Hamburg Towers

Mike Taylor: "Das war für mich ein Weckruf"

Towers-Trainer Mike Taylor in Budapest.

Towers-Trainer Mike Taylor in Budapest.

Foto: Alexander Berthold

Der Trainer der Hamburg Towers spricht im Interview über Stress, die Ziele für die Bundesliga und seinen schönsten WM-Moment.

Budapest. Für einen Moment wurde Mike Taylor vom Trainer zum Touristen. Immer wieder ließ der 47-Jährige, der mit den Hamburg Towers am Freitag das Trainingslager in Budapest beendete, am Fuße der ungarischen Nationalgalerie den Blick über die Donau, das Parlamentsgebäude und die Innenstadt schweifen. „Beeindruckend“, platzte es aus dem US-Amerikaner heraus. Dieses Wort passt auch auf die vergangenen Monate, in denen Taylor mit den Towers in die Basketball-Bundesliga (BBL) aufstieg und anschließend als polnischer Nationaltrainer bei der WM in China starker Achter wurde. „Ist das Leben nicht schön?“, fragte Taylor.

Herr Taylor, jetzt, wo Sie die Frage schon selbst stellen, freuen wir uns auch auf Ihre Antwort.

Mike Taylor: Ja, ich liebe mein Leben. Der Basketball hat mich dazu gebracht, so schöne Städte wie Budapest kennenzulernen. Es ist ein Privileg, das ich nicht als selbstverständlich ansehe. Ich bin glücklich, dass ich zwei wundervolle Jobs habe, mit den Towers und dem polnischen Nationalteam zwei tolle Mannschaften betreuen darf, zu Hause eine wundervolle Familie vorfinde, die im Oktober aus den USA zu mir nach Hamburg zieht. Mehr geht nicht.

Sie sind im Dauer-Basketball-Modus. Bundesliga-Aufstieg, WM-Vorbereitung, WM in China spielen, kurz nach Hamburg zurück, ab ins Trainingslager nach Ungarn. Klingt, als wären Sie ein Burn-out-Kandidat.

Mike Taylor: Wenn man tut, was man liebt, stellt viel Arbeit keine Belastung dar. Bei mir löst Basketball Glücksgefühle aus. Natürlich sind die vielen Reisen auch anstrengend gewesen, aber wenn ich auf die vergangenen Wochen und Monate zurückblicke, war es diese Anstrengungen wert.

Hat auch Ihre Belastbarkeit Grenzen?

Mike Taylor: Ich war mal an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr konnte. Das war in der Saison 2002/2003, als ich in England bei den Essex Leopards Trainer war. Unser damaliger Besitzer hat uns nach einem Sieg zum Essen bei einem sehr guten Italiener eingeladen. Alle waren happy, in Partylaune, nur ich war zu kaputt, um zu feiern. Das war für mich ein Weckruf. Meine Work-Life-Balance war nicht vorhanden. Von diesem Moment an wusste ich, dass ich etwas ändern musste.

Was hat sich seitdem bei Ihnen geändert?

Mike Taylor: Ich achte deutlich mehr auf mich als früher. Zu Beginn des Trainingslagers war ich etwas erkältet. Das passiert mir, wenn die Spannung abfällt, wenn ich zur Ruhe komme. Wenn ich im Tunnel bin bei einem Turnier oder in der Liga, bin ich nicht anfällig. Ich mache immer mal wieder tagsüber ein Schläfchen, achte auf meine Ernährung, trinke viel Wasser und mache Sport. Ich habe gelernt, mir mein Alltagstempo einzuteilen.

Wie lange wollen Sie noch auf zwei Basketball-Hochzeiten in Polen und Hamburg tanzen? Leidet auf Dauer nicht einer der Jobs?

Mike Taylor: Schauen Sie sich die Ergebnisse an. Ich liebe es zu coachen, jeden Tag in der Halle zu stehen. Deshalb könnte ich noch ewig so weitermachen. Ich kann beides unter einen Hut bringen, weil ich in Hamburg und in Polen ein fantastisches Team um mich herum habe. Mit Polen haben wir die Chance, uns für die Olympischen Spiele 2020 zu qualifizieren. In Hamburg freue ich mich, die Towers in der Bundesliga zu etablieren. Ich habe richtig Bock auf das, was vor uns liegt.

Welche Momente fallen Ihnen ein, wenn Sie auf die vergangenen Monate zurückblicken?

Mike Taylor: Mein Traum war es immer, einmal bei einem großen Turnier gegen mein Heimatland USA in einem bedeutenden Spiel anzutreten. Das ist bei der WM in China in der Begegnung um Platz sieben in Erfüllung gegangen. Sie glauben nicht, was es mir bedeutet hat, als nach dem Spiel US-Nationaltrainer Gregg Popovic, der die Ära bei den San Antonio Spurs in der NBA geprägt hat (Popovic/70 ist seit 1996 Trainer der Spurs, die Red.) und eine Legende im Basketball ist, zu mir gesagt hat: „Mike, du hast einen tollen Job mit deinem Team gemacht und mich auf der Coachingebene richtig gefordert.“ Bei diesen Worten habe ich Gänsehaut bekommen.

Welche Resonanz gab es aus Polen?

Mike Taylor: Alle waren glücklich und dankbar für diesen historischen Erfolg. Alle Spieler haben von einem Sponsor ein schönes Auto geschenkt bekommen, auch wir Trainer haben einen schönen Bonus erhalten.

Was haben Sie bekommen?

Mike Taylor: Das behalte ich für mich. (lacht)

Wie lange können Sie Erfolge genießen?

Mike Taylor: Der Alltag hat einen brutal schnell wieder in seinen Klauen, aber er treibt einen auch an, weitere Erfolge feiern zu wollen. Triumphe gemeinsam als Team zu erleben ist unbezahlbar. Das will man so oft es nur geht erleben. So etwas verbindet eine Mannschaft fürs ganze Leben.

