Auszeichnung

Klimaaktivistin Thunberg erhält „Alternativen Nobelpreis“

Greta Thunberg mit Blick auf die Mächtigen: Was erlaubt ihr euch?

Die schwedische Klimaschutz-Demonstrantin tritt vor den Vereinten Nationen sichtlich emotional auf und kritisiert wirtschaftsliberale Eliten mit deutlichen Worten.

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Die „Right Livelihood Stiftung“ verleiht den „Alternativen Nobelpreis“. In diesem Jahr geht der Preis an die Aktivistin Greta Thunberg.

Stockholm. Im Vasa-Museum in Stockholm werden die Preisträger des „Right Livelihood Award“ bekanntgegeben. Geehrt werden zum 40. Jubiläum der Auszeichnung die Klimaaktivistin Greta Thunberg aus Schweden, der indigene Sprecher Davi Kopenawa aus Brasilien, die Menschenrechtsaktivistin Aminatou Haidar aus der Westsahara sowie die Juristin Guo Jianmei aus China. Die Preisverleihung des „Alternativen Nobelpreises“, wie die Auszeichnung umgangssprachlich genannt wird, findet am 4. Dezember ebenfalls in Stockholm statt.

Die diesjährigen Preisträger eint ihr gesellschaftliches Engagement für Menschenrechte und den Umweltschutz. Prominenteste Aktivistin und Gewinnerin ist dabei die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg, die laut der „Right Livelihood“-Jury „der politischen Forderung nach dringenden Klimaschutzmaßnahmen weltweit Gehör verschafft“ hat.

Greta Thunberg erhält „Alternativen Nobelpreis“

Mit ihrem im August 2018 begonnen Schulstreik habe sie laut der Stiftung Millionen von Jugendlichen inspiriert, ihre Stimme für sofortige Klimaschutzmaßnahmen zu erheben. Thunberg sei weiterhin der Beweis dafür, dass jeder Einzelne die Möglichkeit hat, etwas auf der Welt zu verändern. Die 16-jährige Klimaaktivistin bedankte sich am Mittwoch für die Ehrung: „Eine solche Auszeichnung gilt allerdings nie mir allein. Ich bin Teil einer weltweiten Bewegung von Schulkindern, Jugendlichen und Erwachsenen jeden Alters, die sich entschieden haben, unseren lebenden Planeten zu verteidigen. Mit ihnen allen teile ich diese Ehrung. Der Right Livelihood Award ist eine riesige Anerkennung für Fridays for Future und der Klimastreik-Bewegung. Vielen, vielen Dank!“

Ihre Entschlossenheit hat Thunberg am Dienstag erneut bei ihrer Rede beim Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York unter Beweis gestellt. Die 16-Jährige warf dort den anwesenden Staats- und Regierungschefs mangelnde Handlungsbereitschaft vor.

Greta in New York: Unser Haus brennt!
Greta in New York- Unser Haus brennt!

Neben ihren Forderungen an die Politik und den weltweit ausgelösten Demonstrationen von Fridays for Future hat die 16-jährige Schwedin in diesem Jahr vor allem mit ihrer Atlantiküberquerung in einem Rennsegelboot Schlagzeilen gemacht.

Ein weiterer, international bekannterer Preisträger und Umweltaktivist ist der Brasilianer Davi Kopenawa. Der 63-Jährige wurde zusammen mit seiner Organisation „Hutukara Yanomami“ von der schwedischen Jury für „seine mutige Entschlossenheit, zum Schutz der Wälder und der Artenvielfalt des Amazonas sowie des Landes und der Kultur seiner Ureinwohner“ geehrt.

Kopenawa kämpft gegen die Ausbeutung des Amazonas

Kopenawa gilt als einer der angesehensten Sprecher der indigen Völker Brasiliens, die in diesem Jahr besonders unter den Waldbränden im Amazonas zu leiden hatten. Der 63-Jährige hat sein Leben laut der Jury dem Schutz der Rechte seines Volkes verschrieben. Dadurch habe er immer wieder mit großen politischen Druck zu kämpfen, da die natürlichen Ressourcen des Amazonas fortlaufend ausgebeutet werden.

