Familientragödie in Dortmund

Zehnjähriger fiel Gewaltverbrechen zum Opfer

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abendblatt.de

Nach einem Wohnungsbrand findet die Feuerwehr zwei tote Kinder, ein drittes stirbt später im Krankenhaus. Die Polizei geht davon aus, dass sie getötet wurden. Mindestens eines der Kinder fiel einer Gewalttat zum Opfer.

Dortmund. Geborstene Fensterscheiben und schwarzer Ruß an der mattgrünen, mit Graffiti verunstalteten Hauswand zeugen von der Tragödie, die sich am frühen Freitagmorgen im Reihenendhaus in Dortmund abgespielt hat. Drei Kinder sind ums Leben gekommen. Die Polizei geht davon aus, dass sie getötet wurden. Mindestens eines der drei toten Kinder fiel einer Gewalttat zum Opfer. Das bestätigten Polizei und Staatsanwaltschaft am Freitagnachmittag nach der Obduktion des zehnjährigen Jungen, der im Krankenhaus gestorben war. Die Obduktion die beiden anderen Kinder, die bereits in der Wohnung tot gefunden worden waren, werde „bis in die späten Abendstunden andauern“. Zu den Details der Todesumstände wollen sich die Ermittler erst äußern, wenn alle Obduktionsergebnisse vorliegen. Ein Tatverdacht gegen den 41-jährigen Vater der Kinder bestehe nicht, hieß es. Die Mutter war bereits vor einiger Zeit gestorben. Die Kinder waren bei einem Wohnungsbrand gefunden worden. Die Ermittler sprechen von einer „Familientragödie“.

Wie die Geschwister starben, ist unklar. Die Obduktion ihrer Leichen dauere noch an. Es lägen Hinweise auf ein Kapitalverbrechen vor, sagte Staatsanwältin Barbara Cuntze. Möglicherweise könnte das Feuer gelegt worden sein, um die Gewalttat zu verschleiern. Der Vater war zum Tatzeitpunkt nicht zu Hause, die ist Mutter seit längerer Zeit tot, wie Polizeisprecher Wolfgang Wieland berichtet. Der Mann wird seelsorgerisch betreut, wie auch die Männer, die die Kinder beim Löschen entdecken. „Es handelt sich wahrscheinlich um eine Familientragödie“, sagt Wieland.

Vieles bleibt rätselhaft und die Nachbarn finden keine Erklärungen. „Schauen Sie, ich hab die ganze Zeit Gänsehaut“, sagt Friederike Mitsilengas. Sie wohnt im Haus nebenan und bricht immer wieder in Tränen aus. Hedwig Ludwig, die auf der anderen Seite im Erdgeschoss wohnt – nur wenige Meter neben dem Brandherd – hat gar nichts mitbekommen und erfährt erst von fragenden Reportern von der Tragödie. „Drei Kinder tot“, ruft die 91-Jährige, schlägt die Hand vor den Mund und hält sich mit dem anderen Arm hilfesuchend an einem Laternenpfahl fest.

Anwohner berichten, in der Wohnung lebe auch die Partnerin des Vaters. „Eine Frau wurde am Morgen mit Handschellen abgeführt“, berichtet Nachbarin Eleni Arvanetedou. Sie habe zudem gesehen, wie Ärzte den Jungen ins Krankenhaus bringen. „Ich habe mich gewundert, dass die Eltern nicht mir dabei waren.“ Viele Nachbarn in der ruhigen Straße stehen in Gruppen zusammen, sie können das, was ein paar Häuser weiter passiert ist, nicht fassen. Auch viele Kinder kommen zum Unglücksort. Sie wollen wissen, ob es ihre Freunde sind, die dort ums Leben kommen.

Familie bei Anwohnern nicht bekannt

Die Familie mit türkischen Wurzeln lebte noch nicht lange in der Fichtestraße im Dortmunder Norden. Der Hausverwalter berichtet, vor einem halben Jahr sei sie eingezogen. Erst ins obere Stockwerk, dort brach aber laut Polizei Ende Februar ein Feuer aus. Die Wand um die Fenster ist heute noch verrußt, in den Rahmen klebt Plastikfolie. Damals wurde ein Kind der Familie dafür verantwortlich gemacht, es hatte gezündelt. „Dann ist die Familie ins Erdgeschoss gezogen“, sagt der Verwalter. Seinen Angaben zufolge war das Jugendamt eingeschaltet, die Miete zahlte das Amt.

Von dem früheren Leben in der Erdgeschosswohnung zeugt nur ein noch glänzender roter Vorhang hinter den kaputten Fenstern. In der Nachbarschaft ist die Familie offenbar wenig bekannt. „Ich habe sie noch nie gesehen“, berichtet Frederike Mitsilengas, die zwei Häuser weiter wohnt. Seit 22 Jahren wohne sie in dem Haus, so etwas habe sie noch nie erlebt. „Drei Kinder tot - da bekomme ich eine Gänsehaut“, sagt die die kleine Frau mit den kurzen Haaren und schüttelt den Kopf.

Mit Material von dapd und dpa