Niedrigwasser legt Bomben frei

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Christian Schultz

Im Rhein schlummern Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Koblenz vor größter Evakuierung in Deutschland

Koblenz. Der ungewöhnlich trockene November hat den Rheinpegel dramatisch sinken lassen und fördert brisante Altlasten zutage. Im Schlamm stecken Blindgänger des Zweiten Weltkrieges. Jetzt macht ein 1,8 Tonnen schwerer Sprengkörper die größte Evakuierung wegen einer Bombenentschärfung in der Geschichte Deutschlands nötig. In Koblenz müssen am Sonntag 45 000 Menschen den Platz am heimischen Adventskranz verlassen und mit einer Sporthalle vorlieb nehmen, wenn sie nicht bei Freunden oder Verwandten unterkommen. Auch ein Gefängnis, Kliniken und Altenheime werden wegen der Mine geräumt.

Das Ungetüm ist drei Meter lang, wiegt 1,8 Tonnen und liegt im Rhein. Am zweiten Advent soll der Sprengkörper britischer Herkunft entschärft werden, ebenso wie eine kleinere US-Bombe und ein Nebelfass. Horst Lenz, technischer Leiter des Kampfmittelräumdienstes Rheinland-Pfalz: "Solange wir Niedrigwasser haben, gibt es gut zu tun." Auch an anderen Stellen rechne er mit weiteren Bombenfunden. Es werde aber nicht gezielt gesucht, sagt Dietmar Schmid, Leiter der Räumgruppe Koblenz. Zum einen liege im Rhein der Eisenschrott dicht an dicht. "Da würde ein Suchgerät dauernd ausschlagen." Zum anderen gebe es auch nicht genügend Mitarbeiter. Die Entschärfung des Blindgängers am Sonntag ist für die Kampfmittelbeseitiger ein normaler Einsatz. "Wirklich Arbeit damit hat ja die Stadt, die alles räumen lassen muss", gibt Lenz zu bedenken. Für seine Leute sei es egal, wie groß die Sprengleistung sei. Er und seine Kollegen stünden so dicht dran, dass auch die kleinste Bombe sie töten könne.

Das Erste, was Lenz nach getaner Arbeit macht, ist, seine Frau anzurufen. "Sie ist recht ängstlich und wird unheimlich sauer, wenn ich mich nicht gleich melde." Wie schnell ihre Arbeit erledigt sein wird, wissen die Bombenräumer erst, wenn sie die drei Zünder untersucht haben.

Für die Behörden ist die Räumung eines Areals von 1,8 Kilometer Umkreis um den Fundort eine organisatorische Herkulesaufgabe. Schon die Zahlen des Einsatzes beeindrucken: Rund 45 000 der etwa 106 000 Einwohner von Koblenz müssen ihre Häuser verlassen. Die Arbeitsgemeinschaft der Hilfsorganisationen im Katastrophenschutz etwa plant bislang für das Wochenende mit mehr als 350 Fahrzeugen, mindestens 900 ehrenamtliche Helfer werden mit anpacken.

Die Stadt ließ 40 000 Handzettel drucken mit Tipps für Anwohner. Mitarbeiter des Ordnungsamts klappern seit Tagen die Briefkästen in der Sperrzone ab, wie Stadtsprecher Thomas Knaak sagt. Man solle die Wohnung abschließen und möglichst die Rollläden herunterlassen, ist zu lesen. Auch sei an Medikamente, Babynahrung oder Ersatzkleidung zu denken.

Besonders aufwendig ist die Räumung des Gefängnisses, 200 Häftlinge werden umziehen. Morgen geht es los mit den ersten Fahrten in andere Haftanstalten des Landes, sagt der Leiter Josef Maldener. Die rund 80 Kilometer entfernte Justizvollzugsanstalt Rohrbach in Wöllstein hilft mit Bussen aus. Mühe machten natürlich auch Sicherheitsaspekte, sagt Maldener. "Wir haben zum Beispiel die Tätertrennung zu beachten." Wenn es sich um "Tatgenossen" handele, müssten die Häftlinge getrennt bleiben. "Außerdem können wir keinen Häftling in den Süden des Landes bringen, der am Montag einen Termin in Bad Neuenahr-Ahrweiler hat."

Aus zwei Krankenhäusern müssen laut Feuerwehr etwa 200 Patienten verlegt werden. "Hier gibt es sehr viele Feinheiten zu beachten", sagt der Arzt Karl Heinz Kienle. Er war bei früheren Evakuierungen in Koblenz leitender Notarzt der Einsatzleitung. "Oberstes Ziel ist es, trotz der Umstände nicht in die Katastrophenmedizin abzudriften."

Nicht jeder Patient könne in jedes beliebige Krankenhaus gebracht werden, sagt Kienle. "Sie können eine Dialyse-Abteilung nicht in ein Krankenhaus verlegen, das mit dieser Behandlung keine Erfahrung hat." Problematisch sei auch der Transport von Patienten der Intensivstation. "Diese Transporte müssen Vorrang auf den Straßen haben, damit es bei der Fahrt möglichst keine Erschütterungen gibt."

Auch die Räumung von sieben Altenheimen wirft logistische Probleme auf. Derzeit loten Experten aus, wie viele Rettungskräfte gebraucht werden, um die etwa 1000 Senioren einen Tag lang unterzubringen.

Die Bombenentschärfung hat auch größere Folgen für den Bahnverkehr. Der Koblenzer Hauptbahnhof werde bis 8 Uhr geräumt, teilte die Deutsche Bahn in Frankfurt mit. Anschließend sollen bis zur geplanten Entschärfung am Nachmittag noch einige Züge ohne Halt durch Koblenz fahren.