Ernährung

Aldi wirft Billigfleisch raus – Bedeutet das mehr Tierwohl?

| Lesedauer: 6 Minuten
Bettina Funk
Aldi will tierfreundlicheres Fleisch verkaufen

Aldi will tierfreundlicheres Fleisch verkaufen

Bis 2030 will Aldi sein Fleisch-Sortiment umstellen. Aldi kündigt an, das Tierwohl zu garantieren.

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Der Discounter hat angekündigt, ab 2030 nur noch Fleisch aus besserer Haltung zu verkaufen. Aber bedeutet das wirklich mehr Tierwohl?

Berlin. 
  • Kritik gibt es am Billigfleisch Discountern und Supermärkten schon lange
  • Nun kündigt Aldi an, das Frischfleischsortiment auf höhere Tierwohl-Haltungsformen umzustellen
  • Laut den Tierschützern von Peta ist das allerdings noch lange nicht ausreichend

„Aldi-Hammer“, „Fleischrevolution“, „höchstes Tierwohl“ – so reagierten die Medien auf den neuen Vorstoß von Aldi. Der Lebendsmitteldiscounter will weniger Billigfleisch und verspricht den Tieren ein besseres Leben vor der Schlachtung. Dafür kündigen Aldi Nord und Süd an, ihr Sortiment umzustellen.

Spätestens ab 2030 wollen sie nur noch Frischfleisch von Tieren aus höherwertigen Haltungsformen vekaufen. Fleisch der sogenannten Haltungsformen 1 und 2 will der Discounter dann nicht mehr verkaufen. Die Änderungen gelten für Frischfleisch von Rind, Schwein, Hähnchen und Pute. Spezialitäten und Tiefkühlartikel sind ausgenommen.

Doch was bedeuten die Kennzeichnungen auf den Fleischpackungen eigentlich? Bedeuten die Änderungen bei Aldi, dass sich wirklich was verbessert in der Tierhaltung?

Aldi: Was die vier Haltungsformen bedeuten

Aldi und andere große Lebensmittelhändler hatten 2019 ein vierstufiges System der Haltungskennzeichnung eingeführt. Sie ist eine von der Lebensmittelwirtschaft selbst entwickelte Klassifizierung für Frischfleisch. Verbraucherinnen und Verbraucher sollen so erkennen können, unter welchen Bedingungen die Tiere vor ihrer Schlachtung gelebt haben.

Die Haltungsformen 1 und 2, die Aldi bis 2030 einschränken will, haben sehr laxe Kriterien:

  • Stufe 1 oder „Stallhaltung“ entspricht dem gesetzlichen Mindeststandard, eine noch schlechtere wäre verboten. Ein Beispiel: Ein Schwein erhält nur 0,75 Quadratmeter Platz.
  • Bei Stufe 2 oder „StallhaltungPlus“ haben die Tiere etwas mehr Platz im Stall. Hier sind es pro Schwein 0,83 Quadratmeter. Rinder dürfen nicht angebunden sein, Hähnchen und Puten bekommen Stroh.

Die Haltungsformen 3 und 4 haben strengere Tierwohlstandards:

  • Stufe 3 oder „Außenklima“ bedeutet, dass die Tiere vor der Schlachtung frische Luft bekamen, aber nicht zwingend, dass sie auch ins Freie durften. Außenklima kann auch eine offene Stalltür bedeuten. Ein Schwein erhält immerhin einen Quadratmeter Platz.
  • Stufe 4 oder „Premium“ steht für noch mehr Platz im Stall (mindestens 1,5 Quadratmeter pro Tier) und dafür, dass die Tiere tatsächlich Auslauf im Freigelände erhalten. In diese Kategorie werden auch Bio-Produkte eingeordnet.

Aktuell macht Aldi laut eigenen Angaben 15 Prozent des Frischfleisch-Umsatzes in Deutschland mit Produkten der Haltungsformen 3 und 4, bis 2026 soll der Anteil auf 33 Prozent steigen. Dafür will der Discounter bis 2025 Produkte der Haltungsform 1 aus dem Sortiment verbannen. Bis 2030 folgen dann Produkte der Haltungsform 2.

