Basketball

Hamburg Towers: „Meisterschaft ist besser als guter Sex"

Sportchef Marvin Willoughby (41) reckt die Meistertrophäe in die Höhe, die Towers-Kapitän Achmadschah Zazai (rechts daneben) überreicht worden war.

Sportchef Marvin Willoughby (41) reckt die Meistertrophäe in die Höhe, die Towers-Kapitän Achmadschah Zazai (rechts daneben) überreicht worden war.

Foto: Valeria Witters

Basketballer sind nach dem 99:94-Sieg gegen Mitaufsteiger Nürnberg Meister der 2. Bundesliga und feierten bis in den frühen Morgen.

Hamburg.  Am Sonntag gegen 6 Uhr morgens ging in den Räumen der Astra-Brauerei auf St. Pauli die längste Saison in der bisher fünfjährigen Historie der Hamburg Towers fröhlich zu Ende. Zu feiern gab es nach 41 Spielen, 26 Siegen und 15 Niederlagen, nicht nur den Aufstieg in die Bundesliga, der schon in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch in Chemnitz in Teilen der Mannschaft begossen worden war, jetzt kam die Meisterschaft in der 2. Bundesliga ProA hinzu.

Mit einem 99:94 (28:29, 21:15, 28:24, 22:26)-Erfolg gegen Mitaufsteiger Nürnberg Falcons machten die Wilhelmsburger die 87:90-Hinspielniederlage vom Donnerstagabend wett – und gewannen ihren ersten Titel. Konfetti regnete dazu vom Hallendach in der mit 3400 Zuschauern zum 18. Mal in dieser Serie ausverkauften edel-optics.de-Arena.

Ein Hamburger Jung und die Towers

Und weil die Geschichte der Towers bereits märchenhafte Züge trug, musste mit dem gerade 18 Jahre alt gewordenen Justus Hollatz selbstverständlich ein Hamburger Jung den Schlusspunkt unter diese Spielzeit setzen. Sechs Sekunden waren zu spielen, die Towers brauchten beim Stand von 96:94 in der Addition der beiden Finalspiele mindestens noch zwei Zähler zur Meisterschaft, als der Spielmacher den letzten Wurf nahm und aus sieben Metern für drei Punkte zum 99:94 einnetzte. Der Gegenangriff der Nürnberger blieb unter dem Jubel des Publikums in der Towers-Defensive stecken.

„Jeder in der Mannschaft wollte, dass Justus diesen Ball wirft. Ob er trifft oder nicht, ist eine andere Sache, aber wir wollten, dass es sein Wurf wird“, sagte Towers-Sportchef Marvin Willoughby, nachdem er sich mit stockender Stimme beim Publikum, den Sponsoren, dem Team und seinen 15 Geschäftsstellen-Mitarbeitern für die immerwährende Unterstützung bedankt hatte.

Das ist Hollywood

Später, als er wieder lachen konnte, schüttelte er bloß den Kopf: „Wir steigen auf, werden in eigener Halle Meister, obwohl wir nur Heimrecht hatten, weil den Nürnbergern am Wochenende ihre Arena nicht zur Verfügung stand, und dann macht unser Jüngster auch noch den entscheidenden Korb. Das ist Hollywood. Allerdings wäre dieses Drehbuch nie verfilmt worden, weil es einfach zu kitschig klang. Jetzt ist es Realität. Unglaublich.“

Jene, die etwas nüchterner auf die Ereignisse blickten, dachten schon an die nächsten Jahre. „Justus’ Korb wird noch ganz schön teuer für die Towers werden“, meinte Marc Suhr. Der ehemalige Center der Nationalmannschaft und der Bundesligamannschaft der BC Johanneum Tigers (1999 bis 2001) kennt das Basketball-Geschäft, in dem sein hoch talentierter Sohn Leon Kratzer (22) gerade seine ersten Profiverträge in Bamberg und Frankfurt unterschrieben hat. „Einen wie Hollatz wünscht sich jeder Club“, sagte Suhr.

Besser als guter Sex

In der nächsten Saison dürfte der U-18-Nationalspieler auf jeden Fall in Hamburg bleiben, weil er im Mai 2020 sein Abitur an der Eliteschule des Sports am Alten Teichweg machen will. Danach könnte ihm die deutsche Basketball-Welt – und nicht nur die – offenstehen. „Ich war relativ ruhig vor dem Wurf“, erzählte Hollatz. „Davon träumst du schließlich, wenn du klein bist. Und dann ist er einfach reingegangen. Ich kann es nicht in Worte fassen, wie glücklich ich mich in in diesem Moment gefühlt habe.“ Kollege Malik Müller konnte dagegen seine Emotionen genau beschreiben: „Diese Meisterschaft ist besser als gutes Essen, besser als guter Sex. Es ist das geilste Gefühl der Welt. Ich bin extrem glücklich, dass ich Justus in meinem Team habe.“

Towers-Hauptgesellschafter und Sponsor Tomislav Karajica hatte bei all dem Jubel und Trubel den Blick für die anstehenden Aufgaben nicht aus den Augen verloren: „Wir wissen, was jetzt auf uns zukommt. Der Erfolg hat seinen Preis. Wir werden aber alles dafür tun, dass wir ihn auch bezahlen können.“ Sollen den Verein in der nächsten Saison keine Abstiegssorgen plagen, müsse man beim Etat schon eine Zielgröße um die fünf Millionen Euro ansteuern, was fast eine Verdoppelung des bisherigen Budgets von 2,7 Millionen bedeute. Die laufenden Gespräche mit alten und potenziellen neuen Sponsoren stimmten ihn aber optimistisch, sagte Karajica.

Glückwunsche von Tschentscher und Co.

Zur Feier in die Astra-Brauerei hatten die Towers auch die lokale Politik als Dank für jahrelange Unterstützung eingeladen. Während Michael Osterburg, Vorsitzender der Grünen-Fraktion in der Bezirksversammlung Mitte, die auch Wilhelmsburg vertritt, in der Halle und im VIP-Raum seine Glückwünsche überbrachte, konnten Verein, Team und Trainer in der Nacht auch noch SPD-Prominenz begrüßen: Bürgermeister Peter Tschen­tscher und Ehefrau, Innen- und Sportsenator Andy Grote, Bezirksamtsleiter Mitte Falko Droßmann, die Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs und Metin Hakverdi sowie Juliane Timmermann, sportpolitische Sprecherin der SPD-Bürgerschaftsfraktion.

Kein Gesprächsthema soll dabei der Elbdome gewesen sein, jene neue Spielstätte der Towers, die Karajica an den Elbbrücken für 150 Millionen Euro bauen will. Bis Ende Mai läuft das Testplanverfahren. Aber gerade aus der SPD im benachbarten Rothenburgsort, die Bürgerschaftspräsidentin Carola Veit vertritt, kommt Widerstand gegen diese Pläne. Stichworte sind Gentrifizierung und Verkehr. Der Bundesliga-Aufstieg der Towers und das, was der Verein bisher für die soziale Aufwertung des Stadtteils Wilhelmsburg geleistet hat, könnten die Diskussion um den Standort möglicherweise positiv beeinflussen.