Tierschutz

Im Revier der letzten Schneeleoparden in Kirgistan

Bedroht: Weltweit gibt es nur noch rund 6500 Schneeleoparden.

Bedroht: Weltweit gibt es nur noch rund 6500 Schneeleoparden.

Foto: Hendrik Schmidt / dpa

Hobby-Wissenschaftler aus aller Welt erkunden das kirgisische Hochgebirge. Sie wollen die Population der Schneeleoparden schützen.

Bischkek.  Am Tag zuvor hat die Sonne unerbittlich gebrannt. Heute weht ein eisiger Wind, in der Nacht hat es gefroren. Graue Wolken verschleiern die schneebedeckten Gipfel des kirgisischen Alataus. Die bis zu 5000 Meter hohe Berglandschaft ist Teil des Hochgebirges Tien Shan, das sich vom äußersten Westen Chinas bis nach Usbekistan erstreckt. Nur wenige Menschen treibt es in die sauerstoffarmen Höhen – Amadeus DeKastle ist seit Wochen hier. Der 30-Jährige hat die Schultern hoch und seine Wollmütze tief ins Gesicht gezogen, während er auf einer Wandkarte die Berge rund um den Zeltplatz markiert.

Auf den Bänken vor ihm sitzen verschlafene Australier, Neuseeländer, Amerikaner, Schweden, Österreicher und Deutsche. Er muss sie heute motivieren, trotz Regen und Kälte mit GPS-Gerät und Notizblock auf die Gipfel zu steigen, um nach den Spuren eines Jägers zu suchen, dem Schneeleoparden. Den „Geist der Berge“ nennen ihn die Kirgisen. Er ziert das Wappen ihrer Hauptstadt Bischkek. Und wie viele Staaten der ehemaligen Sowjetunion ehrt auch Kirgisistan noch heute tollkühne Bergsteiger mit dem Schneeleoparden-Orden.

Knochen als Zutat für vermeintliche Heilmittel

Tatsächlich gesehen haben das scheue Raubtier wohl nur wenige. Nur noch rund 6500 der gefleckten Großkatzen streifen über die Gebirgsketten Zentralasiens. In all seinen zwölf Heimatländern steht der Schneeleopard auf der Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Arten. In China, wo ein Großteil der verbliebenen Tiere lebt, sind seine Knochen als Zutat für vermeintliche Heilmittel begehrt. Ihr Fell wird zu Mänteln verarbeitet, 16 Schneeleoparden müssen für ein einziges Kleidungsstück sterben.

„Umgerechnet rund 4200 Euro bringt ein Tier auf dem Schwarzmarkt“, sagt Volodya Tytar. Kirgisistan beherbergt heute etwa 350 Schneeleoparden, schätzt der Biologe des zoologischen Instituts der Nationalen Akademie der Wissenschaften in Kiew. „Um 1990 waren es noch rund 1000.“ Wilderei habe den Bestand drastisch sinken lassen. Jedes Jahr kämen zudem mehr Hirten in die Region, trieben ihre Pferde, Kühe und Schafe auf der Suche nach Weideland immer höher in die Berge. „Dabei vertreiben sie die Beutetiere des Schneeleoparden, sibirische Steinböcke, Riesenwildschafe und Murmeltiere“, erklärt der 66-Jährige.

Landstriche zum Wohle der Raubkatzen schützen

Mit ihnen verschwänden neben dem „Star der Region“ auch andere Jäger: Wolf, Braunbär, Luchs und Pallaskatze. Obwohl Naturschützern ebenso viel am Erhalt dieser Arten gelegen ist, tauchen sie auf Plakaten und Spendenaufrufen für die Region nicht auf. „Der Schneeleopard ist die sogenannte Flagship-Species. Er weckt Emotionen, generiert Aufmerksamkeit. Die Menschen wollen ihn schützen und davon kann hier ein ganzes Ökosystem profitieren“, sagt Tytar. Seit über zehn Jahren verfolgt er die Entwicklung der Population, sammelt Spuren, zeichnet auf, wo Beutetiere grasen, wo Schneeleoparden gesichtet wurden, gerissen haben.

