Pandemie

Spahns Corona-Immunitäts-Verordnung – So impft Deutschland

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Theresa Martus
Spahn: "Zum Jahreswechsel wollen wir mit dem Impfen beginnen"

Spahn- Zum Jahreswechsel wollen wir mit dem Impfen beginnen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hat bekräftigt, dass möglichst noch vor dem Jahreswechsel in Deutschland mit den Corona-Impfungen begonnen werden soll. Zugleich verteidigte Spahn die Entscheidung gegen eine nationale Notzulassung von Corona-Impfstoffen.

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Eine Verordnung des Gesundheitsministers legt fest, wie die Bevölkerung gegen das Coronavirus immunisiert werden soll. Der Überblick.

Berlin. Die Corona-Impfung ist der Hoffnungsschimmer auf ein baldiges Ende der Pandemie: Noch in diesem Jahr, am 27. Dezember, sollen in Deutschland die ersten Menschen geimpft werden. Wer wann dran ist, hat das Gesundheitsministerium jetzt in einer Verordnung geregelt, die Minister Jens Spahn (CDU) am Freitag vorgestellt hat.

Im Groben folgt der Plan den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission am Robert-Koch-Institut (Stiko). Statt der sechs Gruppen, die die Stiko definiert hat, teilt das Gesundheitsministerium die Bevölkerung aber in insgesamt vier Gruppen ein.

Alle, die noch warten müssen auf die Impfung, bat Spahn um Geduld. „Der Winter wird noch lang“, sagte er. Doch es gebe Hoffnung. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Impfplan. Mehr zum Thema:USA: Frau erleidet nach Corona-Impfung allergischen Schock

Wann werden welche Bevölkerungsgruppen geimpft?

„Die Schwächsten zu schützen, das ist das erste Ziel unserer Impfkampagne“, sagte Bundesgesundheitsminister Spahn am Freitag in Berlin. Entsprechend sind die Ersten, die geimpft werden sollen, Menschen, die älter sind als 80 Jahre, und Bewohner von Pflegeeinrichtungen.

Spahn begründete das damit, dass diese Gruppe das höchste Risiko für einen schweren bis tödlichen Verlauf der Krankheit hat: „Jeder zweite Todesfall in dieser Pandemie ist ein über 80-Jähriger, eine über 80-Jährige.“

Deswegen beginne die Impfung in den ersten Tagen nach dem Start in Pflegeeinrichtungen. Dies gelte, auch wenn Ärzte und Pfleger in der Intensivmedizin der Kliniken ebenfalls zur ersten Priorität zählen. Denn es sei eine „bittere Erkenntnis“, dass Corona trotz aller Schutzkonzepte nicht sicher aus Pflegeheimen ferngehalten werden könne. Einmal in einem Heim aufgetreten, schlage das Virus dort brutal zu.

Nach welchen Kriterien wurde die Reihenfolge festgelegt?

Es sind vor allem drei Faktoren, die bei der Bildung der Gruppen eine Rolle gespielt haben: Das Lebensalter, altersunabhängige Risikofaktoren wie chronische Erkrankungen und Tätigkeiten oder Lebenssituationen, die ein höheres Risiko bedeuten. Lesen Sie hier:Corona-Impfstoff: Wie funktioniert die mRNA-Impfung?

Wer zu einer der Gruppen gehört, die prioritär geimpft werden sollen, muss das nachweisen können – im einfachsten Fall über einen Ausweis oder ein vergleichbares Dokument, wenn es um den Nachweis des Alters geht. Wer wegen seiner Tätigkeit geimpft werden soll, braucht eine Bestätigung des Arbeitgebers.

Wer muss Impfzentren aufsuchen? Und wer wird zu Hause geimpft?

Die mobilen Impfteams, die den Zentren angegliedert sind, kommen zu den Menschen, die körperlich nicht in der Lage sind, in die Impfzentren zu kommen, zum Beispiel zu über 80-Jährigen, die zu Hause gepflegt werden. Lesen Sie auch:Corona-Impfung: Regierung rechnet mit Herdenimmunität 2021

Wie sind die Reaktionen auf die Priorisierung?

