Gericht

Patientenmörder Niels Högel: Deshalb tötete er regelmäßig

Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg.

Niels Högel vor dem Landgericht Oldenburg.

Foto: Mohssen Assanimoghaddam / dpa

100 Patienten soll der frühere Pfleger Niels Högel ermordet haben. 43 Taten gestand er. Vor Gericht sprach er offen über seine Motive.

Oldenburg.  100 Akten hat der Richter gezogen, eine für jedes Opfer. Vier intensive Prozesstage dauerte die Vernehmung des mutmaßlich schlimmsten deutschen Serienmörders der Nachkriegszeit. Niels Högel soll 100 Menschen auf dem Gewissen haben. Zu jedem einzelnen Todesfall wurde der ehemalige Krankenpfleger befragt. Zu 43 Taten hat er sich bekannt, fünf bestreitet er.

An 52 Fälle kann sich der 41-Jährige nach eigenen Worten nicht mehr erinnern. Ausschließen will er sie nicht. Mit diesen nüchternen Zahlen geht der Mammutprozess vor dem Landgericht Oldenburg in die Weihnachtspause. Es wird kein friedliches Fest für rund 120 Nebenkläger, die wissen wollen, ob Högel ihre Angehörigen umgebracht hat.

Niels Högel guckte sich seine Opfer aus

Ungewissheit ist die Höchststrafe für Hinterbliebene. Högel verhängte sie 52-mal. So oft sagte er: „Keine Erinnerung, kein Ausschluss.“ Mit anderen Worten: Kann sein, dass er diese Patienten getötet hat, kann auch nicht sein. Immer wenn diese Aussage kam, wurde es mucksmäuschenstill in der zum Gerichtssaal umgebauten Weser-Ems-Halle. Dann senkten sich die Köpfe der Nebenkläger.

Seine Opfer guckte sich Högel aus. Bei gezielten Rundgängen erfasste er den Patientenbestand. Wer ins Beuteschema passte, hatte kaum eine Chance. Der Pfleger spritzte den Auserwählten Wirkstoffe, die Herzstillstand oder andere Krisen auslösten, um sie vor staunenden Kollegen zu reanimieren und dafür gefeiert zu werden.

Bei manchen Patienten versuchte er es zweimal

Zwischen 2000 und 2005 ging das so, in den Kliniken Oldenburg und Delmenhorst. Überlebte der Kranke den Angriff mit dem ersten Medikament, dann zog der Pfleger schon mal eine zweite Spritze auf – mit einem anderen Gift. „Solche Sachen kamen durchaus vor“, bestätigt Högel, „ich habe es dann noch mal versucht.“

Immer öfter und immer wahlloser schlug er zu, suchte sich zum Schluss während jedem zweiten, dritten Dienst ein neues Opfer. Zuletzt habe er gehofft, erwischt zu werden – „damit es endlich vorbei ist“. Doch auch als er immer öfter im Beisein von Ärzten, Pflegern und Krankenschwestern spritzte, blieb er unerkannt.

Högels Abstumpfung wurde immer erschreckender

Wenn Högel über seine Taten spricht, dann steht sein Opfer weit hinten. Der Angeklagte hat offenbar kaum Gesichter vor Augen. Er orientiert sich an extremen Krankheitsbildern, die ihm aufgefallen sind. „So was hatte ich bis dahin noch nie gesehen“, sagt er oft. Dann ist er plötzlich in der Lage, 15 Jahre zurückliegende Taten genau zu rekonstruieren, fast minuziös. Dann weiß er sogar, welche Farbe die Kanüle hatte, in die er die Spritze entlud.

Benebelt von immer mehr Alkohol und Schmerztabletten, verliert Högel auch die letzten Skrupel. Er nimmt „keine Rücksicht mehr auf Krankheitsverläufe“. Einer bereits reanimierten Frau setzte er nach eigenen Angaben sogar eine Spritze, um ihre lebensgefährliche Lage zu stabilisieren. Die Abstumpfung wird immer erschreckender.

Im Juli 2004, eine Woche nach der Geburt seiner Tochter, ist Niels Högel ein glücklicher Mensch. Bei seinem ersten Dienst danach will er „diese Euphorie, dieses Glücksgefühl hochhalten“ – und spritzt dazu einem schwer kranken Intensivpatienten einen für ihn giftigen Wirkstoff. Sich jemandem zu offenbaren, das ist damals kein Thema: „Dazu war ich gar nicht in der Lage, das was ich damals getan habe, mit anderen zu besprechen“, sagt er. „Ich wollte auch niemanden mit reinziehen.“

Högel war froh über seine eigene Festnahme

Seine Festnahme im Sommer 2005 ängstigt den Pfleger zwar. „Aber ich war froh, dass es vorbei ist und dass ich endlich weg von dem Ganzen bin.“ Warum er seine Taten lange bestritten habe? Weil er betrunken gewesen sei beim ersten Polizeiverhör. „Ich war damals auch nicht so weit, das zuzugeben, das alles auszusprechen.“

Alles – dieser Begriff ist im Fall Högel mit Vorsicht zu genießen. Denn der Horror scheint noch nicht vorbei. Immer wieder tauchen neue Verdachtsmomente auf. Erst Ende November ließen Staatsanwälte in der Türkei den Leichnam einer Jesidin ausgraben. Sie war 2005 im Klinikum Delmenhorst gestorben. Die Frau könnte ein weiteres Opfer des Serienmörders sein. Ermittler gehen von bis zu 300 Personen aus, die Högel getötet haben könnte.