Fall, der in der Stadt für einen Skandal sorgte. Neider behaupteten, er habe nicht nur sein eigenes Vermögen, sondern auch das seiner Frau durchgebracht. Um die Gläubiger zufriedenzustellen, musste auch sein Barockgarten versteigert werden, "in einem Corpo oder einzeln". Dem 62-Jährigen wird das Herz geblutet haben. Den Caneelbaum soll der Bürgermeister Lucas von Bostel erworben haben, immerhin noch für den stolzen Preis von 1500 Talern.

Anckelmann hat das Ende des schönsten Hamburger Bürgergartens nur um zwei Jahre überlebt, er starb 1698 an einem Schlaganfall. Knapp hundert Jahre später wurde das Areal an der Poolstraße mit Häusern bebaut.

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