Peta hält Aldi-Siegel für Verbrauchertäuschung

Die Tierschutzorganisation Peta hält das Vorgehen von Aldi für nicht weitgehend genug. „Es ist ein guter erster Schritt“, sagt Lisa Kainz, Petas Fachreferentin für Tiere in der Ernährungsindustrie, „doch es reicht nicht aus.“ Schweine seien mindestens so intelligente Tiere wie Hunde. „Bei Hunden fänden es aber wohl die allermeisten nicht in Ordnung, wenn sie auf 1,5 Quadratmetern und in ihrem eigenen Kot leben müssten“, so Kainz. Das sei bei der Haltungsform der Stufe 4 – also der höchstmöglichen Stufe – immer noch der Fall. „Wir ordnen das Siegel daher als Verbrauchertäuschung ein“, sagt die Agrarwissenschaftlerin.

Hinzu komme, dass die Änderung von Aldi nur für Frischfleisch gilt, aber nicht für verabeitete Produkte wie Wurst oder Tiefkühlprodukte. „Auch für Milch- und Eierprodukte gelten diese Mindeststandards nicht. Aber auch hier landen die Tiere letztendlich auf dem Schlachthof.“ Kainz fordert, dass Tiere keine wirtschaftliche Ware mehr sein dürften. „Da reichen keine Mini-Schritte in x Jahren“, so Kainz.

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Greenpeace und Deutscher Tierschutzbund sind zufrieden mit Aldi

Greenpeace hingegen zeigt sich begeistert nach den Ankündigungen des Discounters. „Volltreffer – der Discounter-Riese Aldi übernimmt beim Thema Tierwohl die Führung“, meint Greenpeace. „Aldis ambitionierter Plan entlarvt die Versäumnisse der Politik: Die große Koalition hat es nicht einmal geschafft, die Vorschläge der Borchert-Kommission umzusetzen. Die neue Bundesregierung muss zügig den Rahmen setzen, mit dem die Haltungsformen 3 und 4 in der Tierhaltung zum Standard werden und der dann auch für die Gastronomie und die fleischverarbeitende Industrie gilt”, heißt es von der Umweltorganisation.

Auch Thomas Schröder, der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes zeigt sich zufrieden: „Aus unserer Sicht ist die derzeit geltende gesetzliche Grundlage zur Haltung von Tieren in der Landwirtschaft nicht ausreichend, um den Tierschutz in den Ställen sicherzustellen”, so Schröder in einem Pressestatement. Daher sei es nur konsequent, auf Fleisch aus konventioneller Haltung mit der Haltungsstufe 1 zu verzichten. „Und dann ist es ebenso konsequent, direkt die nächste Stufe zu überspringen und das Sortiment an Frischfleisch auf die Stufen 3 und 4 umzustellen.”

Bio-Siegel: So unterscheiden sie sich

Verbraucher sollten jedoch beachten, dass die Haltungskennzeichnung von Aldi und Co. weit unter den Ansprüchen für Bio-Fleisch liegen. In den EU-Vorschriften für den ökologischen Land­bau sind strenge Kriterien zum Thema Tier­schutz fest­gelegt. Sie umfassen die Herkunft der Tiere, die verwendeten Futtermittel, die Krank­heits­vorsorge und die tier­ärzt­liche Behand­lung sowie Vorschriften zur Reinigung der Ställe. Diese Produkte tragen das grüne Blatt des EU-Bio-Siegels.

Neben dem EU-Bio-Standard gibt es noch weitere Kriterien der Bio-Anbauverbände. Auch sie umfassen Tierwohlstandards, die in einigen Punkten noch deutlich strenger sind als die der EU. Dazu gehören:

  • Bioland
  • Demeter
  • Naturland

Keine kupierten Schwänze, Antibiotika nur im Notfall

Bioland und Naturland schreiben unter anderem vor, dass mindestens 50 Prozent des Gesamtfutters aus dem eigenen Betrieb oder einem anderen Verbands-Erzeuger stammen muss. Davon ausgenommen sind lediglich besonders kleine Betriebe.

Das in der konventionellen Tierhaltung übliche Kupieren der Schwänze, das Abkneifen der Zähne und das Einziehen von Nasenringen kann in Betrieben mit EU-Bio-Zertifizierung noch „fallweise genehmigt werden“. Bei Naturland, Bioland und Demeter sind diese Maßnahmen nicht zulässig.

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Dass die Tiere hohe Mengen an Medikamenten, insbesondere Antibiotika, auch präventiv verabreicht bekommen, ist ein Merkmal der konventionellen Intensivtierhaltung. Die präventive Gabe von herkömmlichen Medikamenten, Hormonen und Antibiotika ist in der gesamten Öko-Tierhaltung verboten.