Mutmaßlicher Kindermörder Martin N.

Erster Verhandlungstag schnell vorbei - Gutachter nicht erschienen

Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen hat in Stade der Prozess gegen "Maskenmann" Martin N. begonnen. Doch ein abwesender Gutachter sorgte für einen abrupten Abgang des ergrauten 40-jährigen Angeklagten aus dem Landgericht.

Stade. Der Prozess gegen den mutmaßlichen dreifachen Kindermörder Martin N. vor dem Landgericht Stade ist am Montag nach nur einer halben Stunde abgebrochen worden. Der sachverständige Gutachter aus München war aus unbekannten Gründen nicht erschienen. Der Prozess gegen den als auch "Maskenmann" bekannten Angeklagten soll jetzt am 26. Oktober fortgeführt werden. Die Verteidigung kündigte für den nächsten Verhandlungstag eine ausführliche Erklärung des Angeklagten an. Inwieweit sich Martin N. zu den Verbrechen äußern wird, wollten seine Anwälte nicht sagen.

Der Pädagoge aus Harburg muss sich wegen dreifachen Mordes und 20-fachen sexuellen Missbrauchs an Kindern vor Gericht verantworten. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Serientäter begann am Vormittag unter strengen Sicherheitsvorkehrungen. Am ersten Verhandlungstag wurde nur die Anklage gegen den 40-Jährigen verlesen. Wonach der gebürtige Bremer zwischen 1992 und 2001 drei kleine Jungen in Norddeutschland entführt und später getötet haben soll. Der 40-jährige gebürtige Bremer habe aus niedrigen Beweggründen getötet, um andere Straftaten zu vertuschen, sagte der Staatsanwalt bei der Anklageverlesung vor dem Landgericht.

Martin N. erschien mit einem langen Bart und teilweise ergrautem Haar im Gerichtssaal und verfolgte die Ausführungen der Staatsanwaltschaft weitgehend regungslos. Über seine Anwälte ließ der Angeklagte mitteilen, dass er sich am zweiten Prozesstag zur Sache und zur Person äußern werde. Fragen werde er aber nicht beantworten. In dem Verfahren sollen zunächst chronologisch die Morde an drei Jungen und dann die Missbrauchfälle behandelt werden.

Dazu sagte der Vater eines der Opfer: "Damit habe ich gerechnet." Weiter vermutet der Mann, dass Martin N. auch für andere, ähnliche Morde verantwortlich sei. Zudem würden Indizien dafür sprechen, dass sich der Angeklagte auch an den Leichen vergangen habe. Dies streitet Martin N. ab. Ein weiterer Vater fand deutliche Worte für den "Maskenmann": "Er ist und bleibt ein Schwein!"

Der Pädagoge hatte kurz nach seiner Festnahme in Hamburg gestanden, zwischen 1992 und 2001 drei Jungen in Norddeutschland entführt und später ermordet sowie rund 40 missbraucht zu haben. Die Hälfte der sexuellen Übergriffe ist inzwischen aber verjährt. Angeklagt ist er wegen insgesamt 23 Straftaten.

Viele Jahre hatte die Polizei vergeblich nach dem als "Maskenmann“ bekanntgewordenen Serientäter gesucht. Dieser hatte sich getarnt mit einer Maske nachts in Kinderzimmer, Schullandheime und Zeltlager geschlichen und sich an Jungen vergangen. Drei entführte und tötete er. Den 13-jährigen Stefan holte er 1992 aus einem Internat in Scheeßel (Kreis Rotenburg), den achtjährigen Dennis R. 1995 aus einem Zeltlager bei Schleswig und den neunjährigen Dennis K. aus einem Schullandheim nahe Bremerhaven.

Die Eltern der drei getöteten Jungen und ein Missbrauchsopfer treten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Sie erschien am ersten Verhandlungstag im Gerichtssaal. Bis Anfang Dezember hat die Kammer zehn weitere Termine angesetzt.

Möglichen Pannen bei den Ermittlungen gegen den mutmaßlichen Kindermörder räumt die Staatsanwaltschaft Stade nicht allzu viel Bedeutung ein. "Wir sind bestens aufgestellt“, sagte Behördensprecher Kai Thomas Breas am Montag vor Beginn des Prozesses. Sollten tatsächlich Akten nicht mehr vorhanden sein, sei das "völlig nebensächlich“, sagte Breas.

"Wir sprechen über drei Morde und zahlreiche Missbrauchsfälle.“ Die Staatsanwaltschaft sei zuversichtlich, dem Angeklagten drei Morde und zahlreiche Missbrauchsfälle nachweisen zu können.

Der NDR hatte berichtet , Polizei und Staatsanwaltschaft hätten in Bremen und Bremervörde Akten vernichtet, obwohl die entsprechenden Taten zu dem Zeitpunkt noch nicht verjährt gewesen seien. Die Bremer Polizei will nach Angaben ihres Sprechers Peter Siemering den Vorwürfen, dass Akten vorzeitig vernichtet worden seien, intern nachgehen.

Die Staatsanwaltschaft maß den möglicherweise fehlenden Akten keine große Bedeutung zu. "Für das heutige Verfahren ist das völlig unerheblich. Wir sind zuversichtlich, Martin N. die drei Morde und alle angeklagten Missbrauchsfälle nachweisen zu können“, sagte Behördensprecher Kai Thomas Breas. Die Anklage werde trotzdem prüfen, ob die Polizei die Aufbewahrungsfristen gegebenenfalls nicht eingehalten habe.

Bis Anfang Dezember hat die Kammer zehn weitere Verhandlungstage angesetzt.

(abendblatt.de/dpa)