Ermittlungen

Fabrikarbeiter klaut Waffenteile und verkauft ganze Pistolen

Hagen: Auf einem Tisch in einem Raum des Polizeipräsidiums Hagen liegen zahlreiche Schusswaffen, die am Mittwoch (28.08.) bei mehreren Durchsuchungen sichergestellt wurden.

Hagen: Auf einem Tisch in einem Raum des Polizeipräsidiums Hagen liegen zahlreiche Schusswaffen, die am Mittwoch (28.08.) bei mehreren Durchsuchungen sichergestellt wurden.

Foto: David Inderlied / dpa

Ein Mann schmuggelte Stück für Stück Waffenteile aus der Produktion seines Arbeitgebers. Mit den fertigen Pistolen versorgte er Rocker.

Berlin. Es ist eine Geschichte von Ermittlern, die lange rätseln, wo die für Verbrechen genutzten Waffen herkommen. Von Razzien und Untersuchungen. Und vor allem von einem Mann, der sich seinen Job geschickt zunutze machte – und letztlich doch überführt wurde.

Polizisten konnten einen 47-Jährigen festnehmen, der offenbar aus den Produktionshallen der Waffenfirma Umarex in NRW über Jahre hinweg Einzelteile geschmuggelt hat. Diese setzte er, so der Vorwurf, zuhause zu funktionsfähigen Pistolen zusammen. Und versetzte sie an all jene, die eben gerade scharfe Waffen benötigten. Gern auch: Rockerbanden.

Mann setzte gestohlene Waffenteile von Umarex zusammen – und verkauft Pistolen

Mehr als 150 Mal soll dies geschehen sein, berichtet die Polizei. Die leitende Dienststelle in Hagen hatte am Mittwoch ein Großaufgebot von 130 Beamten in Dortmund, Lünen, Radevormwald, Menden, Duisburg und Wilhelmshaven (Niedersachsen) zu insgesamt zwölf Gebäuden geschickt – teilweise Spezialeinheiten. Beschlagnahmt wurden zahlreiche Schusswaffen.

„Der Einsatz war Teil eines außergewöhnlichen Ermittlungsverfahrens“, heißt es in einer Pressemitteilung dazu, „bei welchem ausgehend von versuchten Tötungsdelikten mit Schusswaffen im Rockerbereich, der Weg der Tatwaffe bis zum illegalen Verkäufer akribisch in monatelanger Arbeit zurückverfolgt wurde.“ Der Weg führte zu dem 47-Jährigen.

Verdacht bestand seit Jahren, aber finaler Hinweis fehlte

Seit Jahren hegten die Ermittler den Verdacht, dass irgendetwas in der Fabrik nicht rund laufe, dass jemand die Produktion irgendwie missbrauche, um Waffen abzuzweigen. Einzig: Eine konkrete Spur gab es nicht. Zuerst hatten Ermittler bei diversen Verbrechen immer wieder das in Arnsberg gefertigte Walther-Modell P22 entdeckt. Häufig im Rockermilieu.

Später soll der Arnsberger Umarex-Mitarbeiter sein Sortiment auch auf Waffen des Typs Walther PK 380 erweitert haben. „Die waren sogar noch begehrter, weil sie eine höhere Durchschlagskraft haben“, sagte Staatsanwalt Thomas Schmelzer der Deutschen Presse-Agentur.

2017 habe es die ersten Funde gegeben, nicht nur in NRW, Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Hamburg, Sachsen-Anhalt, sondern auch in einem Lastwagen im britischen Dover.

Firma erhöhte Sicherheitsvorkehrungen

Auch sollen die geschmuggelten Waffen bei drei versuchten Tötungsdelikten im Hagener Rockermilieu verwendet worden sein: In der Ruhrgebietsstadt liefern sich die Gruppierungen „Freeway Riders“ und „Bandidos“ schon länger Auseinandersetzungen, wechselseitig fielen Schüsse. Beim Präsidenten und beim Vize-Präsidenten der „Freeway Riders“ fanden sich anschließend Waffen des besagten Models Walther P22.

Die Polizei fokussierte ihre Ermittlungen immer mehr, arbeitete final mit Umarex zusammen – die Sicherheitsvorkehrungen wurden erhöht. Und tatsächlich, ein seit Jahren für das Unternehmen tätiger Mann, der jetzt Beschuldigte, hatte einen Waffenlauf dabei, als er abends die Produktion verließ.

Es war das finale Puzzlestück. Die Waffenfirma erklärt, sie helfe den Ermittlern, wo sie kann. Der 47-Jährige, ein Deutsch-Portugiese, sitzt in Untersuchungshaft. Die Fabrik wird er – zumindest von innen – vorerst nicht wiedersehen. Kündigung, Anklage – vorzeitiges Ende.

• Eine ganz neue Bedrohung sehen Ermittler heutzutage in 3D-Druckern – im Netz finden sich Anleitungen, wie man einsatzfähige Waffen produziert. Experten berichten, dass der Waffenhandel weltweit – auch in Deutschland – derzeit zunimmt. (mit dpa)