Fussball-WM 2010 in Südafrika

Orakel-Streit vor WM-Finale: Papagei gegen Krake

Foto: AFP

Die Niederländer kontern im Wettstreit der tierischen Hellseher. Ein galicisches Dorf will derweil Paul für 30.000 Euro als Maskottchen verpflichten.

Madrid/Amsterdam/Oberhausen. Paul, was für ein Paul? Holland ignoriert das deutsche Tintenfisch-Orakel – und setzt jetzt voll und ganz auf die Wahrsagerkünste eines asiatischen Propheten-Papageien. Der berühmte Sittich in Singapur habe die Halbfinalspiele der Fußball-WM richtig prophezeit – und nun fürs Endspiel einen Sieg der Niederlande vorausgesagt, hieß es am Sonnabend in niederländischen Medienberichten. Spanien hingegen ist entzückt von Krake Paul, nachdem der ihm den Weltmeistertitel prophezeit hat. Das hat besonderes Gewicht, weil das „Okrakel“ bisher alle deutschen Spiele richtig „vorausgeschmeckt“ hat. Geschäftsleute wollen den Tintenfisch für 30 000 Euro kaufen. Ob die Paul-Begeisterung der Iberer über den Sonntagabend hinausreicht, weiß nun freilich niemand mehr genau. Das Wort der Krake im Oberhausener Sealife-Aquarium steht gegen das des hellgrünen Papageien an der Serangoon Road in Singapur. „Der Papagei weiß es sicher: Oranje wird Weltmeister!“, freute sich jedenfalls die Amsterdamer Zeitung „de Volkskrant“. Warum, so fragen sich Niederländer, sollten wir einem hässlichen Krake vertrauen, wenn ein schöner grüner Großsittich, der bereits die Niederlage Deutschlands gegen Spanien korrekt angekündigt hatte, uns das WM-Glück verspricht? Zaubervogel Mani ist mit seinen insgesamt wohl recht oft zutreffenden Vorhersagen in Asien ein Promi. Schon lange hilft er seinem Besitzer M. Muniyappan beim Wahrsagen.

Unter den Kunden des 80-Jährigen sind viele, die ihr Geld bei Sportwetten oder auch für Tipps bei der Wahl des richtigen Ehepartners riskieren. Während Krake Paul sich beim Wahrsagen für einen von zwei beflaggten und mit Muschelfleisch gefüllten Containern entscheidet, arbeitet Papagei Mani mit der herkömmlichen Kartenmethode: Er pickt ein von zwei auf der Vorderseite neutral weißen Spielkarten, die hinten mit den jeweiligen Landesfahnen gekennzeichnet sind, und dreht sie um. Dass die nun fürs Finale gepickte Karte hinten rot-weiß-blau ist, stärkt Hollands Zuversicht enorm.

Ganz anders verständlicherweise die Haltung in Spanien. Dort soll der weltberühmte Krake unter anderem zum Maskottchen eines Gastronomiefestes werden, bei dem Spezialitäten aus Tintenfisch im Mittelpunkt stehen. Das Fest findet alljährlich im August in der kleinen Ortschaft Carballiño nahe Orense im nordwestspanischen Galicien statt. Die Idee, Paul als Werbefigur zu erstehen, stammt von Bürgermeister Carlos Montes. Die Unternehmer des 14.000 Einwohner zählenden Ortes legten zusammen und kamen so auf die 30.000 Euro.

„Wir wollen Paul nicht aufessen“, sagte Manuel Pazo, der dort einen Fischereibetrieb besitzt. „Er soll auch weiter Fußballergebnisse tippen, zum Beispiel die unserer Toto-Gemeinschaft.“ Sollte das Aquarium in Oberhausen Paul nicht verkaufen wollen, hoffen die Geschäftsleute darauf, ihn zumindest für das Fest am 8. August ausleihen zu können. Die Chancen darauf stehen schlecht: Das Aquarium in Oberhausen ließ wissen: „Das geht nicht. Wir können verstehen, dass alle jeck auf Paul sind, aber der gehört zu uns. Er bleibt bei uns.“

In Galicien ist Tintenfisch („pulpo“) das Nationalgericht. Am bekanntesten ist der „pulpo á feira“: Gekochter Tintenfisch in Scheiben, gewürzt mit rotem Paprikapulver und grobem Salz. Serviert wird er mit einem kräftigen Schuss Olivenöl. Genau das empfiehlt die meistgelesene niederländische Zeitung „De Telegraaf“ für Paul. Wer immer ihn greifen könne, solle ihn „90 Minueten kräftig gegen ein Stein schlagen“, damit er schön zart wird. Gegessen werde müsse er unter Hinzufügung von größeren Mengen Knoblauch. „Und nicht vergessen: das ist ein spanisches Rezept, also schön mit den Zähnen des (niederländischen) Löwen reinhauen!“

Derweil bezweifelt Dänemarks führender Tintenfisch-Experte die Fähigkeiten der Krake Paul als Fußball-Orakel. „Ich glaube keine Sekunde an hellseherische Tintenfische“, sagte Anders Kofoed am Sonnabend der Nachrichtenagentur Ritzau. Die dänische Agentur wollte ein für alle Mal klären, „wie ernst man die Vorhersagen des Weichtieres nehmen kann.“

Da waren sie bei Kofoed genau richtig, denn der hat gerade die Jubiläumsausstellung „70 Jahre Tintenfische in Danmarks Aquarium“ arrangiert. Trotz sechs in Serie korrekt prophezeiter Siege sowie Niederlagen der deutschen WM-Elf wertete Kofoed die Trefferquote der Oberhausener Konkurrenz-Krake als „reines Glück wie beim Werfen einer Münze“. Auch dass Paul möglicherweise auf die ihm zur Entscheidung vorgelegten Nationalflaggen instinktiv richtig reagiert haben könnte, wollte der seriöse Däne nicht geltenlassen: „Der Tintenfisch oder octopus vulgaris ist komplett farbenblind.“

Für einen Vergleichstest setzte Kofoed den im eigenen Aquarium herumschwimmenden Goldfisch Gilbert ein: „Der gilt bei uns als der dümmste Fisch.“ Gilbert hat bereits durch Schwimmen in mit den jeweiligen Flaggen bestückten Bassins die Halbfinalsieger Spanien und Niederlande „korrekt vorhergesagt“. Nun setzt der Goldfisch für das Finale auf Spanien.

+++ Die Entscheidung im Liveticker zum Nachlesen +++

So berichtete der Nachrichtensender N24 live über die Entscheidung von Kraken-Orakel Paul