Merkel fordert Schutz des Waldes im Amazonas und in Afrika
Merkel fordert Schutz des Waldes im Amazonas und in Afrika

Die Artenvielfalt und der Fortbestand indigener Stämme in Brasilien sind massiv bedroht. Bereits in den 80er und 90er Jahren starben innerhalb von nur sieben Jahren zwanzig Prozent der Yanomami-Bevölkerung. Goldminenarbeiter zerstörten damals Dörfer, erschossen Menschen und übertrugen Krankheiten, gegen die die indigenen Völker nicht immun waren. Derartige Übergriffe nehmen heute nun erneut zu. „Ich werde weiterhin für die Rechte meines Volkes kämpfen, für unser Land, unsere Gesundheit, unsere Sprache und unsere Traditionen“, sagt Kopenawa, „Die Aufgabe der Hutukara ist es die Yanomami-Bevölkerung vor den Politikern und den Minenarbeitern zu beschützen, die uns das Land wegnehmen wollen.“

Neben dem Waldsterben im Amazonas muss Kopenawa auch fortlaufend um sein eigenes Leben fürchten: Sein langjähriger Aktivismus habe ihm laut der Jury viele mächtige Feinde eingebracht, die dem Sprecher mit dem Tod drohen.

Haidar kämpfte trotz Folter für die Unabhängigkeit der Westsahara

Morddrohungen erhält auch die dritte Preisträgerin Aminatou Haidar aus der Westsahara. Die 52-jährige Menschenrechtsaktivistin wurde von der Jury „für ihren unerschütterlichen gewaltlosen Widerstand, trotz Gefangenschaft und Folter, im Streben nach Gerechtigkeit und Selbstbestimmung für das Volk der Westsahara“ ausgezeichnet.

Seit über 30 Jahren kämpft Haidar, die den Spitznamen „Sahrawi Gandhi“ (Gandhi der Westsahara) trägt, für die Unabhängigkeit ihres Heimatlandes.

Nachdem Spanien 1957 die koloniale Herrschaft über die Westsahara niedergelegt hatte, wurde das Gebiet von Marokko annektiert. Dem indigenen Volk der Westsahara wurde von den Vereinten Nationen, Spanien und Marokko wiederholt das Recht auf Selbstbestimmung in Aussicht gestellt, jedoch ohne praktische Folgen- in über 40 Jahren wurde noch kein Referendum abgehalten. Noch immer duldet die internationale Gemeinschaft die Besetzung oder unterstützt sie sogar aktiv.

Mithilfe von Demonstrationen, der Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen und Hungerstreiks engagiert sich Haidar bereits seit ihrer Jugend für die Freiheit ihrer Heimat. Die 52-Jährige ist zudem Mitbegründerin und Präsidentin der Menschenrechtsorganisation Collective of Sahrawi Human Rights Defenders (CODESA). „Ich bin mir sicher, dass es irgendwann Gerechtigkeit geben wird, aber auf eine schnelle Lösung hoffe ich nicht“, sagt Haidar. Ihren Kampf muss die 52-Jährige immer wieder schwer bezahlen. Neben Morddrohungen gegen sie und ihre Kinder wurde die Menschenrechtsaktivistin bereits vier Jahre lang in einem geheimen Gefängnis, völlig abgeschirmt von der Außenwelt, festgehalten.

Die 52-Jährige freut sich über die Auszeichnung mit dem Alternativen Nobelpreis und die damit verbundene Anerkennung ihres gewaltfreien Kampfes. „Trotz militärischer Besetzung und der Verletzung grundlegender Menschenrechte führen sie ihren friedlichen Kampf unermüdlich fort. Die Sahrauis verdienen es, von allen unterstützt zu werden, damit sie eines Tages Unabhängigkeit und Freiheit erlangen“, sagt Haidar.

Jianmei engagiert sich für die Rechte von Frauen in China

Damit willkürliche Festnahmen gegen Frauen zumindest in China eingedämmt werden, hat die chinesische Anwältin und Preisträgerin Guo Jianmei das Konzept der pro bono – Rechtsberatung für Frauen und ausgegrenzte Personen eingeführt. Das bedeutet, dass sie ihre Rechtsberatung für einen guten Zweck anbietet und dafür keine oder nur eine geringe Bezahlung fordert. Von der Jury des Right Livelihood Preises wird sie deshalb für „ihre bahnbrechende und beharrliche Arbeit zur Sicherung der Frauenrechte in China“ ausgezeichnet.

