Kolumne

Sie bestellen online? Dann weiß der DHL-Bote alles über Sie

| Lesedauer: 6 Minuten
Diana Zinkler
In ihrer Kolumne „Mein Morgenland“ schreibt Diana Zinkler über die Gesellschaft und das Deutschland von morgen.

In ihrer Kolumne „Mein Morgenland“ schreibt Diana Zinkler über die Gesellschaft und das Deutschland von morgen.

Foto: ZRB

Wer viel online bestellt, mutet seinem DHL-Boten allerhand zu. Der wiederum weiß viel über seine Kunden – von Süchten und Geheimnissen.

Berlin. Unser DHL-Bote will nicht mehr. Also, er will schon weiter als Bote arbeiten, aber so nicht mehr. Das sagte er mir vor zwei Tagen ziemlich deutlich. Mit uns nämlich. Den Leuten, die Regale und Schränke bestellen und die vom Hersteller per Post versandt werden. In mehreren Paketen zwar, aber eines wiegt eben manchmal 15 Kilogramm, gefühlt sogar 30. Und der Mann mit der Brille, eigentlich Typ Hochschullehrer, schleppt sie hoch. Ist das nun sein Job oder nicht?

Dieser DHL-Bote kennt mich beim Namen, den ganzen Namen, er weiß auch, wie viele Menschen in meinem Haushalt wohnen und wie die heißen. Gibt er etwas ab, sagt er gleich dazu: „Das ist für Sie“, „für Ihren Mann“ oder „für Ihre große Tochter“. Oder: „Das ist für Ihre Nachbarin“. Stets mit größter Diskretion. Obwohl man sich schon mal Gedanken machen könnte über die Nachbarin, die ein Zalando-Paket nach dem nächsten erhält. Sie ist Ärztin, lebt allein und hat einen für uns offensichtlichen Hang zu neuer Bekleidung.

Die Therapeutin im ersten Stock probiert Psycho-Tricks

Unter uns wohnt eine Psychotherapeutin, sie ist älter und ziemlich gerissen. Eigentlich hat sie das Ruhestandsalter längst erreicht, aber in manchen Berufen ist man ja immer gefragt. Gerissen ist sie, weil sie häufig unten an der Eingangstür unseres Wohnhauses stehen bleibt, ihre schweren Einkaufsbeutel versperren den Ausgang, mit einer Hand tut sie so, als wolle sie gerade einen Beutel anheben, mit der anderen stützt sie sich an die Tür ab. Die ganze Pose bedeutet eindeutig: Hilf mir, mein Zeug in den ersten Stock hochzutragen. Doch sie streitet das ganze Gehabe ab.

Frage ich sie: „Liebe Frau Licht (so nenne ich sie hier), kann ich Ihnen helfen?“, antwortet sie jedes Mal: „Neieein, neinnnn, das schaffe ich schon“ und lächelt verschmitzt und süß. Frage ich noch einmal, ist sie plötzlich überredet: „Ach, wenn Sie noch so viel Zeit haben?“ Dann blinzelt sie, und man verliebt sich sofort. Ich schleppe ihr das Zeug direkt bis in die Küche. Wenn ich raus bin, frage ich mich, ob sie das geplant hatte und ob ihr süßes Lächeln eine gezielte psychologische Manipulation gewesen ist.

Der DHL-Bote reagierte nicht auf mein süßes Lächeln

Ähnlich habe ich es kürzlich mit dem DHL-Boten versucht. Er klingelte, ich war noch im Bad, er sagte der Tochter, er käme in sechs bis sieben Minuten noch einmal wieder mit schweren Paketen. Die Minuten vergingen, ich hatte ihn vergessen oder auch nicht. Ich öffnete die Tür, vor mir drei Pakete und unser schnaufender Bote. Die eine Hand gestützt ans Treppengeländer, in der anderen das Gerät, auf dem man den Empfang bestätigen muss. Ich gab vor, peinlich berührt zu sein – und dass ich ganz vergessen hätte, ihm entgegen zu gehen. Was wirklich stimmte! Ich versuchte süßes Lächeln.

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Er konnte mich nicht anschauen, so sauer, so beleidigt war er. Er schüttelte sein dunkelblondes Haar, zog an seiner kurzen Botenhose, sagte: „Das geht so nicht. So will ich das nicht mehr.“ Ich entschuldigte mich aufrichtig. Das war sehr unaufmerksam von mir. Er ließ mich reden und ging.

Die Nachbarin ändert ihre Einkaufsstrategie

Warum Frau Licht hier auch wichtig ist? Weil sie inzwischen ihre Einkaufsstrategie ein wenig erweitert hat – sie bestellt jetzt auch online. Sie gehört damit zu der wachsenden Zahl von Konsumenten, die das E-Commerce-Geschäft anfeuern. 1999 wurde nur etwa 1 Milliarde Euro so in Deutschland umgesetzt. Im Jahr 2020 waren es bereits 72 Milliarden, 2021 ganze 86, und für 2022 laufen die Prognosen auf 97 Milliarden Euro, die durch Geschäfte im Netz erwirtschaftet werden. Die Steigerungen sind stetig, wobei die Pandemie-Jahre noch mal große Schubkraft gegeben haben.

Die Arbeitsbedingungen für die Post- und DHL-Boten aber sind nicht unbedingt besser geworden. Und wer im Dienste von Amazon unterwegs ist, macht es häufig als Selbstständiger mit eigenem Auto.

Für wen war das geheimnisvolle Paket?

Auch Frau Lichts verändertes Konsumverhalten wirkt sich auf unseren DHL-Boten und mich aus. Wenn sie nicht Menschen empfängt, die ihre Hilfe brauchen, dann hört sie Musik (ziemlich laut, auch gern nachts um 1 Uhr) oder sie schlemmt.

Woher ich das weiß und woher der Postbote es auch weiß? Sie erhielt kürzlich ein Paket aus dem Tessin, nur die Adresse war darauf angegeben, nicht ihr Name. Der Postbote hievte es hoch zu mir, stöhnte und sagte nur: „Es muss Ihnen ja schmecken.“ Er kannte den Absender wohl schon und war bestimmt noch immer sauer wegen der Pakete kürzlich.

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Ich öffnete es und staunte: Feinster luftgetrockneter Schinken, leckerer gelber Käse, Olivenöl, Gewürze, eingelegte Gurken, alles bio von Bauernhöfen und sehr teuer, wie mir die Rechnung verriet. Und da sah ich auch: Es war leider für Frau Licht.

Ich schleppte es runter, gefühlte 20 Kilogramm, weil auch noch mehrere rote Weinflaschen drin waren. Frau Licht grinste wie immer beim Empfang.

Am nächsten Tag stand eine Flasche Wein aus dem Tessin vor meiner Tür.

Der Postbote ging leider leer aus. Wie fast immer. Es ist ja sein Job, oder?

Aber ich verspreche: Er bekommt an Weihnachten einen Briefumschlag mit einem Schein.

Mal gucken, was Frau Licht dazu sagt. Ich sehe ihr Grinsen schon vor mir.

Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.