Luftfahrtgipfel

Mehr Bahnfahrten, weniger Flüge: Die Pläne gegen Flugchaos

Eine Szene, die der Vergangenheit angehören soll: Fluggäste warten im August 2016 auf dem Hamburger Flughafen an Check-In-Schaltern

Eine Szene, die der Vergangenheit angehören soll: Fluggäste warten im August 2016 auf dem Hamburger Flughafen an Check-In-Schaltern

Foto: dpa Picture-Alliance / Axel Heimken / picture alliance/dpa

In Hamburg haben sich Politik und Wirtschaft auf Maßnahmen gegen Verspätungen und Ausfälle verständigt. Ein umfangreicher Überblick.

Hamburg.  In der Luftfahrt hat der Service in diesem Sommer bekanntlich zu wünschen übrig gelassen. Am Freitag im Hamburger Rathaus war es nicht anders. Etwa eine halbe Stunde standen die sechs Politiker und Unternehmenschefs als Teilnehmer des Luftfahrtgipfels den Journalisten im Phoenixsaal Rede und Antwort, als Carsten Spohr die Initiative ergriff. Der Lufthansa-Chef ging zu einem kleinen Tisch, holte drei kleine Flaschen Wasser und füllte es in die bereitstehenden, aber noch leeren Gläser.

Die Branche würde sich wohl wünschen, dass ihre Probleme ebenso fix gelöst werden könnten. Nie gab es so viele Verspätungen in Europa wie in diesem Jahr. Und in Deutschland fielen von Mai bis August 8500 Flüge aus, ermittelte das Flugrechteportal Flightright – doppelt so viele wie im Vorjahreszeitraum. „Wir haben ein Ausmaß an Ausfällen und Verspätungen erreicht, das nicht mehr akzeptabel ist“, sagte Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD).

Gemeinsam mit Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hatte er zu dem Gipfel eingeladen. Zwei Stunden tagte die Runde, dann hatte sie ihr Verbesserungspaket geschnürt. Die wichtigsten Ergebnisse:

Fluglotsen

Ein Personalengpass bei den Fluglotsen gilt als einer der Hauptgründe für die Verspätungsmisere. Scheuer kündigte nun an: „Wir gehen da massiv in die Ausbildung.“ Klaus-Dieter Scheurle, Chef der Deutschen Flugsicherung, gab zu, es gebe derzeit Kapazitätsengpässe, der eigene Qualitätsanspruch werde nicht erfüllt.

Die Fluglotsen sollen künftig flexi­bler eingesetzt werden und freiwillig Überstunden leisten. Im Gegenzug sollen sie von Sonderaufgaben befreit werden. Flugzeuge sollen vorübergehend niedrigere Flughöhen nutzen und auf ihrer einmal angemeldeten Strecke bleiben, um Überlastungen durch geänderte Routen zu verhindern.

Auf ihnen wird der Verkehr gebündelt, sodass er standardisiert werden kann. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) forderte, einen gemeinsamen Luftraum in Europa zu schaffen.

Scheuer will sich dafür einsetzen, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit der nationalen Flugsicherungen in Europa zu verbessern. Durch neue Technik und Verfahren sollen die Sektoren, für die die Fluglotsen zuständig sind, vergrößert werden. So können sie flexibler eingesetzt werden, weil sie für ein größeres Gebiet ausgebildet sind.

Fluglinien

Lufthansa-Chef Spohr entschuldigte sich erneut bei den Fluggästen für die massiven Unannehmlichkeiten und versprach, die Zuverlässigkeit wieder zu erhöhen. „Das ist ein entscheidendes Kriterium für die Passagiere.“

Die Fluggesellschaft habe wegen des Flugchaos in diesem Sommer mehr als 250 Millionen Euro Kompen­sationen gezahlt , 9000 Tonnen Treibstoff mehr verbraucht und musste so viele Flüge streichen, als ob das Drehkreuz Frankfurt zwei Wochen lang geschlossen gewesen wäre. „Wir werden, wo immer möglich, nächstes Jahr zusätzliche Reserveflugzeuge und zusätzliche Reservecrews an den großen deutschen Flughäfen bereithalten“, sagte Spohr.

Dafür hatte der Konzern im Frühjahr neun Airbus A320 bestellt. Sie sollen helfen, dass entstandene Verspätungen nicht automatisch zu Folgeverspätungen führen. Zudem soll der Flugplan entzerrt werden. Die Flugzeuge fliegen nicht immer auf denselben Strecken, sondern zum Beispiel von Berlin nach München und dann weiter nach Bilbao, von dort nach Frankfurt und wieder zurück nach Berlin. Falls sich solche Rotationen als verspätungsanfällig erweisen, will Lufthansa sie ändern.

Die Kunden will Spohr mit mehr Service bei der Stange halten. Sie sollen besser und früher bei Änderungen informiert werden und ihre Entschädigung früher und einfacher erhalten. Weniger Verspätungen erhofft er sich von einer Neuregelung beim Gepäck. „Wir wollen das enorm zeitaufwendige Gepäckausladen von nicht erschienenen Passagieren reduzieren“, sagte Spohr.

Insgesamt will er 250 Millionen Euro in besseren Service stecken. Allein 600 Mitarbeiter sollen für Qualitätssicherung eingestellt werden, je zur Hälfte an den Flughäfen und für die Technik. Die Maschinen sollen vorausschauender gewartet werden, um technische Störungen zu vermeiden.

Flughäfen

Passagiere sollen weniger warten. Im internationalen Vergleich gelten die deutschen Sicherheitskon­trollen als zu langsam. Die Flughäfen möchten mehr Verantwortung übernehmen und verhandeln darüber mit dem Bundesinnenministerium. „Wir können die Sicherheitskontrolle effizienter gestalten“, sagte Stefan Schulte, Chef des Flughafenbetreibers Fraport. Wo nötig, sollen die Sicherheitskontrollen zusätzliche Flächen erhalten.

Die Airports wollen zudem verspätete Flüge gemeinsam mit den Airlines analysieren und die Abstimmung untereinander verbessern. Hinkt eine Maschine dem Zeitplan hinterher, soll die Abfertigung bevorzugt und die Standzeit verkürzt werden. Bei der Gepäckent- und beladung soll mehr Personalarbeiten.

Politik

Die Politik soll sich dafür einsetzen, dass es finanzielle Anreize gibt, leisere Flugzeuge einzusetzen. Starts und Landungen in den Tagesrandzeiten sollen teurer werden – diese Lenkungsfunktionen gibt es aber bereits, ohne durchschlagenden Erfolg.

Die Bundesregierung möchte zudem Kurzstrecken- und Zubringerflugverkehr verstärkt durch Bahnverkehr ersetzen, die Anbindung der wichtigsten Luftdrehkreuze soll verbessert werden. Das sorgte im Saal für Gelächter. Schließlich kämpft die Deutsche Bahn derzeit mit einem Problem, das die Luftfahrt bestens kennt: die Pünktlichkeit lässt stark zu wünschen übrig.