„Single Mom“-Kolumne

Pränataltest: Kleiner Pieks, aber einschneidende Erfahrung

Früher kostete der Pränataltest mehrere tausend Euro – heute wird er von den Krankenkassen übernommen.

Früher kostete der Pränataltest mehrere tausend Euro – heute wird er von den Krankenkassen übernommen.

Foto: Luma Pimentel / Luma Piementel

Der neue Bluttest soll Babys mit Down-Syndrom zuverlässig aufspüren – für die Schwangere ist das beunruhigend. Ein Erfahrungsbericht.

Berlin. Die Arzthelferin sticht mir in den Arm. Es ist keine große Sache, ich bekomme Blut abgenommen. Währenddessen fühle ich mich unwohl. Es ist meine dritte Schwangerschaft, ich bin 37 Jahre alt. Es ist mein erster pränataler Bluttest.

Ein solcher wie er seit Mitte September, so hat es der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kassen und Kliniken verkündet, von den Krankenkassen bezahlt wird. Die Gesellschaft werde das massiv verändern, prophezeien Experten mit Blick auf Länder wie Dänemark, wo der Test längst Kassenleistung ist.

Schwangerschaft: Bluttest für Trisomie 21 – Das muss man wissen:

  • Der Bluttest auf Trisomie 21 (Downsyndrom) wird künftig von den Krankenkassen bezahlt
  • Die Entscheidung löste große ethische Kontroversen aus
  • Studien zeigen: Viele Eltern entscheiden sich bei einem positiven Ergebnis für eine Abtreibung

Der Test, der unter anderem das Risiko für drei Formen des Down-Syndroms ermittelt, wird zu einer Standardleistung für viele Schwangere werden, etwa für solche Frauen, die älter als 35 Jahre sind. Die Erfahrung in Dänemark ist: Zeigt er ein hohes Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom, so entscheiden sich 95 Prozent für eine Abtreibung.

„Was ist, wenn er auffällige Werte zeigt“, frage ich die Arzthelferin.

„Ich hatte erst vor ein paar Wochen den Fall“, antwortet sie mir. Die Frau sei 40 Jahre alt, erstes Kind. Die Blutwerte seien dann auffällig gewesen.

Ich nicke. „Und dann“, frage ich weiter.

„Fruchtwasseruntersuchung. Auch auffällig. Sie hat dann abgetrieben. Das erste Kind mit 40.“

Wir schauen uns an. Mehr bedarf es eigentlich nicht.

Trisomie-21-Bluttest: Warum habe ich das bloß gemacht?

Die nächsten Stunden gehe ich ins Büro, mache Einkäufe, fahre nach Hause und schäme mich. Ich hatte bereits eine Nackenfaltenuntersuchung. Top Werte. Warum habe ich diesen blöden Pränataltest bloß zusätzlich gemacht? Weil er hundertprozentige Sicherheit bringt? Ja, und dann? Ich bin nicht bereit, in der 16. Woche abzutreiben. Ich bin generell nicht bereit, das zu tun. Also was würde es ändern?

Mein Sohn ist jetzt sieben Jahre alt, meine Tochter fünf Jahre. Als ich mit den beiden schwanger war, gab es den Test zwar, aber er war mit rund 2000 Euro Kosten, die privat bezahlt werden mussten, nicht erschwinglich. So gut wie niemand machte ihn damals ohne Indikation.

Bluttest auf Trisomie 21 sorgt für Diskussionen

Heute schaue ich auf meinen Sohn. Ich stelle mir vor, dass mir jemand, der wahrsagen kann, in der Schwangerschaft mit ihm verraten hätte: Ihr Baby wird bis zu seinem 8. Lebensjahr, drei Lungen- und zwei Mittelohrentzündungen entwickeln, die dann stationär behandelt werden müssen. Er wird eine schwere lebensbedrohliche Allergie bekommen, sie werden jede seiner Mahlzeiten planen müssen. Asthma wird ihn bis zu seinem 7. Lebensjahr begleiten.“

Niemand hätte mir gesagt, dass er aus dem Stand in den Sommerferien ein Tennisturnier gewinnen würde, mit sieben Jahren sogar Erwachsene zum Lachen bringt, der Beliebteste in seiner Klasse ist und wie clever und hübsch er sein würde.

Zahlen und Wahrscheinlichkeiten sind schlechte Indikatoren dafür, ob man das beste Kind der Welt erwartet. Und ich will, dass mein Kopfkino aufhört. Vollendete Tatsachen und Diagnosen machen mir Angst.

Also nehme mir ein Herz und rufe beim Frauenarzt an.

„Ich möchte das Ergebnis nicht wissen“, sage ich in den Hörer.

„Und die Rechnung“, fragt die Arzthelferin.

„Die schicken Sie mir natürlich.“

Schwangere haben ein Recht auf Nichtwissen, sagen Ethiker in der Debatte. Ich genieße es – und endlich auch wieder meine Schwangerschaft.

Lesen Sie auch den Kommentar meiner Kollegin Birgitta Stauber zum Thema.

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