Zunächst im russischen Altai-Gebirge, seit 2014 in den Bergen Kirgisistans. Amadeus DeKastle ist dabei seine rechte Hand. Gemeinsam betreuen sie ein sogenanntes Citizen-Science-Projekt – Normalbürger aus aller Welt sammeln Daten für die Wissenschaft. Darauf basierend werden Empfehlungen entwickelt, welche Landstriche zum Wohle der Raubkatzen geschützt werden sollten. Organisator ist der nachhaltige Reiseanbieter Biosphere.

Organisation geht gegen Wilderer vor

Für den Preis einer Luxusreise nehmen Naturfans an einer zweiwöchigen Expedition teil und werden dafür mit Essen und Eindrücken versorgt. Ein Loch im Boden dient als Toilette, ein Eimer mit Schöpfkelle als Dusche. Dass die Wahrscheinlichkeit, einen im Geröll der Hügel getarnten Schneeleoparden zu erspähen, sehr gering ist, nehmen die Teilnehmer in Kauf – der gute Zweck steht im Vordergrund. Rund 70 Prozent der Einnahmen fließen nach Angaben des Anbieters direkt in das Projekt, finanzieren Personal, Ausrüstung und Transport.

„Zur Zeit der UdSSR gab es noch staatliche Unterstützung, heute sind wir auf Privatpersonen angewiesen“, sagt Tytar. Unterstützt wird das Projekt von einer vierköpfigen Taskforce des Naturschutzbundes Deutschland (Nabu), der „Gruppa Bars“. Schon 1999 rief die Organisation das Team ins Leben, um gegen Wilderer in der Region vorzugehen. Die ehemaligen Sicherheitsbeamten Schailoobek Tesektschiev und Aman Talgartbek gehörten zur Startbesetzung.

Auf der Suche nach Hinweisen

Seither stellen die Kirgisen Kamerafallen auf, durchstreifen das Gebirge auf der Suche nach Hinweisen auf die seltenen Tiere und deren Jägern. Mehrere Wilderer hat die Gruppa Bars in den vergangenen Jahren überführt. Die Geldstrafe für das illegale Töten eines Schneeleoparden liegt bei umgerechnet mehr als 6000 Euro. „Die Regierung diskutiert aktuell, sie zu verdoppeln“, sagt Tesektschiev. Wer nicht zahlen kann, muss ins Gefängnis.

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Gemeinsam mit Talgartbek, Tytar und DeKastle führt er über den Sommer im Zwei-Wochentakt Gruppen naturbegeisterter Urlauber in ein 1200 Quadratkilometer großes Areal, mehrere Autostunden vom letzten Dorf mit fließendem Wasser entfernt. Um sechs Uhr morgens klingeln in dem Zeltlager die ersten Wecker, um sieben steht im Gruppenzelt das Frühstück bereit. Um acht besteigen die Teilnehmer die vier silbernen Geländewagen und fahren durch Flüsse und über Schotterpisten in die Parzellen des Untersuchungsgebietes.

Verleihung von Schutzstatus

Ausgestattet mit Fernglas und Logbuch erklimmen sie bis zu 4000 Meter hohe Gipfel. Sie notieren alles, was zwischen Geröllwüsten, Gletschern und grasbewachsenen Ebenen auf die Anwesenheit von Schneeleoparden hindeuten könnte – von Murmeltierhöhlen über Steinbockkot bis hin zum Tatzenabdruck – und versehen es mit GPS-Koordinaten.

Im nächsten Jahr startet der fünfte und letzte Durchgang des Projekts. „Danach fassen wir die Daten in einem Bericht zusammen, den der Nabu der kirgisischen Regierung vorstellen wird“, sagt Amadeus DeKastle. Er und seine Kollegen hoffen, dass die Region künftig zu einem Biosphärenreservat erklärt oder ihr ein vergleichbarer Schutzstatus verliehen wird. „Die Regierung müsste dann die Lizenzen für Schäfer reduzieren. Schäfer könnten zu Rangern ausgebildet werden, sie kennen sich in der Region am besten aus“, sagt DeKastle. Und im besten Falle kann der „Geist der Berge“ sich dann wieder auf den schneebedeckten Hügeln ausbreiten.