Seit 1995 haben mehr als 120.000 Frauen in ganz China kostenlose Rechtsberatung von Jianmei und ihrem Team erhalten. Dadurch konnten mehr als 4.000 Klagen auf den Weg gebracht werden, die dazu dienten Frauenrechte einzufordern und die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern. Im Jahr 2005 gründete die 58-jährige Anwältin zudem das China „Public Interest Lawyers Network“.

Mehr als 600 Anwältinnen engagieren sich mittlerweile in dem Netzwerk. So können auch Fälle in abgelegenen Regionen Chinas angenommen werden. Für die Jury hat Jianmei großen Mut und Widerstandsfähigkeit bewiesen, um das Leben von Millionen von Frauen zu erleichtern, die sonst bei Themen wie ungleicher Bezahlung, sexueller Belästigung, erzwungenen Vorruhestand keine Rechtsberatung erhalten hätten.

„Diese Auszeichnung würdigt den langjährigen Einsatz meines Teams und mir, die Rechte der Frauen in China zu wahren und Demokratie und Rechtsstaatlichkeit unter schwierigen Bedingungen zu fördern“, sagte Jianmei am Mittwoch, „Derzeit steht die gemeinnützige Rechtsberatung in China vor großen Herausforderungen. Um standhaft zu bleiben, werden wir noch mehr Leidenschaft, Mut, Ausdauer und Engagement benötigen. Wir sehen diesen Preis als Bestärkung und Motivation.“

Vergabe des Alternativen Nobelpreises durch Briefmarken finanziert

Der „Alternative Nobelpreis“ wird seit 1980 jährlich von der Stiftung „Right Livelihood Award Foundation“ vergeben und ist durch Spenden finanziert. Gründer des Preises ist der Schwede Jakob von Uexküll. Bestürzt über die Armut und Umweltzerstörung, die er auf seinen Reisen in den 70er Jahren kennenlernte, schlug der Journalist der Nobelpreisstiftung vor, zwei neue Auszeichnungen ins Leben zu rufen – einen Nobelpreis für Ökologie und einen Nobelpreis für die Überwindung von Armut.

Die Statuen der Nobelstiftung erlaubten jedoch keine Einführung neuer Kategorien, so dass Uexküll 1980 selbst den „Right Livelihood Award“ gründete. Zur Finanzierung habe der Journalist damals wertvolle Briefmarken verkauft.

Seither entscheidet eine internationale Jury über die Nominierung der Preisträger. Anders als beim Nobelpreis hat jeder das Recht, einen anderen Menschen oder eine andere Organisation für den Preis vorzuschlagen. Das hat zur Folge, dass auch viele unbekannte Projekte aus Entwicklungsländern Chancen auf den Preis haben.

Schriftstellerin Lindgren und Whistleblower Snowden gehören zu den ehemaligen Preisträgern

Die diesjährigen Preisträger wurden unter 142 Nominierten aus 59 Ländern ausgewählt. Das Preisgeld beträgt jeweils eine Millionen Schwedische Kronen, umgerechnet 94.000 Euro. Das Geld ist dabei jedoch nicht zur persönlichen Verwendung bestimmt, sondern soll zur Unterstützung der Arbeit der Preisträger eingesetzt werden.

Prominente Preisträger der letzten Jahre waren unter anderem die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren, der US-amerikanische Whistleblower Edward Snowden, die deutsche Grünen-Politikerin Petra Kelly, der Solarenergie-Experte Hermann Scheer, der Zukunftsforscher Robert Jungk sowie Bianca Jagger, für ihren Einsatz für Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz.

Eine besondere Preisträgerin ist zudem die kenianische Wissenschaftlerin Wangari Maathai: 1984 erhielt sie für die Gründung des Aufforstungsprojekts „Green Belt Movement“ den Alternativen Nobelpreis.

Die Umweltaktivistin Wangari Muta Maathai und der Arzt und Menschenrechtsaktivist Denis Mukwege sind bislang auch die einzigen Personen, die sowohl den Right Livelihood Award als auch den Friedensnobelpreis erhalten haben.