Stilikone

Von der Disco-Queen zur Aktivistin – Bianca Jagger wird 70

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Oliver Stöwing
Stilikone: Hochzeit mit Mick Jagger 1971 in Saint-Tropez.

Stilikone: Hochzeit mit Mick Jagger 1971 in Saint-Tropez.

Foto: Popperfoto via Getty Images

Bianca Jagger war Rockstar-Gattin und It-Girl der 70er. Jetzt feiert die Menschenrechtlerin und Tierfreundin ihren 70. Geburtstag.

Berlin. Ende der 70er-Jahre war das Studio 54 der Mittelpunkt des Universums: Der New Yorker Nachtclub galt als Inbegriff von Exzess und Extravaganz. Bianca Jagger war die Königin dieses Fantasiereiches, und am 2. Mai 1977 feierte sie dort ihren 27. Geburtstag – in der Presse wurde damals geschätzt, sie sei schon über 30, doch ihr Management hat nun 1950 als ihr Geburtsjahr bestätigt.

Es entstand das ikonischste Bild der Disco-Ära: Jagger, wie sie als Hommage an die Legende der Lady Godiva in einem roten Kleid auf einem weißen Pferd durch den Club reitet, ein nackter Mann hält die Zügel. „Ich bin nicht mit dem Pferd in den Club geritten, ich habe mich auf ein Pferd gesetzt, das schon in dem Club war, das ist ein Unterschied“, stellt Jagger heute klar.

Als Naturschützerin sei sie strikt dagegen, dass Tiere zur Unterhaltung ausgebeutet werden. „Ich würde lieber sterben, als über das Studio 54 zu sprechen“, sagt die heutige Menschenrechtsaktivistin weiter. „Ich wünschte mir, es hätte es nie gegeben.“ Denn so glamourös sei das damals alles gar nicht gewesen.

Jaggers Hochzeit in Saint-Tropez mit Superstars wie McCartney und Clapton

„Ich habe mich gefühlt wie ein Fisch ohne Wasser. Ich war ein junges Mädchen aus Nicaragua, und in dieser Welt mit diesem ganz anderen Hintergrund und diesen ganz anderen Ideen zu sein, war eine überwältigende Erfahrung.“

Jagger wuchs in dem mittelamerikanischen Land unter privilegierten Verhältnissen auf, doch die blutige Herrschaft des Somoza-Clans prägte auch sie früh. Schon als Teenager nahm sie an gewaltsam beendeten Demonstrationen teil. „Ich setze mich so leidenschaftlich für Menschenrechte, Demokratie und Freiheit ein, weil ich das alles früher nicht erleben durfte“, erklärte sie einmal.

Als junge Frau reiste sie ins damalige Hippie-Mekka Indien, schließlich studierte sie Politikwissenschaften an der Pariser Sorbonne und zog nachts durch die Clubs. Auf einer Party nach einem Rolling-Stones-Konzert lernte sie Mick Jagger kennen. Die Hochzeit 1971 in Saint-Tropez war ein Spektakel: Superstars wie Paul McCartney und Eric Clapton reisten im Privatjet an, die engen Gassen des Fischerdorfs platzten von Prominenten, Paparazzi, Schaulustigen und Lieferwagen, die Champagner und Kaviar herankarrten.

Der Augenblick, als das Brautpaar dem Bentley entstieg, gilt als historischer Mode-Moment: Statt für ein Brautkleid hatte Bianca Jagger, damals schon im vierten Monat mit Tochter Jade schwanger, sich für eine Hut-Smoking-Rock-Kombination von Yves Saint Laurent entschieden. Von da an wurde sie zur Stilikone. Der Designer Halston und der Künstler Andy Warhol machten sie zu ihrer Muse.

Während der wilden Jahre im Studio 54 hatte sie sich mit Ehemann Mick aber bereits auseinandergelebt. Für den Rockstar war die Welt ein sexuelles Schlaraffenland, Bianca hingegen blieb im Herzen ein katholisches Mädchen. Irgendwann wurde sie gegen das dickfelligere Model Jerry Hall ausgewechselt.

Die Trennung habe sie traumatisiert – wie zuvor schon die ihrer Eltern. „Ich könnte mir niemals vorstellen, noch einmal zu heiraten. Ich könnte einfach nicht noch eine Scheidung mitmachen, es war zu schwer.“ Erst 20 Jahre später habe sie wieder ein Stones-Konzert besuchen können. „Mit dem Abstand hatte ich Spaß. Ich war eine erwachsene Frau.“

2004 mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt

Es hätte tragisch enden können mit Bianca Jagger, zumal ihre Versuche, im Film Fuß zu fassen, scheiterten. Doch Jagger folgt einer Mission, setzt sich für Menschenrechte und Umweltschutz ein, reist für Amnesty International, Human Rights Watch oder ihre eigene Stiftung in Krisengebiete.

Als sie 2004 den Alternativen Nobelpreis bekommt, heißt es in der Begründung, sie habe gezeigt, „wie man Berühmtheit in den Dienst von Ausgebeuteten und Benachteiligten stellt“. Sie sagt: „Ich hoffe, dass ich die Welt ein bisschen zum Guten verändern kann.“