WM in Brasilien

Die Schulter hält: Neuer soll gegen Portugal im Tor stehen

Aufatmen beim DFB: Torwart Manuel Neuer absolvierte eine komplette Trainingseinheit und scheint bereit für das erste WM-Gruppenspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal.

Santo André. Joachim Löw hat sein Lächeln wiedergefunden. Nach dem Schock über das WM-Aus von Marco Reus überwogen nach der Ankunft der deutschen Nationalmannschaft in ihrem brasilianischen WM-Quartier Campo Bahia die guten Nachrichten. Dass sich die Laune des Bundestrainer wieder sichtbar besserte, lag vor allem an Manuel Neuer, der am Montag mit Torwarttrainer Andreas Köpke erstmals wieder in vollem Umfang abeiten konnte.

„Er ist auf einem sehr guten Weg, wir sind sehr zufrieden. Wir sind guter Dinge, dass er im ersten Spiel topfit ist“, sagte Co-Trainer Hansi Flick nach der zweiten Trainingseinheit auf brasilianischem Boden.

Neuer absolvierte mit Köpke wie schon am Sonntag torwartspezifisches Training. „Wann er ins Mannschaftstraining einsteigt, müssen wir abwarten. Das entscheiden wir von Tag zu Tag“, meinte Flick weiter.

Ohnehin habe man auf der Torhüter-Position „drei sehr gute Optionen“, führte Flick aus. Neuer sei zwar im Gegensatz zu Roman Weidenfeller und Ron-Robert Zieler „noch einmal einen Tick besser“. Aber er und Löw hätten dennoch keine Bedenken, wenn Weidenfeller gegen Portugal die Nummer eins wäre: „Auch er ist weltklasse.“

500 Einheimische kommen zum Training


Wegen einer hartnäckigen Schulterverletzung, die sich Neuer (28) am 17. Mai im DFB-Pokalfinale gegen Borussia Dortmund (2:0 n.V.) zugezogen hatte, musste zuletzt in den Länderspielen gegen Kamerun (2:2) und Armenien (6:1) sein Stellvertreter Roman Weidenfeller einspringen. Dass der Torhüter des FC Bayern im ersten Gruppenspiel gegen Portugal am 16. Juni fit ist, hatte Löw aber schon nach dem Armenien-Match prophezeiht.

Aber nicht nur Neuer überraschte Löw am Pfingstwochenende positiv. Auch die Herzlichkeit der brasilianischen Gastgeber in Porto Seguro und den umliegenden Dörfern sowie die perfekten Bedingungen im WM-Camp, das auf den letzten Drücker fertig geworden war, sorgten für einen Stimmungsumschwung nach dem schwarzen Freitag von Mainz, an dem sich Hoffungsträger Reus schwer verletzt hatte.

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Rund 500 Einheimische bereiteten ihren deutschen Gästen am Montag bei einem öffentlichen Training einen fröhlichen und bunten Empfang. Unter den Besuchern auf dem Gelände in einem Naturschutzgebiet 1800 Meter vom Campo Bahia entfernt waren auch 20 Vertreter der Pataxo-Indianer, die in dem Reservat Monte Pascoal nahe des deutschen Camps beheimatet sind. Die Indianer waren in ihrer Stammestracht erschienen, hatten aber auffällig oft die Farben Schwarz-Rot-Gold in ihre Kleidung eingearbeitet. Ein Pataxo-Indianer trug sogar ein deutsches Trikot.

DFB-Team sammelt Sympathiepunkte in Brasilien


Die deutsche Mannschaft sammelte an ihrem zweiten Tag in Brasilien ihrerseits Sympathiepunkte, indem sie mit speziellen Trainingshemden auflief, die beidseitig bedruckt waren. Auf der Vorderseite stand: „Feliz por esta aqi“ („Wir sind sehr glücklich, hier zu sein“). Die Rückseite war mit dem Text: „Obrigado Bahia“ („Danke Bahia“) bedruckt. Von Anfeindungen der unmittelbaren Nachbarschaft gegen die deutsche Mannschaft war nichts zu spüren.

Auch das WM-Aus von Marco Reus war am Montag kein Thema mehr. Ohne den Dortmunder war die DFB-Auswahl am Vortag in Porto Seguro eingetroffen. Von dort nahm das DFB-Team die rund 30 Kilometer lange Strecke ins Quartier mit dem Bus in Angriff. Als der Mannschaftsbus nach der Überfahrt über den Fluss Joao da Tiba die Fähre verlassen wollte, steckte das Gefährt mit der Aufschrift „Ein Land, eine Mannschaft, ein Traum“ erst einmal fest. Löw und seine Spieler waren zu diesem Zeitpunkt schon in Kleinbussen auf dem Weg in ihre Unterkunft.

Zuvor hatte die schwere Verletzung von Reus aber noch auf dem zehneinhalbstündigen „Fanhansa“-Flug LH 2014 von Frankfurt/Main nach Salvador mächtig bei Löw und seinen Spielern auf die Stimmung gedrückt. Wenige Stunden vor der Abreise musste der Bundestrainer seine Planungen noch einmal umwerfen.

Löw freut sich, „wenn es endlich losgeht“


Der Offensivspieler von Borussia Dortmund erlitt im letzten WM-Test am Freitag gegen Armenien (6:1) einen Teilriss der vorderen Syndesmose oberhalb des linken Sprunggelenks. „Für ihn und für uns ist dies extrem bedauerlich, das ist ein Schock. In unseren Überlegungen für Brasilien hat er eine zentrale Rolle gespielt. Für uns ist das nicht einfach“, sagte Löw, der für Reus Abwehrspieler Shkodran Mustafi nachnominierte.

Doch trotz der Hiobsbotschaft war Löw bemüht, den Blick schnell wieder nach vorne zu richten. „Das Kribbeln ist da. Ich bin froh, wenn es endlich losgeht“, sagte er. Viel Zeit zum Lamentieren bleibt gut eine Woche vor dem WM-Auftakt am 16. Juni in Salvador gegen Portugal ohnehin nicht.

Dass Neuer erstmals nach seiner Verletzung wieder die Torwarthandschuhe anziehen konnte, tat der angeschlagenen Seele des DFB-Teams ebenso gut, wie die ersten Einheiten am Pfingstwochenende, wo sich die Spieler schnell an die ungewohnten Umstände gewöhnen sollten. Im noblen DFB-Quartier, das allen Unkenrufen zum Trotz pünktlich und mit allen Annehmlichkeiten für die deutschen Kicker seine Pforten öffnete, sind Philipp Lahm und Co. erstmals in Wohngemeinschaften mit jeweils sechs Zimmern untergebracht. „Diese Konzeption ist super. Es gibt immer wieder Treffpunkte. Das ist perfekt, um etwas Großes zu erreichen“, meinte André Schürrle.

Am Dienstag ist das Training für 16 Uhr geplant, danach um 13 Uhr, um die frühe Anstoßzeit gegen Portugal in Salvador zu simulieren. Dann stehen vor allem auch taktische Dinge auf dem Programm.