Basketball-Bundesliga

Ein Fan im Kampfgericht der Hamburg Towers

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Markus Steinbrück
Karsten Rechten (Zweiter von links) am Kampfrichtertisch in der Wilhelmsburger Arena. Links neben ihm Hans-Jürgen Nilson, ein Kommissar der Basketball-Bundesliga (BBL).

Karsten Rechten (Zweiter von links) am Kampfrichtertisch in der Wilhelmsburger Arena. Links neben ihm Hans-Jürgen Nilson, ein Kommissar der Basketball-Bundesliga (BBL).

Foto: Privat

Karsten Rechten aus Lüneburg ist Schiedsrichter und Anschreiber-Assistent. Am Montag beim Play-off-Heimspiel ist er wieder ganz nah dran.

Wilhelmsburg/Lüneburg.  Ein bisschen aufgeregt ist Karsten Rechten schon. „Positiv aufgeregt“, wie er selbst sagt. „Ich freu mich einfach drauf und habe Spaß daran teilzuhaben.“ Die Rede ist von Basketball, die Rede ist von den Hamburg Towers. Wenn die Türme aus Wilhelmsburg in diesen Tagen zum ersten Mal in ihrer Vereinsgeschichte in den Play-offs der Basketball-Bundesliga stehen, ist der Mann aus Lüneburg ganz nah dran.

Noch nicht am Donnerstag (82:59-Sieg für Alba), auch noch nicht am Sonnabend, wenn in Berlin das erste und zweite Spiel der Best-of-five-Serie im Viertelfinale ausgetragen werden, da fiebert er daheim in Lüneburg mit. Aber am Pfingstmontag, 24. Mai, um 18 Uhr ist er einer von Wenigen, die in der edel-optics.de-Arena live beim dritten Spiel dabei sein dürfen. Gegner ist niemand Geringerer als der neunfache deutsche Meister, zehnfache Pokalsieger und Titelverteidiger Alba Berlin.

Anschreiber und Zeitnehmer seit ersten Towers-Tagen 2014

Rechten gehört seit den ersten Towers-Tagen zum Kampfgericht, seit 2014 ist er Anschreiber und Zeitnehmer. Aufgrund seiner großen Erfahrung bekam er später die Funktion des Anschreiber-Assistenten. Das ist jemand, der an Spieltagen der erste Ansprechpartner für den Kommissar des Ligaverbandes ist und unterstützende Tätigkeiten wahrnimmt. Was macht den Reiz der Aufgabe aus? „Basketball ist meine Passion. Natürlich muss man arbeiten als Kampfrichter. Aber dafür sitzt man in der ersten Reihe, bekommt alles hautnah mit und sogar eine kleine Aufwandsentschädigung“, erzählt der 50-Jährige, der als Leiter des Mitarbeitercenters der Sparkasse Harburg-Buxtehude seine Kolleginnen und Kollegen in Finanzangelegenheiten berät. Die Sparkasse ist auch Sponsor der Hamburg Towers, veranstaltet zum Beispiel Basketball-Camps an Schulen.

Ohrenbetäubender Lärm beim ProA-Finale 2019 gegen Nürnberg

„Mein Highlight war das Play-off-Finale 2019 gegen Nürnberg um die ProA-Meisterschaft“, erzählt Karsten Rechten. Schon bei normalen Spielen herrscht in der Wilhelmsburger Arena prächtige Stimmung. Als noch Zuschauer erlaubt waren, war die Halle mehr als 20 Mal in Folge mit jeweils 3400 Fans ausverkauft. Und dann dieser unglaubliche Show-down. „Es wurde immer lauter. Als unser Youngster Justus Hollatz drei Sekunden vor Schluss den Ball zum Sieg versenkt hat, hat sich die Lautstärke ins Unermessliche gesteigert. Am Kampfrichtertisch konnten wir unser eigenes Wort nicht verstehen, mussten schreien. Hinterher war ich heiser und hatte noch lange ein Piepen im Ohr.“

Solche Emotionswellen werden selbst bei einem Heimsieg gegen Alba Berlin diesmal nicht von den Rängen herunterschwappen. Coronabedingt dürfen Zuschauer schon die ganze Saison nicht in der Halle sein, am Montag eventuell erstmals einige wenige. „Die Situation ist extrem anders. Ein komisches Gefühl, irgendwie unwirklich. Hat man früher sein eigenes Wort manchmal nicht verstanden, habe ich jetzt das Gefühl, jeder in der leeren Halle könnte uns verstehen – selbst in normaler Lautstärke“, sagt Karsten Rechten.

