Vereinsgründung

„AusGezeichnet“ – Säureopfer gründet Verein für Entstellte

Säureopfer Vanessa Münstermann gründete den Hilfsverein „AusGezeichnet“ genau ein Jahr, nachdem ihr Ex-Freund sie mit ätzendem Rohrreiniger und Schwefelsäure attackierte.

Säureopfer Vanessa Münstermann gründete den Hilfsverein „AusGezeichnet“ genau ein Jahr, nachdem ihr Ex-Freund sie mit ätzendem Rohrreiniger und Schwefelsäure attackierte.

Foto: Julian Stratenschulte / dpa

Ihr Ex-Freund schüttete ihr Säure ins Gesicht. Ein Jahr nach der lebensgefährlichen Attacke gründet die Gezeichnete einen Hilfsverein.

Hannover.  Vanessa Münstermann gibt nicht auf. „Ich habe ein verbranntes Gesicht – na und? Ich fühle mich trotzdem schön“, sagt die 28-Jährige aus Hannover. Vor genau einem Jahr wurde sie durch eine Säure-Attacke ihres Ex-Freundes im Gesicht schwer verletzt.

Zahlreiche Operationen musste sie seither über sich ergehen lassen. Doch jetzt will sie ihre Erfahrungen für andere Menschen einsetzen, die ein ähnliches Schicksal erlitten haben. Gemeinsam mit Freunden und Unterstützern gründete sie am Mittwoch den Verein „AusGezeichnet“.

Verein richtet sich an von Narben gezeichnete Menschen

„Ich bin zwar gezeichnet, aber dadurch auch ausgezeichnet“, sagt sie mit Anspielung auf den Vereinsnamen. Es sei „ein Verein von Entstellten für Entstellte“. Er richtet sich an Menschen, die von Narben gezeichnet sind, die anders aussehen – sei es durch eine Säure-Attacke, ein Feuer, einen Unfall oder von Geburt an. Etwa 18.000 Brandopfer gibt es nach Vereinsangaben in Deutschland pro Jahr. Viele davon litten unter Entstellungen.

„Die Leute zeigen sich im Gegensatz zu Vanessa nicht öffentlich, weil sie Angst haben und sich schämen“, sagt Vereinssprecher Jens Hauschke. „Ein Ziel des Vereins ist es, die Leute aus der Anonymität zu holen.“

Münstermann lag zwölf Tage im künstlichen Koma

Der 15. Februar 2016 war der Tag, der für die gelernte Kosmetikerin alles veränderte. Damals hatte sie sich gerade von ihrem Ex-Freund getrennt, den heute 33-Jährigen am Tag zuvor bei der Polizei wegen Stalkings und Gewalt angezeigt. Doch Daniel F. (33) lauerte ihr frühmorgens auf, schüttete ihr ätzenden Rohrreiniger mit Schwefelsäure ins Gesicht. Vanessa Münstermann wurde lebensgefährlich verletzt.

Die Ärzte versetzten sie zwölf Tage in ein künstliches Koma. Es folgten Behandlungen mit Morphium und Operationen. Seit dem Anschlag sind ihr linkes Auge und ihr linkes Ohr zerstört, Gesicht, Hals und Dekolleté von Narben übersät. Lebenslang wird sie unter den Folgen zu leiden haben.

„Ich will mich nicht verstecken“

Doch die junge Frau zeigt sich kämpferisch: „Ich will mich nicht verstecken“, betont sie immer wieder. Ihr Schicksal habe ihr auch ihre Stärken bewusst gemacht. Die Hilfe von Freunden und Unterstützern gäben ihr große Kraft. Nur weil sie nicht so aussehe wie andere Menschen, sei sie nicht weniger wert. Deshalb will sie ihre Narben nicht verbergen. „Manche Leute kaufen sich schicke Markenklamotten, um herauszustechen“, sagt sie. „Ich steche auch so hervor.“

Vanessa Münstermann kennt aber auch dunkle Stunden. Immer wieder wandern ihre Gedanken zu jenem Morgen, der ihr Leben aus der Bahn warf. Sie muss sich mit komplizierten Rentenbescheiden herumschlagen. Und sie wird keine Erwerbsarbeit mehr ausüben können.

Opfer fürchtet frühzeitige Entlassung ihres Peinigers

Sie hat auch Angst vor dem Tag, an dem ihr Peiniger wieder aus dem Gefängnis entlassen wird. Daniel F. wurde im August 2016 vom Landgericht Hannover wegen schwerer Körperverletzung zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Das Landgericht Hannover wertete den Angriff frühmorgens im Park als Racheakt für Münstermanns Anzeige. Vor der Entlassung des Täters aus dem Gefängnis – womöglich schon vorzeitig nach sieben Jahren – habe Münstermann größte Angst. F.s Anwalt hat Revision gegen das Urteil eingelegt.

Ihr Verein erfüllt Münstermann mit neuem Sinn. Sie und ihre Mitarbeiter wollen entstellten Menschen und ihre Angehörigen durch Austausch und Gespräche sowie durch konkrete finanzielle Hilfe unterstützen. Nötig sei vor allem, die Betroffenen psychisch zu stabilisieren. Dafür hoffen sie auf Spenden.

Niemand half ihr zurück ins Leben

Der Verein wolle eine Lücke schließen, sagt Sprecher Jens Hauschke: „Als Vanessa damals aus dem Krankenhaus kam, gab es niemanden, der ihr zurück ins Leben geholfen hätte.“ Sie selbst will die neue Aufgabe mit aller Kraft anpacken: „Wenn ich nur eine Person aus dem Haus kriege, dann habe ich schon mein Ziel erreicht.“ (epd/dpa)