"Tina mobil"

Serie: Wie eine Frau gegen das Abrutschen in Hartz IV kämpft

| Lesedauer: 6 Minuten
Vera Denkhaus
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Die Serie "Tina mobil" begleitet eine verarmte und starke Frau im Alltag. Raus aus dem Niedriglohnsektor – rein in die Selbstständigkeit.

Berlin. Tina ist Anfang 50, hat drei jugendliche Kinder und arbeitet seit 20 Jahren als mobile Backwarenverkäuferin – bis ihr Chef ihr ein Kündigungsschreiben auf den Tisch legt. Fristlos, ohne Dank. Dabei ist die „Queen der Landstraße“ mit ihrer Berliner Schnauze ein wahres Verkaufstalent. Ihr direkter Weg zur Pankower Arbeitsagentur zeigt einen Clash der Jahrzehnte. Die junge Empfangsdame ist nicht aufs Zuhören eingestellt und verweist nur auf den E-Service.

Tina, gespielt von Gabriela Maria Schmeide, kann nicht folgen: „Sie sprechen ja schneller als ich denke! Wie ist das, wenn man mit jemandem reden möchte? Ich würde auch warten, ich habe Zeit.“ Doch die Dame bleibt stoisch bei ihrem Text. „Tut mir leid, unsere Mitarbeiter sind rund um die Uhr im Gespräch – aber nutzen Sie unseren E-Service.“ Unbefriedigt geht Tina nach Hause.

"Tina mobil" - nah dran am Familienalltag

Genau solche Szenen machen die Miniserie „Tina mobil“ so sehenswert. Hier werden keine Hochglanzmenschen mit perfekten Wohnungen und Familien gezeigt. Stattdessen sind die Zuschauenden nah dran, am Alltag einer normalen Familie mit wenig Einkommen. Sie zeigt, wie Arbeitssuchenden Steine in den Weg gelegt werden. So soll Tina vom Arbeitslosengeld 1 vorerst einen verminderten Leistungssatz erhalten. "Nochmal vermindert?", fragt sie ungläubig. "Ich krieg doch jetzt schon nur 67 Prozent." Eine notwendige Überprüfungsmaßnahme bei einer fristlosen Kündigung, erklärt die Sachbearbeiterin. Doch für Betroffene eine Katastrophe, vor allem wenn das Einkommen vorher auch im Niedriglohnsektor stattfand.

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Die Serie zeigt auch die aufopfernden Seiten einer alleinerziehenden Mutter, die sich selbst hintenanstellt. Die zweite Gitarrenstunde für die Tochter, die Klassenfahrt für den Sohn und ihre Älteste, die nicht arbeiten geht aber noch bei ihr wohnt. In ein kleines Notizbüchlein notiert Tina alle Ausgaben - danach gibt es erstmal einen Schnaps - bevor sie die Couch Im Wohnzimmer zu ihrem Bett umbaut. Die Teebeutel aus den Tassen der Kinder wirft sie schwungvoll in ihre eigene und gießt sie erneut mit heißem Wasser auf.

Doch so soll es nicht bleiben. Kurzerhand macht Tina sich selbständig. Sie erstellt einen Businessplan, kratzt das letzte Geld zusammen und kauft sich ein eigenes Mobil. Dann heuert sie bei der Konkurrenz an und fährt ihre alte Strecke – nur eben fünf Minuten früher als ihr alter Chef.

Das macht "Tina mobil" so sehenswert

In sechs Folgen von je 45 Minuten erzählt die Miniserie mal komisch, mal traurig die Geschichte einer Frau, die partout nicht aufgeben will, in einem Milieu, das nicht allzu oft gezeigt wird. Beim Zusehen fiebert man mit, wünscht Tina bei ihrer Selbstständigkeit viel Glück. Man ist stolz auf sie, wenn sie zu ihrem künftigen Business-Partner sagt: „Sie backen die besten Schrippen, ich bin die beste Verkäuferin.“ Aber man geniert sich auch, wenn sie den Gitarrenlehrer ihrer Tochter beim gemeinsamen Kaffeetrinken in gebrochenem Englisch anflirtet. Das Entscheidende, es wird nicht auf die Protagonistinnen und Protagonisten herabgeschaut und auch keine Sozialromantik erzählt. Die Charaktere sind vielschichtig und erfinden sich über sechs Folgen hinweg neu.

Das Schöne: Trotz ihrer eigenen Lage vermittelt Tina in der Geschichte Zivilcourage und lässt ihren Frust nicht an Unbeteiligten aus. Als sie eine ehemalige Kollegin fragt, wer jetzt ihr Bäckereiauto fährt, sagt die: „Da ist eine mit Kopftuch mit weggefahren. Jetzt nehmen uns die Moslems die Arbeit weg!“ Doch Tina fährt dazwischen. „Hör doch mal auf. Ist doch Quatsch, der Alte nimmt mir die Arbeit weg!“ In kleinen Szenen vermittelt die Serie ein positives Menschenbild und sorgt für ein warmes Gefühl.

"Tina mobil" begeistert in der ARD-Mediathek

Schauspielerin Runa Greiner, die in der Serie Tochter Caro spielt, antwortet auf die Frage was die Serie so besonders macht: „Es ist die Menschlichkeit. Es ist keine perfekte Fernsehfamilie. Es ist pur und echt.“ Serienschwester Julia, gespielt von Fine Sendel ergänzt: „Es ist nicht wie bei anderen Serien, die man schaut und sich denkt: ‚Ich wäre auch gerne so schön wie die Frau, ich hätte auch gerne solche Locken.‘ Du guckst einfach in den Spiegel.“ Zu sehen ist das Mini-Interview in einem Zusatzclip der ARD.

Das scheinen einige Zuschauerinnen und Zuschauer genau so zu sehen. Unter den ersten Folgen in der ARD-Mediathek sammeln sich die Kommentare. "Fernsehen kann auch „echt“!", schreibt eine Zuschauerin. "Hat mich sehr berührt! Tolle Besetzung und endlich mal die ungeschminkte Wahrheit, wie es im Leben laufen kann, wie man kämpft und gezwungen ist hinzusehen, wo es schmerzt. Um dann wieder aufzustehen und weiter zu kämpfen. Ich bin mir sicher dass es viele Frauen gibt die sich wiederkennen." Andere fordern schon jetzt neue Staffeln. "Eine ganz tolle Serie, berührend, lustig, traurig, wunderbar gespielt. Bitte unbedingt weitere Staffeln produzieren", schreibt eine andere.

"Tina mobil" wird jeweils als Doppelfolge am 22. September, 29. September und 6. Oktober 2021 als "FilmMittwoch" im Ersten ausgestrahlt. Jeweils um 20:15 Uhr. Und schon jetzt in der ARD Mediathek.