Onlinekriminalität

Im Internet haben Lügen längere Beine

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Kein Volk schwindelt online so hemmungslos wie die Deutschen, ergab eine Studie. Viele wollen sich vor Onlinekriminalität schützen.

München. Die durchschnittliche Körpergröße des deutschen Mannes beträgt 178 Zentimeter, sein Penis ist etwa 14,56 Zentimeter lang, in erigiertem Zustand. Doch im Internet (und dort vor allem in Partnerbörsen) wachsen gerade männliche Körper und wichtige -teile mit ihren Aufgaben häufig um bis zu - ebenfalls durchschnittlich - fünf Zentimeter über die Norm. Dies ist nur eines der verblüffenden Ergebnisse des "Norton Cybercrime Report 2010: Faktor Mensch".

Die Untersuchung basiert auf einer Umfrage des amerikanischen Marktforschungsinstituts StrategyOne im Auftrag der Software-Sicherheitsfirma Symantec, mit der die Auswirkungen der steigenden Online-Kriminalität auf die Nutzer erforscht werden soll. Dabei wurden 7066 Erwachsene im Alter ab 18 Jahren in 14 Ländern online nach ihren Verhaltensweisen im Internet befragt (Australien, Brasilien, Kanada, China, Frankreich, Deutschland, Indien, Italien, Japan, Neuseeland, Spanien, Schweden, Großbritannien, USA). Danach haben 51 Prozent der Befragten online schon mal gelogen (weltweit 45 Prozent) und mehr als die Hälfte aller deutschen Internetnutzer (53 Prozent, weltweit nur 33 Prozent) finden nichts dabei, eine falsche Identität vorzugaukeln - Skrupel empfindet nur ein Viertel der Nutzer (weltweit 22 Prozent).

Die moderne Psychologie geht davon aus, dass die Lüge ein lebensnotwendiges Kommunikationsmittel ist, das Höflichkeit vermitteln und das Selbstwertgefühl erhöhen kann und auf diese Weise einen leichteren Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ermöglicht und das menschliche Miteinander erleichtert. Statistisch gesehen lügen manche Menschen bis zu 200-mal am Tag, wobei sich nicht immer eindeutig definieren lässt, welche ihrer Aussagen Lügen sind. Nicht zuletzt sind es häufig erst die Selbstlügen, die vielen Menschen das Leben erst erträglich machen, wobei dann die Gefahr besteht, dass häufiges Schwindeln in die Persönlichkeit integriert wird, sodass es immer schwieriger wird, die Lüge als solche zu erkennen.

Doch das Vertuschen von Wahrheiten und selbstgefällige Übertreibungen unter falschen "Nicknames" machen insgesamt nur etwa zehn Prozent des digitalen Lügengewirrs aus und sind dort anzutreffen, wo im Cyberspace geflirtet und gebaggert wird. Tatsächlich entspringt die Motivation zum Griff in die Märchenkiste bei 41 Prozent der Befragten aus dem Bedürfnis, sich vor Onlinekriminalität und anderen Konfliktsituationen wie zum Beispiel Stalking oder sexueller Belästigung zu schützen: Jeder Vierte hat daher zum Beispiel auch kein Problem mit dem Flunkern im sozialen Netzwerk Facebook: Die Vorspiegelung falscher Tatsachen gewährleistet in der virtuellen Gesellschaft, dass man anonym bleibt und dadurch auch weniger anfällig für Belästigungen ist. Denn die Internetkriminalität ist zu einer schleichenden Epidemie weltweit geworden: Allein in Deutschland wurden im vergangenen Jahr nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes über 206 000 Fälle registriert, was einer Zunahme um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.

"Die Mehrzahl der Internetnutzer ist einer solchen Attacke bereits in der einen oder anderen Form zum Opfer gefallen", sagt der US-Psychologe Dr. Joseph LaBrie, der die weltweite Studie wissenschaftlich begleitete, "und fühlt sich angesichts der profillosen Täter völlig machtlos. Diese sind durchaus vergleichbar mit denen von Opfern nicht virtueller Straftaten." Es gäbe aber einen interessanten Unterschied: "Wir haben sehr konkrete Erwartungen an die Sicherheit der Technologie. Wenn nun das von uns vorausgesetzte Anrecht auf Nutzung von Technologie durch Kriminelle beeinträchtigt wird, irritiert uns das sehr. Wir meinen, das dürfte doch gar nicht sein!"

Erstaunlich ist jedoch die Tendenz zur Doppelmoral, wobei die deutschen User nicht alleine sind: Nur drei Prozent der Befragten rechnen nicht damit, zu einem Opfer von Internetkriminalität zu werden, nur fünf Prozent fühlen sich sicher (weltweit sind es drei bzw. neun Prozent). Andererseits glauben mehr als die Hälfte der Internetnutzer, dass illegales Herunterladen von Musik oder Filmen ohne Bezahlung "in Ordnung" oder höchstens ein Kavaliersdelikt sei. Vielleicht liegt dieser weit verbreitete Irrglaube ja daran, dass 88 Prozent (weltweit 79 Prozent) der Befragten der Meinung sind, dass Onlinebetrüger erst gar nicht zur Rechenschaft gezogen werden ...