Corona

Triage-System: So entscheiden Ärzte über Leben und Tod

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Amelie Marie Weber
Heil will schnell Corona-Testpflicht am Arbeitsplatz einführen

Heil will schnell Corona-Testpflicht am Arbeitsplatz einführen

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) will rasch eine Corona-Testpflicht in allen Unternehmen einführen. Um diejenigen zu schützen, die nicht von zu Hause aus arbeiten können, "brauchen wir flächendeckend Tests in den Betrieben", sagte Heil der "Bild am Sonntag".

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Wer wird behandelt, wenn Kliniken überfüllt sind? In Corona-Zeiten müssen Ärzte schwere Entscheidungen treffen. Was Triage bedeutet.

Berlin. Die Zahl der Corona-Neuinfektionen bewegt sich in Deutschland weiterhin auf einem hohen Niveau. Krankenhäuser und Intensivstationen kommen an ihre Belastungsgrenzen. Der Vorsitzende des Weltärztebundes hat vor einer Zuspitzung der Lage gewarnt. „Wir werden in den Kliniken jetzt eingeholt von den Infektionen, die vor vier Wochen stattgefunden haben“, sagte Frank Ulrich Montgomery der „Passauer Neuen Presse“. Auch die Triage werde „mit Sicherheit“ wieder im Raum stehen.

Bald könnte also das Szenario eintreten, welches in Kliniken gefürchtet wird: Die Zahl von Betten und Beatmungsgeräten ist begrenzt. Ärztinnen und Ärzte müssen entscheiden, welche Patienten eventuell lebensrettende Behandlungen erhalten – und welche nicht. „Wir waren sehr dankbar, dass [die Triage] in den ersten beiden Wellen nicht gebraucht wurde“, erklärte Montgomery weiter. Nun sei aber vorstellbar, dass es zu solchen Situationen komme.

Das gefürchtete Triage-System im Überblick.

Triage: Bedeutung und Herkunft des Begriffs

Mit Triage ist die Einteilung von Verletzten und Kranken nach der Schwere der Fälle gemeint. Der Begriff „Triage“ kommt aus dem Französischen und bedeutet „Auswahl“ oder „Sichtung“. Ärzte und Pfleger sollen damit leichter entscheiden können, wer zuerst behandelt wird. Triagieren gehört in Notaufnahmen zum Alltag, stammt jedoch ursprünglich aus der Militärmedizin. Die Soldaten mit den besten Aussichten auf Genesung sollten zuerst Hilfe bekommen, und nicht unbedingt die Menschen, die sie am nötigsten zum Überleben brauchten.

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Dieser Ansatz steht im Konflikt mit den eigentlichen Prinzipien der Medizin: In einer Notaufnahme werden Menschen, denen es besonders schlecht geht, auch besonders dringlich behandelt. Wenn Zeit, Personal oder Materialien knapp sind und eine angemessene Versorgung aller nicht möglich ist, wandelt sich das jedoch. In solchen dramatischen Situationen dient die Triage dazu, Behandlungsentscheidungen so zu treffen, dass möglichst viele Menschen überleben.

Corona: Warum braucht man das Triage-System?

Das Triage-System wurde zu Zeiten der Napoleonischen Kriege im 18. Jahrhundert entwickelt. Heute belastet kein Krieg, sondern ein Virus das Gesundheitssystem, doch das Problem ist ähnlich. Käme es zum Ernstfall, in dem die Intensivkapazitäten erschöpft wären, müssten Ärzte moralisch höchst schwierige Entscheidungen treffen: Welcher Patient bekommt das letzte verfügbare Beatmungsgerät? Sollte eine Beatmung zugunsten eines anderen Patienten gestoppt werden? Wer darf überleben?

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Das Triage-System soll Richtlinien bieten, um das medizinische Personal in einem solchen Dilemma nicht alleine zu lassen. Durch festgeschriebene Kriterien und Handlungsanweisungen sind Mediziner und Pfleger nicht mehr individuell für ihre Entscheidung verantwortlich. Klare Vorgaben sollen außerdem Chancengleichheit für Erkrankte schaffen.

Triage: Wie ist die Situation in Deutschland?

Während der Corona-Pandemie konnte auf das Triage-System in Deutschland bisher weitgehend verzichtet werden. Doch die Kliniken kommen in der dritten Welle nun wieder an ihre Kapazitätsgrenzen.

