Blueslegende

Die Welt der Musik ist ärmer geworden – Fats Domino ist tot

Fats Domino 1999 bei einem Auftritt.

Fats Domino 1999 bei einem Auftritt.

Foto: LEE CELANO / REUTERS

„Blueberry Hill“, „Ain’t That a Shame“ oder „I’m Walking“ – die Songs von Fats Domino sind Klassiker. Nun starb die Musik-Legende.

Washington/New Orleans.  Einem Schwergewicht wie Antoine Dominique Domino, das war allen im Nachhinein klar, konnte auch eine Naturgewalt wie „Katrina“ nichts anhaben.

Als der verheerende Hurrikan 2005 über New Orleans hinwegfegte und über den Bundesstaat Louisiana hinaus mit rund 1800 Toten eine der größten Tragödien in der Geschichte Amerikas erzeugte, wurde der damals 77-jährige Mit-Erfinder des Rock’n’Roll lange Zeit vermisst.

Fats Domino musste vom Dach gerettet werden

Dann kam die erlösende Nachricht: Ein Helikopter hatte den gemeinsam mit acht Geschwistern in einer tief gläubigen kreolischen Familie aufgewachsenen Musiker, der sich den Spitznamen „Fats“ gab, rechtzeitig vom Dach seines Hauses in der Coffin Street im stolzen, schwarzen Arbeiterviertel Lower Ninth Ward gerettet. Und damit ein wunderbares lebendes Fossil, ohne das die Welt der Musik früh ärmer geworden wäre.

Was sie nun ist. Der Mann, der Perlen wie „Blueberry Hill“, „Ain’t That a Shame“, „Jambalaya“, „I’m Walking“ und „My Blue Heaven“ erschuf, ist gestorben. Er wurde von seiner Familie im Haus gefunden. Das bestätigte ein Gerichtsmediziner. Fats Domino, Jahrgang 1928, wurde 89 Jahre alt.

Für 23 Singles bekommt er Gold

Seinen Durchbruch feiert er mit 20 Jahren. Das Plattendebüt „The Fat Man“ wird über Nacht zum Millionenerfolg. Der Titel entsteht 1949, noch bevor der Terminus „Rock’n’Roll“ überhaupt geprägt ist und Elvis Presley und Bill Haley ihn populär machen sollten.

Danach geht Domino eine fruchtbare Kooperation mit dem Trompeter Dave Bartholomew ein. Zusammen wird das Duo zur Hitmaschine. Zwischen 1955 und 1964 schafft es der in sich ruhende Fließband-Arbeiter 65 Mal in die Top 40. Für 23 Singles wird er mit Gold belohnt.

Arbeitsunfall kostete ihn fast seine Finger

„Ain’t That a Shame“ lässt den dicken, freundlichen Schwarzen auch beim weißen Teenie-Publikum gewinnen. Zeitweilig verkauft Fats Domino sogar mehr Platten als Elvis.

Dabei hätte alles ganz anders kommen können. Als junger Mann arbeitete Domino in einer Bettenfabrik. Ein Arbeitsunfall hätten ihn fast seine Finger gekostet.

1987 bekommt er einen Grammy für sein Lebenswerk

Erst mit dem kometenhaften Aufstieg der Beatles und der Rolling Stones sinkt allmählich sein Stern. 1968 gelingt ihm mit „Lady Madonna“ (von den Beatles) der letzte Hitparaden-Erfolg. Die Rock’n’Roll Hall of Fame nimmt Domino 1986 auf, 2003 folgt der andere Pantheon, die Blues Hall of Fame. 1979 setzt er sich mit „Sleeping On The Job“ zur Ruhe; jedenfalls im Studio.

1987 wird er mit dem Grammy für sein Lebenswerk prämiert, 2004 verortet das Musikfachblatt „Rolling Stone“ ihn in der Rangliste der größten Musiker aller Zeiten auf Platz 25.

Begründung: Domino hat am Klavier die Brücke zwischen R’n’B und Rock’n’Roll gebaut. Er führte ein weißes Publikum an die schwarze Musik heran. Und er gab als Pianist und herausragender Performer einen ganzen Generation von Tastenzauberern den Ton vor.

Hommage zu seinem 80. Geburtstag

Wohl wahr. Was der Zweieinhalb-Zentner-Mann am weiß gestrichenen Boogie-Klavier bis weit in die 90er Jahre auch auf deutschen Bühnen bei Livekonzerten anstellte, war regelmäßig so energiegeladen, schweißtreibend und stilprägend, dass sich andere Giganten ständig vor ihm verneigten. Sein deftiges Gemisch aus Louisiana-Blues, Cajun, Country und Boogie inspirierte Könner wie Willie DeVille und Dr. John. Mit seinen Oberschenkeln brachte er jeden Konzertflügel zum Wippen.

Zum 80. Geburtstag brachten Paul McCartney, Allen Toussaint, Norah Jones, Elton John, Randy Newman und B.B. King das Doppelalbum „Goin’ Home – A Tribute To Fats Domino“ auf den Weg; eine hinreißende Hommage.

Erlös seiner CD ging an Opfer von Hurrikan „Katrina“

Dominos Lebensstil war einfach, aber üppig – in allem. Neben einem pinkfarben Cadillac standen Dutzende weitere Wagen in der Garage, Hunderte schnieke Anzüge hingen im Schrank – mit seiner Ehefrau Rose Marie hatte er acht Kinder.

Zu den liebenswürdigen Schrullen des in New Orleans geborenen Ausnahmekönners gehört die Treue zur heimischen Scholle. Reisen war, wenn nicht unbedingt nötig, nicht sein Ding. Selbst eine Anfrage für einen Auftritt im Weißen Haus in Washington beschied er einmal abschlägig. Begründung: Nirgends sei das Essen von Gumbo bis Jambalaya so gut wie im „Big Easy“. Domino brauchte die Stadt und ihr kreatives Flair wie die Luft zum Atmen.

Kurz nach „Katrina“ stiftete er den Erlös einer neuen CD („I’m Alive and Kicking“) dem Wiederaufbau seiner Heimatstadt und dem Erhalt ihrer einzigartigen Musikkultur. Er selbst hatte im Sturm damals alles Hab und Gut verloren. Auch die vielen goldenen Alben.