ESC-Serie

Moldawien beim ESC: "Zdob și Zdub" – ungewollt politisch

| Lesedauer: 4 Minuten
Johanna Ewald
Hohe Gewinnchance: Ukraine beim Eurovision Song Contest

Hohe Gewinnchance: Ukraine beim Eurovision Song Contest

Die Ukraine erlebt seit Mitte Februar einen Angriffskrieg durch Russland. Dieses Jahr gilt das Land als Favorit beim Eurovision Song Contest.

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Viermal in den Top Ten, 17 Mal teilgenommen: Moldawien tritt beim „ESC“ an – mit einer Band, die ESC-Zuschauern bekannt sein dürfte.

Turin. Zum dritten Mal wird Zdob și Zdub beim Eurovision Song Contest (ESC) für Moldawien antreten. Nach 2005 in Kiew und 2011 in Düsseldorf geht die Band nun gemeinsam mit Fraţii Advahov und dem Song "Trenuleţul" in Turin auf die Bühne.

Nach einem öffentlichen Casting in der Hauptstadt Chişinău, bei dem sich 28 Künstlerinnen und Künstler präsentierten, fiel die Wahl auf die Band – ergänzt um die Brüder Advahov. Doch vor dem Finale mussten die Musiker noch das Halbfinale am 10. Mai passieren. 17 Länder traten an, zehn kamen weiter. Darunter auch Moldawien.

Moldawien beim ESC: Zdob și Zdub und der Blitzkrieg

Zdob și Zdub spielen bereits seit 1994 zusammen. Seither gab es einige Besetzungswechsel – zwei Gründungsmitglieder, Frontmann Roman Iagupov und Bassist Mihai Gincu, sind aber noch dabei. Und wer darüber grübelt, was dieser Name wohl zu bedeuten hat: Zdob și Zdub ist eine Onomatopoesie: die lautmalerische Nachahmung eines Trommelschlags.

Mit dem stimmungsgeladenen Folk-Rock-Nummer "Trenuleţul" (Englisch: Train) stehen die Chancen für einen Erfolg gar nicht so schlecht. Schließlich ist es ein Song, der gute Laune macht, mit einem Ohrwurm-tauglichen Refrain. „Hey ho! Let’s Go“, heißt es da. Dem einen oder anderen wird diese Zeile bekannt vorkommen, ist es doch eine unverkennbare Hommage an den Ramones-Hit “Blitzkrieg Bop”, der mit ebendieser Zeile das erste Album eröffnete.

Fast fragt man sich da, ob die Band schon beim Songwriting wusste, zu welcher politisch prekären Zeit der ESC stattfinden wird. Schließlich ist Blitzkrieg die Bezeichnung für einen kriegerischen Überraschungsangriff mit allen verfügbaren militärischen Kräften. Dabei wollten Zdob și Zdub den Song eigentlich weniger politisch für den musikalischen Wettbewerb machen.

ESC-Kandidat für Moldawien: Fans verärgert über veränderten Text

Beim Casting im moldawischen Fernsehen trugen die Musiker deswegen die erste Strophe des Liedes mit verändertem Text vor – das sorgte jedoch für Ärger bei den Fans, die sich darüber empörten, dass die Botschaft des Songs damit verloren gehe.

Laut Victoria Cusnir, einer Jurorin beim Casting, habe Sänger Roman Iagupov verschiedene Varianten des Textes erarbeitet. Sie selbst sprach sich für die originale Version aus, die von einer Zugfahrt handelt, bei der die Zuhörenden dazu aufgefordert werden, mit der Bahn nach Bukarest zu fahren. Einige deuteten dies als Anspielung auf eine mögliche Vereinigung von Rumänien und Moldawien. Nach den Reaktionen der Fans soll beim ESC zur ursprünglichen Version zurückgekehrt werden.

Moldawiens Verbindung zu Kiew

Moldau, das kleine Land zwischen Rumänien und der Ukraine, das nach dem Angriff von Putin um Aufnahme in die EU gebeten hat, liegt nach Belarus so nah an den Schauplätzen der russischen Angriffe wie sonst kein anderer europäischer Staat: Kiew ist 400 Kilometer Luftlinie von der Hauptstadt Chişinău entfernt. 2005 war Kiew der Austragungsort des ESC, in dem Jahr nahm Moldau zum ersten Mal daran teil. Und wer vertrat es da? Richtig, Zdob și Zdub. Das hat fast schon etwas Schicksalhaftes.

Mit dem Song "Boonika Bate Doba" und einer trommelnden "Großmutter", die mit bemaltem Oberkörper und einem zu einem Lendenschurz umfunktionierten Teppich die Musiker auf der Bühne begleitete, belegten sie damals Platz sechs – neben „Hey, Mamma!“ von SunStroke Projekt die bislang beste ESC-Platzierung für das Land. Insofern darf man erwartungsvoll dem diesjährigen Auftritt entgegenblicken.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf morgenpost.de.