In der Jugend spielte er Fußball beim MTV Treubund Lüneburg

Der gebürtige Lüneburger spielte familienbedingt zunächst Fußball beim MTV Treubund. Vater Fritz Rechten war Sportlehrer und eine Institution als Lehrwart im Fußballkreis Lüneburg. Über einen Schulkameraden fand Karsten im Alter von 14 Jahren den Weg zum Basketball. Ein Jahr lang betrieb er beide Sportarten parallel, dann hört er mit Fußball auf. Mehrere Jahre spielte er für die Lüneburg 66ers in der Hamburger Oberliga Basketball, heutzutage hält er sich in einer Hobbymannschaft fit.

Zum Schiedsrichterwesen fand der junge Rechten mit knapp 20 Jahren im Jahr 1990. Als er dann Anfang der 2000er gerade seine B-Lizenz erwarb, wurde das System umgestellt und er war quasi der Einzige, der in der Regionalliga mit einer C-Lizenz pfiff. Später wurde Karsten Rechten aufgrund seiner Erfahrung aus vielen Jahren als Referee in der 1. und 2. Regionalliga zum Schiedsrichter-Ansetzer dieser Ebene, zum Ausbilder und Schiedsrichtercoach im Hamburger Basketball-Verband.

Nowitzki-Länderspiele, Pokal-Final-Four und U17-Weltmeisterschaft

„Über diese Schiene bin ich schließlich in die Kampfrichterei reingerutscht“, erzählt er. Als der Hamburger Verband 2005 für ein Länderspiel Deutschlands gegen Bosnien-Herzegowina in der Arena im Volkspark, seinerzeit Color Line Arena, ein Kampfgericht zusammenstellte und den Lüneburger fragte, musste er nicht lange überlegen. Bei vier Länderspielen bis 2018, zum Teil mit Dirk Nowitzki auf der Platte, war er Anschreiber. Übrigens wird auch heute noch mit Zettel und Stift im wahrsten Wortsinn „angeschrieben“. Weitere hochkarätige Einsätze folgten 2007 und 2008 beim Pokal-Final-Four der Männer und als Organisator des Kampfgerichts bei der Weltmeisterschaft der U17-Junioren 2010, jeweils in Hamburg.

In Wilhelmsburg wird seit 2014 professionell Basketball gespielt. Beim Aufbau der Strukturen erinnerte sich eine Bekannte aus WM-Zeiten an den sympathischen Lüneburger. „Zunächst bin ich nur als Aushilfe eingesprungen. Seit der Saison 2017/2018 ist es ein Fulltime-Job und ich bin bei jedem Towers-Heimspiel dabei“, erzählt der Ledige.

Eine Entscheidung, die er nicht bereut hat, obwohl sein Aufwand an Spieltagen zu normalen Zeiten mit Aufbau, Organisation und Abbau nicht zu unterschätzen ist. „Oft bin ich drei Stunden vor Spielbeginn in der Halle und komme anderthalb bis zwei Stunden nach Schlusspfiff raus.“

„Willst Du den FC Bayern sehen, musst Du zu den Towers gehen“

Und wenn seine fußballaffinen Kolleginnen und Kollegen bei der Sparkasse Harburg-Buxtehude an einem Montagmorgen von Erfolgen norddeutscher Zweitligisten schwärmen, lehnt sich Karsten Rechten genüsslich zurück und antwortet ihnen mit einem Schmunzeln: „Willst Du den FC Bayern sehen, musst Du zu den Towers gehen.“ Auch im Basketball sind die Bayern nämlich eine Größe, gewannen jüngst den Pokal und sind fünffacher deutscher Meister.

Die Chancen, dass sich die Hamburg Towers im Viertelfinale gegen die Albatrosse durchsetzen, schätzt Karsten Rechten nicht als unmöglich ein. Auf dem Papier ist es das Duell des Hauptrundenzweiten Berlin gegen den Siebten Hamburg. Auf dem Papier sind die Towers auch der einzige Verein, der Alba in dieser Saison zweimal besiegte. „Natürlich sind wir der Underdog und haben nur eine Chance, wenn alle fit sind und auf ihrem höchsten Level spielen“, sagt der Fan im Kampfgericht. „Ich sage immer: Hoffen dürfen wir alles, erwarten dürfen wir nichts.“

In der Hauptrunde gewann Hamburg beide Spiele gegen Berlin

Sollte die Best-of-five-Serie nicht nach dem dritten Spiel entschieden sein, geht es am Mittwoch, 26. Mai, um 20.30 Uhr mit Spiel vier in Hamburg und gegebenenfalls mit einem fünften und entscheidenden Spiel am Freitag, 28. Mai, um 19 Uhr in der Mercedes-Benz-Arena in Berlin weiter. Der Sieger dieses Viertelfinals trifft im Halbfinale auf den Sieger der Serie EWE Baskets Oldenburg gegen Ratiopharm Ulm.