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Corona-Podcast: Mutationen aufhalten geht nur europaweit

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Vor einem Jahr: So begann die Coronavirus-Epidemie

Vor einem Jahr: So begann die Coronavirus-Epidemie

Vor einem Jahr erreichte das neuartige Coronavirus Deutschland: Eine aus Shanghai nach München gereiste Chinesin schleppte unerkannt die Infektion ins Land. Viele Experten gingen damals noch nicht von große Auswirkungen auf die Bevölkerung aus.

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Im Podcast "Coronavirus-Update" erklärt die Virologin Sandra Ciesek, inwiefern Impfungen durch Mutationen beeinflusst sein können.

Berlin. In der 73. Folge des NDR-Podcasts "Coronavirus-Update" hat Wissenschaftlerin Sandra Ciesek angesichts der neuen Virus-Mutationen gefordert, dass es eine europaweite Lösung für Reisende geben muss. "Wir müssen versuchen, die Ausbreitung der Varianten in Deutschland zu verzögern", sagte Ciesek. "Das kann nur europaweit funktionieren - weil wir nicht isoliert auf einer Insel leben."Bis genügend Menschen geimpft seien, werde es noch dauern, so die Forscherin.

Um Zeit zu gewinnen, müssten die europäischen Länder zusammenarbeiten. Die beiden - sich stärker ähnelnden - Varianten aus Brasilien und Südafrika seien in Deutschland noch kaum verbreitet, sagte Ciesek.

Da diese Mutationen nur über Flughäfen eingeschleppt werden könnten, habe man hier bessere Chancen: "Wenn man konsequent testet, nachverfolgt und in Quarantäne steckt, hat man, glaube ich schon eine Chance, dass man das eine Weile eindämmen kann", so Ciesek. Die nächsten Wochen seien entscheidend.

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Corona-Impfstoffe: Menschen nicht mit wechselnden Aussagen verwirren

In der neuen Folge des Podcasts ging es außerdem um die Wirkung des Impfstoffs Astrazeneca und neue Medikamente gegen Corona. Zunächst blickte die Leiterin des Instituts für Medizinische Virologie am Universitätsklinikum Frankfurt auf die aktuellen Schlagzeilen rund um das Coronavirus.

Die verbreiteten und dann teilweise wieder zurückgezogenen Meldungen von Verzögerungen bei der Auslieferung von Impfstoffen bezeichnete Ciesek als problematisch. Hier sei es wichtig, die Menschen nicht mit täglich wechselnden Aussagen zu verwirren. Sie hoffe in Zukunft auf klare Aussagen der Pharmakonzerne.

Bezüglich der Meldung, dass der Corona-Impfstoff von Astrazeneca bei Senioren kaum wirkt, fordert Ciesek Vorsicht. Hier müssten die Daten noch genauer untersucht werden. Vorsicht sei auch bei den Nachrichten aus England geboten. Ob die Virus-Variante B117 tatsächlich nicht nur ansteckender ist, sondern auch zu einer höheren Sterblichkeit führt, sei noch nicht erwiesen.

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Wirksamkeit der Impfstoffe bei Mutationen muss noch untersucht werden

Inwieweit die Impfstoffe an die Corona-Mutationen angepasst werden können, müsse noch untersucht werden. Denkbar seien etwa wie von Biontech und Moderna gerade geprüfte Impfstoffe, die speziell auf die Mutationen anspringen. Dabei dürfe jedoch nicht vergessen werden, dass der Impfstoff auch weiter das ursprüngliche Virus neutralisieren müssise.

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Auch die Frage, wie weit es bei einer überstandenen Corona-Infektion zu einer Reinfektion kommen kann, sei schwer zu beantworten. Dass sich ein Mensch zweimal angesteckt habe, sei schwer zu beweisen, so Ciesek. Es sei jedoch möglich, dass der Körper nicht genügend Antikörper gebildet habe und sich der Mensch so ein zweites Mal mit dem Corona-Virus infizierte.

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Wahrscheinlich würde die zweite Infektion dann weniger schwer verlaufen und wahrscheinlich sei ein Infizierter nach der überstandenen Erkrankung für einige Monate immun. Aber auch hier müssen unterschiedliche Studienergebnisse noch abgewartet werden. Auch die große Frage, ob Impfungen vor einer Ansteckung schützen, oder nur vor einem schweren Verlauf, bleibt weiter offen. Wichtig sei hier also, dass alle Menschen weiter die Corona-Regeln einhalten und nicht leichtsinnig werden.

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Ciesek nennnt Israel als Beispiel für gute Impfstrategie

Als erstaunliches Beispiel für eine schnelle Umsetzung der Impfstrategie nannte die Virologin Israel. Die Daten aus Israel seien wichtige Hinweise für Impfstrategien in anderen Ländern, so Ciesek. Am Beispiel von Israel könne gesehen werden, wie wichtig es ist, nicht nur einen kleinen Teil der Bevölkerung zu impfen. Dort war nach Beginn der Impfungen der dritte Lockdown gestartet. Mittlerweile seien viele Menschen geimpft und der Effekt mache sich in den entsprechenden Altersgruppen langsam bemerkbar. In noch nicht geimpften Altersgruppen könne es jedoch weiter zu Infektionswellen kommen.

Zum Abschluss erklärte Ciesek die Vor- und Nachteile von monoklonalen Antikörpern, die in der EU bald zum Einsatz kommen können und durch die Corona-Therapie von Donald Trump bekannt geworden sind. Bei dieser passiven Immunisierung werden dem Körper die Antikörper zugeführt, er muss sie nicht mehr selbst bilden. Diese Immunisierung sei besonders als schnelle Maßnahme nützlich, habe jedoch den Nachteil, dass keine Impfung durchgeführt werden könne, bis die monoklonalen Antikörper wieder abgebaut seien, so die Virologin. (msb mit dpa)

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