Die Entwicklungen in der dritten Pandemie-Welle betrachtet auch die Berliner Charité mit großer Sorge. „Wenn die Anzahl schwer kranker Covid-Patienten die zweite Welle übertrifft, kommen wir in eine kritische Situation“, sagte Martin Kreis, Vorstand für die Krankenversorgung in Deutschlands größter Uniklinik.

Die Zahl der Neuzugänge auf den Intensivstationen der Charité sei in den vergangenen beiden Wochen deutlich gestiegen, sagte Kreis. Besonders betroffen sei nun die Altersgruppe zwischen 30 und 60, die bislang wenige Chancen auf Impfungen hatte. „Der Trend ist eindeutig, und er zwingt uns, zu reagieren“, ergänzte das Vorstandsmitglied. So sei eine Reserve-Intensivstation wieder vollständig geöffnet worden. Darüber hinaus wurden planbare Operationen abgesagt, die aufgeschoben werden können.

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Pandemie: Das sind die Triage-Kriterien in Deutschland

Bereits im Frühjahr 2020 hatten sieben medizinische Fachgesellschaften eine erste Version klinisch-ethischer Empfehlungen herausgegeben. Darin geben sie Empfehlungen, nach welchen Kriterien ein Behandlungsteam über die Priorisierung eines Patienten entscheiden sollte.

Ziel der Triage-Empfehlungen ist es, möglichst viele Menschen in Zeiten knapper Ressourcen zu behandeln. Die klinische Erfolgsaussicht gilt dabei als wichtigstes Entscheidungskriterium: Je schneller jemand wieder gesund wird, desto eher kann der nächste Patient den frei gewordenen Platz auf der Intensivstation nutzen. Um die Erfolgsaussicht zu prüfen, führen die Fachgesellschaften folgende Kriterien an:

  • den Schweregrad der Erkrankung
  • den allgemeinen Gesundheitszustand
  • mögliche Begleiterkrankungen, die die Diagnose verschlechtern können (zum Beispiel eine fortgeschrittene Krebserkrankung oder Immunschwäche)
  • Das Alter wird explizit als alleiniges Entscheidungskriterium ausgeschlossen. Gleiches gilt für soziale Faktoren: Bildungsstand, Einkommen oder sozialer Status dürfen keine Rolle spielen

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Intensivstation: Bei Triage entscheiden mehrere Ärzte und Pfleger

Wichtig ist bei der Triage das Mehraugenprinzip: Am besten sollten mindestens zwei Ärzte der Intensivmedizin und ein erfahrenes Mitglied aus dem Pflegeteam gemeinsam entscheiden. Prinzipiell muss der Patient außerdem in die Behandlung einwilligen. Das kann zum Beispiel im Rahmen einer Patientenverfügung festgehalten sein.

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Das Dokument mit dem Titel „Entscheidungen über die Zuteilung intensivmedizinischer Ressourcen im Kontext der COVID-19-Pandemie“ der Fachgesellschaften ist kein Gesetz und in diesem Sinne juristisch nicht bindend. Allerdings kommt eine gute Leitlinie der Abbildung des medizinischen Standards nahe – der wiederum für Ärzte verbindlich und rechtlich relevant ist.

Die Empfehlungen der Fachgesellschaften beziehen sich nicht nur auf Covid-19-Patienten. Die Entscheidung, wer priorisiert behandelt wird, fällt vielmehr zwischen allen Patienten, die eine Intensivbetreuung benötigen. Das heißt, es wird in Kliniken kein bestimmtes Kontingent an Beatmungsgeräten geben, das nur Covid-19-Patienten zur Verfügung steht.

Die Triage-Empfehlungen bedeuten, dass das medizinische Personal ihnen im Ernstfall folgen sollte. Auch um sich vor strafrechtlichen Konsequenzen zu schützen, falls es zu einer Klage kommt. Vonseiten der Regierung wird es keine zusätzlichen Vorgaben geben: Das Grundgesetz verbietet dem Staat, Richtlinien festzulegen. Die in Artikel 1 GG festgeschriebene Würde des Menschen untersagt es der Politik, in diesem Bereich einzugreifen. Das hat das Bundesverfassungsgericht im August 2020 auch noch einmal bestätigt. (mit dpa)