Haben Sie Angst, dass Misserfolge das, was Sie erreicht haben, in den Schatten stellen?

Mike Taylor: Überhaupt nicht. Mir ist klar, dass man Erfolge immer wieder bestätigen muss. Und das ist auch gut so.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Ihr Team auch mal mehrere Spiele am Stück verliert, ist angesichts der Qualität in der Bundesliga nicht ausgeschlossen.

Mike Taylor: Das kann passieren, aber so negativ gehen wir nicht an die Sache heran. Ich weigere mich zu sagen, dass es nur darum geht, irgendwie zehn Siege zu holen und den Klassenerhalt perfekt zu machen. Darum geht es mir nicht. Wir müssen uns von Ergebnissen frei machen.

Auch Basketball ist ein Ergebnissport.

Mike Taylor: Sie haben recht, trotzdem: Für mich steht über allem die Entwicklung unserer Spieler. Wenn wir am Ende der Saison sagen können, dass ein Justus Hollatz, ein Marvin Ogunsipe, ein Kevin Yebo, ein Prince Ibeh und all die anderen Jungs besser wurden und einen Schritt in ihrer Karriere gemacht haben, folgen die guten Ergebnisse fast automatisch.

Das klingt romantisch. Glauben Sie, dass in Hamburg mit der ohnehin gestiegenen Erwartungshaltung nach dem Aufstieg genügend Geduld vorhanden ist?

Mike Taylor: Das liegt in erster Linie an uns, und ich glaube, dass wir diese Geduld im Club haben werden. Natürlich wäre ein guter Start toll, aber ich sehe die Saison als einen stetigen Prozess. Es kann sein, dass wir unser Potenzial erst im November oder Dezember ausschöpfen, aber wichtig ist erst mal, dass wir im Kollektiv sukzessive besser werden. An jedem Tag, in jedem Training, in jedem Spiel.

Sie haben durch den Job in Polen einen Teil der Vorbereitung verpasst, waren jetzt vier Tage im Trainingslager in Budapest. Welchen Eindruck macht Ihr Team auf Sie?

Mike Taylor: Wir haben eine unglaublich talentierte Gruppe, die sportlich, aber auch zwischenmenschlich toll zusammenarbeitet. Wenn ich sehe, wie die Spieler der Vorsaison mit den Neuzugängen umgehen, wie sie die Jungs integrieren, geht mir das Herz auf. Wie schnell wir als Team zusammengewachsen sind, ist sensationell. In meiner Abwesenheit haben meine Co-Trainer Austen Rowland, Benka Barloschky und Melvyn Wiredu einen überragenden Job gemacht. Alle meine Jungs sind fit, wissbegierig, einfach zu coachen und wissen, dass wir noch Kinderkrankheiten in unserem Spiel korrigieren müssen.

Welche sind das?

Mike Taylor: In Budapest haben wir vor allem an unserem Defensivverhalten gearbeitet. Wie wir gegen den Ball arbeiten wollen, wie wir positioniert sein müssen. Gerade im Abwehrverhalten müssen wir robuster und konzentriert sein. Sonst wird das in der Bundesliga eiskalt bestraft. So etwas hat auch mit Erfahrung zu tun. Aber auch was das Offensivspiel angeht, haben wir viel gemacht. Wir wollen vor allem mit Variabilität und Unberechenbarkeit in der Bundesliga auftreten.

Im Trainingslager fiel auf, wie detailversessen Sie bei Spielsystemen sind. Alle Ihrer Taktiken haben Namen wie „Argentina“, „Denver“ oder Buchstaben und Zahlenkombinationen. Sind Sie ein Taktik-Nerd?

Mike Taylor: Für den Außenstehenden klingt es kompliziert und verwirrend, aber die Systeme sind bei vielen Clubs ähnlich, nur dass die Spieler die Terminologie lernen müssen. Das variiert. Für mich ist wichtig, dass, wenn der Gegner fünf Angriffsvarianten von uns neutralisieren kann, wir genauso viele Alternativen in petto haben. Die Jungs sollen immer Antworten auf Widerstände parat haben.

Sonnabend steht bei den Skyliners Frankfurt das letzte Testspiel vor dem Saisonstart an. Wie lauten Ihre Ziele für die Bundesliga?

Mike Taylor: Wir haben gesagt, dass wir nicht gegen etwas spielen, sondern um etwas. Deshalb haben wir vermieden zu kommunizieren, dass wir gegen den Abstieg spielen wollen. Das hat etwas mit Psychologie zu tun. Wenn man etwas vermeiden will, wirkt so etwas eher beschwerend und blockiert den Kopf. Wir wollen auf etwas Positives hinarbeiten. Wie eingangs gesagt: Wir wollen uns in unserer Premieren-Saison weiterentwickeln und jeden Gegner vor ein Rätsel stellen. Was am Ende dabei rauskommt? Das weiß nur der liebe Basketballgott.

Sie haben sich mit Ulm nach dem Aufstieg 2006 in der Basketball-Bundesliga etabliert, später sogar in den Play-offs gespielt. Ist Geschichte wiederholbar?

Mike Taylor: Das war damals eine andere Ära. Die Lücke zwischen den Topteams und dem Rest der Liga ist deutlich größer geworden. Schauen Sie sich die wirtschaftlichen Voraussetzungen an. Meister Bayern München hat einen Etat (25 Millionen Euro, die Red.), den manche Fußball-Zweitligaclubs nicht haben. Wir sollten uns nicht an anderen Aufsteigern orientieren, sondern unsere eigene Geschichte schreiben und Hamburg als Basketball-Standort etablieren.