Beziehungen

Warum das Alleinsein nach der Trennung so schön sein kann

Nicht jeder trauert einer Trennung lange hinterher.

Nicht jeder trauert einer Trennung lange hinterher.

Foto: Sabine Gudath / imago/Sabine Gudath

Ulrike Stöhring hat nach ihrer Beziehung das Alleinsein entdeckt. Über ihre Erfahrungen schreibt sie in „Vielen Dank für alles“.

Berlin.  Die ersten Wochen habe sie kaum aufstehen können, sagt Ulrike Stöhring (56). Aber als der erste Schritt möglich wurde, war sie kaum zu stoppen. Vor drei Jahren hatte ihr Mann sie nach sieben gemeinsamen Jahren überraschend verlassen.

Die Autorin, die ein kunsttherapeutisches Kinderatelier in Mitte leitet, befand sich plötzlich auf unbekanntem Terrain, in einer potenziell „lebensbedrohlichen Lage“. Wut und Trauer plagten sie. Mittlerweile sagt sie jedoch: „Es war das Beste, was mir passieren konnte.“

Wie Ulrike Stöhring geht es offenbar sehr vielen. War früher eine Trennung oder Scheidung eine alles absorbierende Lebensniederlage, begreifen immer mehr Menschen auch schmerzhafte Trennungen als Chance auf ein neues Leben. Die US-Psychologin Bella DePaulo fand heraus, dass das Dasein als Single viele Vorteile mit sich bringt.

Trennung als Möglichkeit der Selbstentfaltung

Singles legen laut dieser mehr Wert auf Freundschaften, pflegen engere Beziehungen zu Eltern und anderen Verwandten und sind mit Nachbarn und Kollegen besser vernetzt. Wer in einer Partnerschaft lebt, scheint sich dagegen eher selbst zu genügen. „Wenn Menschen heiraten, schotten sie sich eher ab“, sagt DePaulo.

Die saubere Trennung als Möglichkeit der Selbstentfaltung – Dutzende Sachbücher auch hierzulande erschienen zum Thema, im Januar folgen weitere Bücher, unter anderem „Schluss jetzt. Von der Freiheit, sich zu trennen“ (Hanser Blau) von Heike Blümner und Laura Ewert, ein Buch wie das Gespräch mit der besten Freundin.

Trauma überwinden, dann ist Freundschaft möglich

Die Tendenz, Trennung als etwas Positives zu begreifen, als lebensverändernd und harmonisierend, macht Schule. Predigten die Pfarrer und Seelsorger noch bis in die 1970er die Maxime „in guten wie in schlechten Tagen“, ist heute das Gegenteil der Fall.

Rund 55 Prozent aller Scheidungen (162.397 deutschlandweit im Jahr 2016, 153.501 in 2017) wurden laut den aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes von Frauen eingereicht. Partnerwechsel gehören mittlerweile zum bundesrepublikanischen Alltag wie der Wechsel der Wohnung oder des Arbeitsplatzes.

In den USA empfehlen Scheidungsrichter offiziell den Einsatz von Mediatoren für Ex-Partner. Zu Zeiten, in denen die Ehe nicht mehr als Versorgungsgemeinschaft ist, wagen viele aber eben auch das Alleinleben. „Besser sich trennen, als eine Beziehung zu führen, in der man so sehr wie ein Möbelstück geachtet wird“, so Ulrike Stöhring.

Zu Silvester alleine in ein Ferienhaus

Im Jahr 2017 schrieb sie das wohl erfolgreichste Buch zu Trennungen: „Vielen Dank für alles“ (Ullstein extra). Heute ist es schwer, sie nur für ein kurzes Telefonat zu erwischen. Die Weihnachtsfeier der Enkeltochter steht an, außerdem war sie heute Morgen schon in der Schule und im Kindergarten, die Kinder ihres Sohnes wegbringen.

„Das mache ich jeden Morgen“, erzählt sie. Anders sei es für ihre Schwiegertochter und den Sohn gar nicht zu schaffen. Aber als Großmutter sei sie ja da. Zu Silvester plant sie dann wegzufahren, ganz alleine in ein Ferienhaus, dort wolle sie sich erholen und einen Stapel Bücher lesen. Zuvor sei sie ein Beziehungsjunkie gewesen, erklärt sie.

Gutes Verhältnis zu ihrem Ex-Mann

„Ich hatte nie gelernt, allein zu sein. Wann lernt eine Frau das schon. Oft sind wir unser Leben lang in Beziehungen.“ Aber ohne diese Lektion hätte sie viele Abenteuer verpasst. Den Besuch einer Schamanin, den Tantra-Workshop, Reisen nach Italien oder Finnland. „Ich bin nie wirklich lange alleine gereist. Das hole ich jetzt nach“, erzählt sie.

Zu ihrem Ex-Mann habe sie wieder ein gutes Verhältnis. Ist das nach einer Trennung immer möglich? „Die Partner sollten versuchen, erst einmal miteinander nicht schlechter umzugehen als mit Arbeitskollegen oder Nachbarn“, rät der bekannte Psychoanalytiker Wolfgang Schmidbauer. Für die Trennung gäbe es keinen besten Moment, nicht einmal einen guten.

Es sei deshalb richtig, eine Entscheidung zur Trennung gut zu durchdenken und, ist dieser Prozess einmal abgeschlossen, es dann konsequent zu tun. Auch Ulrike Stöhring glaubt daran, dass alles eine Einstellungsfrage ist. Heute ist sie ihrem Ex-Mann dankbar: Für die gemeinsame Zeit und die Erfahrungen, die sie nun ohne ihn machen darf.