Wetterextreme

"Die Blaupause für den Klimawandel"

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Wetterextreme werden weltweit zunehmen, sagt Klimaforscher Mojib Latif. Hochwasser wird künftig auch da auftreten, wo es bisher noch keins gab.

Kiel. Ob in Pakistan, Indien, Russland, Grönland, Tschechien, Polen oder dem Osten Deutschlands: Klimaextreme unterschiedlichster Natur erschüttern zur Zeit die Welt. Und das ist nur der Anfang: "Wir erwarten, dass sich diese Extreme häufen werden", sagte Prof. Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften an der Universität Kiel (IFM-GEOMAR) dem Abendblatt. Der Klimaforscher sieht in den momentanen Ausnahmezuständen die "Blaupause für den Klimawandel".

15 Millionen Menschen sind von den schweren Überflutungen in Pakistan betroffen, 1770 Tote sind offiziell bisher zu beklagen. In Russland stehen 200 000 Hektar Land in Flammen, die Sichtweite in der Hauptstadt Moskau sank aufgrund des Rauchs auf unter 50 Meter. Vom Petermann-Gletscher im Norden Grönlands löste sich ein 260 Quadratkilometer großes Stück, welches jetzt in die Nares-Straße zwischen Grönland und Kanada treibt. Und in Sachsen und Brandenburg ereilt Deutschland das zweithöchste Hochwasser nach der Jahrhundertflut 2002. Mindestens elf Menschen sind dabei bisher im Dreiländereck von Deutschland, Tschechien und Polen ertrunken.

"In gewisser Weise gab es immer schon Wetterextreme und wird es immer geben", sagte Latif. "Doch wir müssen uns langfristig darauf einstellen, dass sie an der Tagesordnung sein werden." Damit meint der Klimaforscher nicht morgen oder in einem Jahr. Aber einen Zeitrahmen von 2050 bis 2100 für eine erkennbare Zunahme an extremen Wetterphänomenen hält der Mojib Latif für realistisch.

Dass die aktuellen Katastrophen geballt zusammenkommen, erklärt der Forscher durch einfache Zusammenhänge: "Während Einzelergebnisse ein Zufall sein können, gleichen sich Gegensätze im Klima immer aus. Immerhin hängt das Klima weltweit ja miteinander zusammen. So muss bei dem extremen Hoch über Russland auch irgendwo ein Tief dazu sein - das ist das, welches sich gerade über Sachsen entladen hat."

Insgesamt wird der Klimawandel innerhalb dieses Jahrhunderts auf jeden Fall auch für eine weitere Sache sorgen, so Latif: "Wir bekommen eine Temperatur, wie wir sie noch nie hatten." Die Erdmitteltemperatur, die derzeit bei 15 Grad liegt, würde auf 16 Grad steigen. "Dadurch wird alles beschleunigt fortschreiten, was wir bisher schon beobachten konnten, zum Beispiel die Arktisschmelze und der Anstieg des Meeresspiegels", sagt Mojib Latif.

Für Deutschland bedeute dies unterschiedliche Szenarien: Im Süden und Osten würden die Sommer wesentlich trockener werden. Dazu werde es zu Überschwemmungen in Gebieten kommen, in denen es bisher keine gab, so Latif. "Kleinräumige Wettergeschehnisse werden insgesamt intensiver ausfallen."

Das alles geht in den Augen des Wissenschaftlers auch auf das Nichthandeln der Menschen zurück: "Wir reizen beim Klima alles aus. Wir ahnen, was kommt, und handeln dennoch nicht danach." So ständen die Zeichen gerade leider überhaupt nicht gut: "Der gescheiterte Klima-Gipfel in Kopenhagen war schon ein Tiefpunkt, doch die Uno-Klimaverhandlungen in Bonn haben wieder kein Ergebnis erzielt!", moniert der Kieler Wissenschaftler.

Latif sieht nur einen einzigen Weg, wie wir das Klima schützen können: "Wir müssen weg von fossilen und hin zu regenerativen Energien." Auf der großen Bühne müsse es Vorreiter geben - "warum nicht Deutschland?", fragt der Klimaforscher. Zwar hätten wir, ganz anders als "das Negativ-Beispiel Amerika", schon einiges hier erreicht, indem wir seit 1990 die Treibhausgasemissionen um 30 Prozent senken und damit unser Klimaschutzziel gemäß des Kyoto-Protokolls erfüllen konnten. Doch immerhin würde ein Mensch in Deutschland immer noch zehn Tonnen CO2 im Jahr produzieren und ein Inder nur eine Tonne.

Jetzt sei jeder Einzelne gefragt, so Latif: "Energie muss wieder ein kostbares Gut werden! Und der Energiepreis wird weiter steigen. Wenn man die Menschen anders nicht zum Umsteigen vom Auto auf das Fahrrad bekommt, dann vielleicht durch den Geldbeutel."

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