Ermittlungen

Tote nach Narkose: Falsche Ärztin zeigte sich selbst an

Infusionsbehälter hängen in einem Operationssaal. (Symbolbild)

Infusionsbehälter hängen in einem Operationssaal. (Symbolbild)

Foto: Sven Hoppe / dpa

Eine Frau hatte sich den Posten einer Anästhesistin erschwindelt, mehrere Patienten starben. Jetzt gibt es neue Entwicklungen.

Fritzlar/Frankfurt. Eine Frau soll vier Todesfälle zu verantworten haben, weil sie ohne passende Qualifikation in einer Klinik als Narkoseärztin arbeitete. Sie hatte sich den Posten mutmaßlich erschwindelt. Die 48-Jährige wurde am vergangenen Freitag festgenommen und sitzt in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft veröffentlichte jetzt neue Details zu dem Fall.

Die Frau habe Selbstanzeige wegen Anstellungsbetrugs gestellt und damit die Ermittlungen gegen sich selbst ins Rollen gebracht. Das erklärte Behördensprecher Götz Wied am Montag in Kassel. Ob sie mit der Selbstanzeige einer Entdeckung und weiteren Anzeigen zuvor kommen wollte, blieb unklar.

Falsche Ärztin: Es könnte weitere Opfer geben

Die Frau soll in einer Klinik im hessischen Fritzlar mit fehlerhaften Anästhesien vier Menschen getötet und acht weiteren Gesundheitsschäden beigebracht haben. Ob es weitere Opfer gibt, prüfen die Behörden.

Anstellungsbetrug bedeutet, dass man für den Abschluss eines Arbeitsvertrags falsche Angaben macht. Die Frau soll sich mit gefälschter Arzt-Zulassung beworben haben. Dabei täuschte sie auch die Landesärztekammer Hessen. Die Verdächtige hatte vor einigen Jahren bei der Anmeldung als neues Kammermitglied eine angebliche Zulassung vorgelegt.

Der Ärztekammer zufolge war im Oktober 2018 aufgefallen, dass die angeblich in Rheinland-Pfalz ausgestellte Zulassungsurkunde nicht echt sein konnte. „Eine Annahme, die sich nach Prüfung durch die Approbationsbehörde in Rheinland-Pfalz als zutreffend erwies“, sagte eine Sprecherin. Am 19. November 2018 habe die Landesärztekammer Hessen Strafanzeige gestellt.

Diese Behandlungsfehler passierten der falschen Ärztin

Die Verdächtige soll als Assistenzärztin in dem Krankenhaus angestellt gewesen sein – ohne ärztliche Zulassung und dank gefälschter Bewerbungsunterlagen. Geprüft wird den Ermittlern zufolge deshalb auch, ob die damals in der Klinik tätigen Ärzte ihre Aufsichtspflicht verletzten, indem sie die Frau als Anästhesistin trotz mangelhafter Leistungen weiter arbeiten ließen.

Die Frau war von 2015 bis 2018 in einer Klinik in Fritzlar (Schwalm-Eder-Kreis) tätig. Doch die 48-Jährige hatte laut Gutachten nicht die erforderlichen Fachkenntnisse. Sie habe nicht einmal eine ärztliche Zulassung, heißt es. Die Ermittler werfen ihr vor, Fehler bei der Behandlung gemacht zu haben. Staatsanwaltschaft und Polizei ermitteln unter anderem wegen des Verdachts des Totschlags, gefährlicher Körperverletzung, Urkundenfälschung, Betrugs und des Missbrauchs von Titeln.

Behandlungsfehler seien der Frau unter anderem passiert, als sie die Atemnot eines Patienten nicht rechtzeitig erkannt habe. Außerdem soll sie während Operationen falsche Medikamente verabreicht haben.

Falsche Narkose-Ärztin festgenommen – mehrere Häuser durchsucht

Gleichzeitig zur Festnahme der Frau am vergangenen Freitag gab es Durchsuchungen mit mehr als 50 Polizeibeamten in drei Bundesländern. Neben der Klinik in Hessen wurden die Privaträume der Frau in Kiel durchsucht. Außerdem wurden Arbeitsplätze von zwei Medizinern in Hessen und in Brandenburg durchsucht. Es werde geprüft, ob die damals in der Klinik tätigen Ärzte ihre Aufsichtspflicht verletzt haben, indem sie die Frau als Anästhesistin trotz mangelhafter Leistungen weiter arbeiten ließen.

Das Krankenhaus selbst bestätigte die Ermittlungen: „Es wurden weitere Akten eingefordert, in denen die Frau eine Rolle spielt“, sagte Geschäftsführer Sven Ricks der „Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen“ (HNA).

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz forderte angesichts der Vorwürfe mehr Transparenz. „Der Krankenhausträger muss von sich aus in der Dokumentation überprüfen, welche Patienten von dieser Ärztin betreut worden sind und ob es Auffälligkeiten in der Nachsorge gab“, sagte Vorstand Eugen Brysch. Das Krankenhaus hätte von sich aus diese Patienten kontaktieren müssen. „Ob das Geschehen ist, kann ich nicht beurteilen.“ Es sei aber überfällig, dass der Krankenhausträger jetzt die breite Öffentlichkeit informiere: „Wenn Ermittlungen wegen Todesfällen im Raum stehen, sind maximale Transparenz und der Kontakt zur Öffentlichkeit dringend notwendig.“

Deutsche Stiftung Patientenschutz fordert zentrale Zulassungsdatenbank

Zudem sei es angesichts von 17 Landesärztekammern in Deutschland für vermeintliche Ärzte sehr leicht, fehlende Zulassungen zu verschleiern. „Es ist an der Zeit, dass die Approbation eines Arztes zentral archiviert wird und es eine Stelle gibt, wo Krankenhausträger verpflichtet sind, diese abzufragen“, sagte Brysch. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) müsse auf die deutsche Ärzteschaft zugehen, „um die Kleinstaaterei in dieser Frage zu beenden“.

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Immer wieder schaffen es Betrüger, bundesweit Kliniken zu täuschen. Laut einer Auswertung des Landkriminalamtes in Wiesbaden gab es seit dem Jahr 2014 mindestens zwölf Fälle allein in Hessen, davon sieben in Praxen und fünf in Kliniken.

(ba/gume/dpa)