Attentat in Toulouse

Mutmaßlicher Attentäter wollte noch mehr Soldaten erschießen

Mohamed Merah habe zudem zwei Polizisten töten wollen. Er rühme sich vor den Ermittlern, "Frankreich auf die Knie gezwungen" zu haben.

Toulouse/Paris. Der mutmaßliche Serientäter von Toulouse hat zugegeben, dass er am Mittwoch einen Anschlag gegen einen weiteren Soldaten geplant habe. Zudem habe Mohamed Merah zwei Polizisten erschießen wollen, sagte der zuständige leitende Staatsanwalt François Molins am Mittwoch in Toulouse. Er habe im Gespräch mit Polizisten bedauert, bisher nicht noch mehr Menschen getötet zu haben. Der Mann hat drei Soldaten sowie vor einer jüdischen Schule einen Lehrer sowie drei Kinder erschossen. Merah habe sich gerühmt, Frankreich auf die Knie gezwungen zu haben, sagte Molins. Die Elitepolizisten hätten am Mittwoch mehrere Male vergeblich versucht, in Merahs Wohnung einzudringen, in der er sich verschanzt hat. Jedesmal seien die Polizisten mit Schüssen aus schweren Waffen zurückgedrängt worden. Ein Beamter habe einen Knieschuss erlitten, einen zweiten Polizisten habe die schusssichere Weste vor schweren Verletzungen bewahrt.

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Der französische Innenminister Claude Guéant hat unterdessen Berichte über die Festnahme des mutmaßlichen Serienmörders von Toulouse dementiert. Das berichtete die Nachrichtenagentur AFP. Zuvor hatten der TV-Nachrichtensender BFM und das Magazin „Le Point“ übereinstimmend berichtet, der Mann sei überwältigt worden. Der 24-jährige hatte der Polizei nach Angaben von Guéant seine Aufgabe am Nachmittag angekündigt.

Dem Verdächtigen Mohamed Merah wird vorgeworfen, für den Anschlag auf eine jüdische Schule am Montag in Toulouse verantwortlich zu sein. Dabei wurden drei Kinder und ein Lehrer erschossen. Zudem soll er in diesem Monat drei Soldaten umgebracht haben. Merah gab nach Angaben der Ermittler an, mit der Terrororganisation Al-Qaida in Verbindung zu stehen. Sein Motiv seien die Auslandseinsätze der französischen Armee und Rache für den Tod palästinensischer Kinder. Er sei zudem als „Mudschahedin“ in Afghanistan und Pakistan gewesen. Am Mittwochmorgen hatte sich der Mann in Toulouse in einem Haus verschanzt und sich mit der Polizei eine Schießerei geliefert. Dabei wurden mindestens zwei Polizisten verletzt.

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In einem Wagen des festgenommenen Bruders sei Sprengstoff gefunden worden, berichtete BFM-TV unter Hinweis auf Ermittlerkreise. Auch Cedric Delage, der Regionalsekretär einer Polizeigewerkschaft, hatte zuvor erklärt, der Verdächtige habe zugesagt, sich bis 14.30 Uhr zu ergeben. Wenn das nicht geschehe, werde die Polizei mit Gewalt in das Haus eindringen und versuchen, den Mann festzunehmen. Hunderte Polizisten haben das Haus umstellt. Sie verhandeln seit Stunden mit dem mutmaßlichen Täter.

Der Verdächtige habe über ein Waffen-Arsenal verfügt, unter anderem in einem nahe der Wohnung geparken Auto, erklärte Guéant. „Er hat aber weitere Waffen, darunter eine Kalaschnikow, eine Uzi und diverse Feuerwaffen.“ Er sei der Täter, der drei Soldaten sowie einen Lehrer und drei Kinder einer jüdischen Schule erschossen habe, betonte Guéant: „Dieser Mann hat bereits mehrere Straftaten auf französischem Boden begangen, einige mit Gewalt (...) Er spricht viel, er ist dabei, seinen gesamten kriminellen Weg zu erzählen.“

Ein Bruder Merahs sympathisiere mit den extremistischen Salafisten, sagte der Innenminister. Der Minister betonte jedoch, dass der Verdächtige bei seinen Taten allein gehandelt habe. Die Geheimdienste hätten ihn schon seit längerem beobachtet. Guéant bestätigte, dass die Ermittler ihm kurz nach dem Anschlag auf eine jüdische Schule am Montag über das Internet auf die Spur kamen. Das erste Opfer habe er über eine Internet-Verkaufs-Plattform kontaktiert, wo es sein Motorrad verkaufen wollte. Per Mail wurde ein Treffpunkt vereinbart. Die von Polizisten identifizierte IP-Adresse konnte den Angaben einem Computer zugeordnet werden, der der Mutter des Verdächtigen gehört. „Das hat bei den Ermittlungen die Wende eingeleitet“, erläuterte der Minister. In ersten Berichten war vom Computer des Bruders die Rede, dem Guéant ebenfalls radikale Überzeugungen bescheinigte. Die Mutter habe seit längerem wegen ihrer Nähe zu radikalen Salafisten unter Beobachtung der Ermittler gestanden.

Die Vorsitzende der rechtsextremen Front National, Marine Le Pen, betonte in einem Radio-Interview, dass „das fundamentalistische Risiko in unserem Land“ unterschätzt worden sei. Der Rektor der Pariser Moschee, Dalil Boubakeur, warnte nach Angaben der Nachrichtenagentur AFP davor, dass man die muslimische Religion und extremistische Fanatiker wie den mutmaßlichen Serientäter von Toulouse nicht in einen Topf werfen dürfe. Präsident Sarkozy, der nach Angaben seines Ministers die Nacht über auf dem Laufenden gehalten wurde, traf sich am Vormittag mit Vertretern der Glaubensgemeinschaften. „Frankreich kann nur in der nationalen Einheit groß sein“, betonte er in seinem Amtssitz. Der Terrorismus werde die Gesellschaft nicht zerbrechen.

Nach Angaben der zuständigen afghanischen Behörde ist Mohamed Merah vor mehreren Jahren aus dem Gefängnis in der Taliban-Hochburg Kandahar geflohen. Seinen Namen gab der Direktor des Gefängnisses in der südafghanischen Provinzhauptstadt, Ghulam Faruk, mit Mohammad Merah an. „Wir haben Dokumente, die zeigen, dass Merah 2007 in Kandahars Zentralgefängnis unter unserer Obhut war“, sagte Faruk am Mittwoch. Dem Häftling sei danach die Flucht gelungen. Es sei unklar, ob er Teil des Massenausbruchs Mitte 2008 gewesen sei. Faruk sagte, die Dokumente der Gefängnisverwaltung würden noch untersucht. Mitte 2008 hatte ein Taliban-Kommando das Gefängnis gestürmt und rund 1000 Häftlinge befreit, darunter zahlreiche Aufständische. Im April vergangenen Jahres waren bei einem weiteren spektakulären Massenausbruch Hunderte Aufständische durch einen Tunnel aus demselben Gefängnis entkommen.

Mit Material von dpa, rtr und dapd