Auch wenn der Gesundheitsminister betont, dass man sich an den Empfehlungen der Stiko orientiert habe, sind nicht alle überzeugt von der Rang­­folge der Priorisierung. So heißt es von der Gewerkschaft der Polizei (GdP), man sei enttäuscht, dass der Großteil der Polizisten erst in Gruppe drei zum Zug kommt.

Die Gewerkschaft sei be­sorgt, dass Beamte sich im Einsatz infizieren und die Infektion dann innerhalb der Polizei weitergeben würden. „Es geht um die Funktionsfähigkeit der Polizei“, betonte der stellvertretende GdP-Bundeschef Mertens. Die Gewerkschaft habe deshalb „die klare Erwartungshaltung, dass die Politik das korrigiert“.

In derselben Gruppe wie die Polizei befinden sich auch Lehrkräfte und Er­zieher. Auch der Deutsche Lehrerverband zeigte sich enttäuscht über die niedrige Priorität, die Lehrkräfte bei den Impfungen haben. „Mit dieser Impfverordnung schwindet die Hoffnung, dass die Impfung in diesem Schuljahr an Schulen noch einen wesentlichen Effekt hat“, sagte Lehrerverbandspräsident Heinz-Peter Meidinger unserer Redaktion. Der Schutz durch die Impfung würde damit allenfalls die letzten Schulwochen betreffen.

Welche Rolle spielen niedergelassene Ärzte?

Sie stellen die Atteste aus, mit denen Patienten mit Vorbelastungen ihren Anspruch auf eine Impfung dokumentieren müssen. Anders als Mediziner mit sehr hohem Expositionsrisiko gehören sie aber nicht zur ersten Gruppe, die geimpft werden soll. Auch interessant:Corona-Impfung: Warum die Briten nicht besser dran sind

Werden die Bürger zur Impfung aufgerufen? Oder müssen sie sich melden?

Der logistische Ablauf der Impfung liegt in der Verantwortung der Länder. Sie sind es auch, die zur Impfung aufrufen. Spahn mahnte am Freitag zur Geduld – mit der Formel „Don’t call us, we call you“ (Melden Sie sich nicht bei uns, wir melden uns bei Ihnen).

Bekommen Geimpfte mehr Rechte?

Von staatlicher Seite aus nicht. Privat könne natürlich jeder entscheiden, dass er oder sie nur noch Geimpfte zu sich einlade, so Spahn. Und auch für Privatunternehmen gebe es rechtliche Spielräume. Er mahnt aber, es sei eine Frage von Solidarität, dass die zuerst Geimpften nicht den Anspruch haben sollten, anders behandelt zu werden.

Wann werden weitere Impfstoffe zugelassen?

Schon Anfang Januar könnte mit dem Vakzin von Moderna der nächste Impfstoff zugelassen werden. Wie auch bei dem Biontech-Impfstoff handelt es sich um einen mRNA-Impfstoff. CureVac aus Tübingen startete mit seinem Präparat vor wenigen Tagen in die Phase-III-Studie. Gesundheitsminister Spahn rechnet insgesamt im ersten Quartal 2021 mit 11 bis 13 Millionen Impfdosen für Deutschland.

Laut einem „Spiegel“-Bericht hätten es aber deutlich mehr sein können: Wie das Magazin am Freitag berichtete, hätte die EU mehr Biontech-Impfstoff kaufen können als die bestellten bis zu 300 Millionen Dosen. Ein Sprecher der EU-Kommission äußerte sich nicht zu den Verhandlungen. Ziel sei ein breites Portfolio verschiedener Anbieter gewesen. Lesen Sie hier:Corona-Impfstoffe: Welche Nebenwirkungen bekannt sind

Wie lange dauert es, bis die gesamte impfwillige Bevölkerung in Deutschland geimpft ist?

Das Gesundheitsministerium rechnet damit, dass in der Gruppe mit der höchsten Priorität ein bis zwei Monate nach Beginn der Impfkampagne diejenigen geimpft sind, die sich impfen lassen wollen. Bis Ende des Sommers 2021 könnten bis zu 60 Prozent der Bevölkerung geimpft sein.

Lassen sich genügend Leute impfen?

Knapp die Hälfte der Deutschen will sich nach aktuellen Umfragen impfen lassen – für die angestrebte Herdenimmunität von 60 bis 70 Prozent wäre das nicht genug.