Komikerlegende

Die Geheimdienstakte Charlie Chaplin

Freigegebene Dokumente der Londoner Spionageabwehr beweisen, wie die USA den Komiker als Kommunisten verunglimpfen wollten.

London/Hamburg. Im Leben von Charles Spencer Chaplin jr., allgemein bekannt als Charlie Chaplin (1889-1977), waren Tragik und Komik mitunter eng verbunden. Am Freitag sind bisher geheim gehaltene Akten des britischen Secret Service vom Nationalarchiv veröffentlicht worden, aus denen hervorgeht, dass der Geburtsort des weltberühmten Komikers in Wahrheit unbekannt ist: keine Geburtsurkunde, kein Eintrag im Taufregister, kein standesamtliches Dokument. Dabei ist in allen biografischen Darstellungen bisher nachzulesen, Chaplin sei am 16. April 1889 in London geboren worden, allerdings wahlweise im Stadtteil Whitechapel oder in Walworth im Süden der britischen Metropole. In den Geheimdienstberichten steht, dass es so scheine, dass er entweder "nicht in diesem Land geboren wurde oder sein Name bei der Geburt ein anderer war".

+++Mythos Charlie Chaplin: War er wirklich Londoner?+++

Dass der Mann mit der viel zu großen Hose, der engen Jacke und der Melone auf dem Kopf die Schlapphüte gleich mehrerer Länder beschäftigt hat, gehört zur realen Satire einer Zeit, in der es in Wahrheit keineswegs lustig zugegangen ist. Die Akten belegen eine äußerst dubiose geheimdienstliche Zusammenarbeit zwischen britischen und amerikanischen Behörden, die sich nur vor dem Hintergrund jener Hysterie erklären lässt, die im Kalten Krieg auch den Westen erfasst hatte.

Chaplin stammte zwar aus dem Vereinigten Königreich, hatte aber in den Stummfilmstudios von Hollywood Karriere gemacht. Er war populär, unverwechselbar, aber nicht unumstritten. Und er bewies Haltung, zum Beispiel mit seiner grandiosen Hitler-Parodie "Der große Diktator", die 1940 Premiere hatte. Zunächst hatte die US-Zensurbehörde den Film gar nicht freigeben wollen, zumal Teile der amerikanischen Gesellschaft Deutschland damals noch als Bollwerk im Kampf gegen den Kommunismus betrachteten.

Problematisch wurde die Situation für Chaplin, als er sich im Oktober 1947 vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe erklären musste. Wie viele linke und liberale Intellektuelle war auch der Mann mit der Melone nun ins Fadenkreuz der Kommunistenjäger um den Senator Joseph McCarthy (1908-1957) geraten. McCarthy hatte offenbar keinen Sinn für Chaplins Humor, er bezeichnete ihn als "einen von Hollywoods Salonbolschewiken". Sein eigentlicher Gegner war jedoch der damalige FBI-Chef J. Edgar Hoover (1895-1972), der seinen Dienst dazu instrumentalisierte, Belastungsmaterial gegen Chaplin zu sammeln, um damit eine Handhabe zur Ausweisung des britischen Staatsbürgers zu bekommen. In diesen Zusammenhang gehören auch die Geheimdienstpapiere. Im direkten Auftrag des FBI hatte das britische MI5 nicht nur versucht, den genauen Geburtsort des Schauspielers zu recherchieren, sondern auch Belege für seine angebliche Verbindung zu kommunistischen Kreisen zu finden. Die Agenten gingen auch dem amerikanischen Verdacht nach, Chaplin habe in Wahrheit Israel Thornstein geheißen und sei womöglich in Frankreich geboren worden.

Oder gar in Russland, als Kind einer jüdischen Familie, die vor den Pogromen nach England geflohen sei. Bemerkenswert ist, dass schon die Nazis Chaplin als Juden bezeichnet hatten. Aber alles Fehlanzeige, zu den wenigen mageren Ergebnissen gehörte ein Reisepass, den sich Chaplin 1920 hatte ausstellen lassen. Mit einem Anflug von britischem Humor schrieb der Abwehrchef des MI5 im Abschlussbericht an die Amerikaner: "Es ist merkwürdig, dass wir keinen Eintrag über Chaplins Geburt finden können, jedoch kann ich mir nur schwer vorstellen, dass dies für unsere Sicherheit signifikant ist."

Hoover dürfte mit dem Ertrag seiner britischen Kollegen höchst unzufrieden gewesen sein, denn eigentlich hatte er auf Material gehofft, das Chaplin für die USA als Sicherheitsrisiko hätte erscheinen lassen. Aber letztlich bedurfte es keines Beweises: Als Hoover erfuhr, dass sich der beliebte Filmkomiker im September 1952 zu einem Kurzbesuch in England aufhielt, leitete er gegen ihn ein Verfahren wegen subversiver Umtriebe ein und verweigerte ihm die Rückkehr in die USA. Mit einem ähnlichen Trick versuchte die DDR 24 Jahre später, den kritischen Liedermacher Wolf Biermann, 65, loszuwerden. Für die SED ging das bekanntlich nach hinten los.

Und auch das FBI erreichte sein Ziel keineswegs: Chaplin ließ sich zwar in Europa nieder, blieb aber auch in den USA populär. Dass er tragischen Erlebnissen komische Seiten abzugewinnen vermochte, bewies Chaplin mit seinem 1957 in England produzierten Film "A King in New York", seiner grandiosen Abrechnung mit dem Amerika der McCarthy-Ära, von der auch die Geheimdienstakten zeugen.

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