Oz ist tot

Der Sprayer starb zwischen Hauptbahnhof und Berliner Tor

Walter F. alias „Oz“ ist so zu Tode gekommen, wie er gelebt hat: immer am Limit. Er nannte seine Graffiti Kunst, die Deutsche Bahn sprach von Sachbeschädigung.

Hamburg. Jeder sah ihn, keiner kannte ihn. Seine Tags prangten auf S-Bahnen, U-Bahnen, auf Stromkästen – überall. „Oz“ war ein Markenzeichen. Der Mann hinter dem Zeichen ist nun tot. Gestorben bei seiner letzten Sprühaktion, der bekannteste Graffiti-Künstler Deutschlands.

Walter F. heißt er, ,Oz“ hat ihn berühmt gemacht und er diesen Tag. Der 64-Jährige wurde am Donnerstagabend an den Gleisanlagen zwischen dem Berliner Tor und dem Hamburger Hauptbahnhof von einer S-Bahn erfasst.

Wie das Abendblatt erfuhr, hatte „Oz“ Stromschienen mit seinem Künstlernamen besprüht, als es zu dem Unglück kam. Warum er die S-Bahn der Linie S1 kurz vor 22.30 Uhr nicht bemerkt hatte, ist nicht bekannt. Die Leiche des Mannes wurde erst eine Dreiviertelstunde später entdeckt.

Der S-Bahnführer der Linie S1 Richtung Poppenbüttel/Flughafen habe den Unfall gar nicht bemerkt, sagte ein Sprecher der Bundespolizei. Erst der Fahrer eines nachfolgenden Zuges habe die Leiche gesehen und die Leitstelle der S-Bahn verständigt. Der Mann sei mit schweren Kopfverletzungen gefunden worden. Am Unglücksort habe eine Sprühdose gelegen.

Die Graffitis von „Oz“ sind über Hamburgs Grenzen hinaus bekannt. Seit 1977 war Walter F. als Sprayer aktiv. Er war zuletzt Anfang 2012 in einer Berufungsverhandlung zu einer Geldstrafe verurteilt worden. In erster Instanz hatte das Urteil auf 14 Monate Haft gelautet. Davor hatte er auch im Gefängnis gesessen, insgesamt acht Jahre.

Mehr als 120.000 der typischen Symbole von „Oz“ – wie Smileys, Kringel und der Namenszug – soll er auf Hauswände, Ampelmasten oder Stromkästen der Hansestadt gesprüht haben. Seine Taten hatten die Debatte befördert, ob Graffiti als Kunst oder Sachbeschädigung zu werten ist.

Die Werke von „Oz“ wurden mehrfach in Galerien gezeigt, zu einer Ausstellung in Hamburg erschien 2009 ein Bildband unter dem Titel „Es lebe der Sprühling“. Viele seiner Botschaften enthielten „einen kritischen Umgang mit der Stadtkultur, einen Angriff auf die oberflächliche Gesellschaft“, hieß es darin. „Dieser stille Protest gegen etwas, was man vielleicht mitfühlen oder erfühlen kann, ist geprägt durch kreative Energie.“

Der Bundespolizeisprecher warnte dringend davor, Gleisanlagen zu betreten. „Insbesondere für Graffiti-Täter besteht höchste Lebensgefahr, weil sie sich während ihrer Taten auf ihre Schmierereien konzentrieren und nicht auf den Zugverkehr achten.“

In diesem Jahr sind bereits mehrere Sprayer verunglückt, einige von ihnen schwer. Im ersten Halbjahr zählte die Bahn bereits 10.500 Delikte, eine Steigerung um 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Die Deutsche Bahn hat wie viele andere Immobilienbesitzer wenig Verständnis für Graffiti. Sie versuchte nach Angaben aus Bahnkreisen, bis zuletzt Schadenersatzansprüche gegen „Oz“ geltend zu machen. Um Graffiti-Werke zu entfernen, gab die Deutsche Bahn im vergangenen Jahr 6,6 Millionen Euro aus.