DFB-Länderspiel

Reus-Schock beim 6:1-Sieg gegen Armenien

André Schürrle traf zum 1:0 per Hacke, Mchitarjan glich per Elfmeter aus. Dann sorgte Podolski für die erneute Führung, die Höwedes, Klose und Götze ausbauten. Marco Reus droht das WM-Aus.

Mainz. Die Erfolgsformel für das letzte Spiel vor dem Beginn eines großen Turniers ist stets dieselbe: Bei der Auswahl des Gegners gilt es, nicht in die obere Schublade zu greifen, damit das Vorhaben gelingt, mit einem Sieg für Selbstvertrauen innerhalb der Mannschaft und für gute Stimmung beim Anhang sorgen. Und das Ergebnis stimmte auch am Freitagabend in der Mainzer Coface-Arena. Mit 6:1 besiegte die DFB-Auswahl Armenien. Doch das Resultat interessierte angesichts der schlimmen Verletzung des Dortmunders Marco Reus kaum jemanden mehr.

Das war passiert: Die erste, durchaus ansprechende Halbzeit näherte sich dem Ende. Joachim Löw hatte nach den ganzen Diskussionen um den Sturm sein Team im offensiven 4-3-3-System aufgestellt, ganz so, als wolle er sagen: Schaut her, wir haben doch genug Angreifer in der Mannschaft! Und in vorderer Linie hatte Reus mit seinen Kollegen Thomas Müller und André Schürrle auch viel Druck erzeugt, das Offensivtrio hatte äußerst variabel agiert.

Aber dann die Schrecksekunde in der 43. Minute: Reus versuchte im Mittelfeld, Jedigarian den Ball wegzuspitzeln und wurde dabei unglücklich vom Armenier am linken Sprunggelenk getroffen. Den 27.000 Zuschauern in der ausverkauften Mainzer Arena stockte der Atem, als der BVB-Profi die Hände vor sein schmerzverzerrtes Gesicht schlug und schließlich, gestützt von den Mannschaftsärzten, vom Platz humpelte und sofort zu einer Kernspin-Untersuchung ins Krankenhaus gebracht wurde. Und die schlimmsten Befürchtungen begleiteten ihn: Es sah ganz so aus, als ob sich Reus eine Bänderverletzung zugezogen hat und damit für die WM ausfallen könnte. „Ich weiß noch nicht, was es ist, wir müssen abwarten. Man hat gesehen, dass der Fuß geschwollen ist“, sagte Löw.

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Sollte Reus passen müssen, könnte der Bundestrainer einen Spieler bis 24 Stunden vor dem ersten WM-Spiel gegen Portugal am 16. Juni nachnominieren. Dieser muss nicht im vorläufigen WM-Kader gestanden haben.

Reus’ Verletzung ist ein ganz bitterer Dämpfer für Löw und die Hoffnungen der Nationalmannschaft auf den Weltmeistertitel. Gerade der Dortmunder hatte das Zeug, bei der WM zum Superstar aufzusteigen – wenn er sich in Sachen Effektivität hätte steigern können. Das hatte auch das Spiel gegen Armenien gezeigt. So spielte Reus nach einer schönen Kombination Torwart Berezovsky durch die Beine, doch der Ball konnte gerade noch auf der Linie geklärt werden (13.). Und auch in der 32. Minute, wieder nach Vorlage von Müller, vergab er die 1:0-Führung leichtfertig. Ein schwacher Trost an diesem Abend: Dem Bundestrainer stehen noch immer einige hochkarätige Alternativen zur Verfügung. Für den verletzten Reus brachte Löw erst Lukas Podolski, nach Wiederanpfiff durfte auch Mesut Özil für Kapitän Philipp Lahm auf den Platz, der, immerhin ein Lichtblick, wieder genesen ist.

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Und ganz so, als ob die Mannschaft „Egal, wir können es auch ohne Reus“ sagen wollte, sorgte Schürrle kurz nach der Pause nach einer flachen Flanke mit der Hacke für das längst überfällige 1:0 (52.). Der Chelsea-Profi belohnte sich selbst für einen beeindruckenden Auftritt und hat nach Reus’ Ausfall nun beste Chancen auf einen WM-Stammplatz. Ein Foul des eingewechselten Kevin Großkreutz an seinen Dortmunder Teamkollegen Henrikh Mkhitarian führte dann aber zu einem Elfmeter, den der Armenier sicher verwandelte.

Die Sturm- und Drangphase des Favoriten konnte dies indes nicht stoppen. Binnen fünf Minuten sorgten Podolski (72.), Benedikt Höwedes (73.) und Miroslav Klose (77.) für eine 4:1-Führung. Klose löste mit nunmehr 69 Toren den einstigen „Bomber der Nation“, Gerd Müller (68 Tore) als DFB-Rekordschützen ab. Mario Götze sorgte mit zwei Treffern in der Schlussphase für den 6:1-Kantersieg

Und dennoch: Der Schock mit Reus verstärkt jedoch den Eindruck, dass die deutsche Mannschaft kaum einmal mit so vielen Fragezeichen im Gepäck zu einem großen Turnier aufgebrochen ist. Wird Manuel Neuer rechtzeitig fit? Wie stark können Bastian Schweinsteiger, der wie Lahm immerhin sein Comeback feierte, und Klose, der eigentlich in der Vorbereitung möglichst viel Spielpraxis sammeln sollte, nach ihren Verletzungspausen sein? Kann sich Sami Khedira, nach einem Kreuzbandriss gerade wieder rechtzeitig fit, weiter steigern? Ein Glück, dass die Qualität im Kader so gut ist wie selten in den vergangenen Jahren. Das macht Hoffnung, trotz der Reus-Verletzung.

Die Statistik

Deutschland: 22 Weidenfeller/Borussia Dortmund (33 Jahre/3 Länderspiele) - 20 Boateng/Bayern München (25/39) ab 67. Großkreutz, 17 Mertesacker/FC Arsenal (29/98), 5 Hummels/Borussia Dortmund (25/30), 4 Höwedes/Schalke 04 (26/21) - 16 Lahm/Bayern München (30/106) ab 46. Özil, 6 Khedira/Real Madrid (27/46) ab 59. Schweinsteiger - 9 Schürrle/FC Chelsea (23/33) ab 75. Götze, 18 Kroos/Bayern München (24/44), 21 Reus/Borussia Dortmund (25/21) ab 45. Podolski - 13 Müller/Bayern München (24/49) ab 67. Klose. - Trainer: Löw

Armenien: 1 Beresowski/Dynamo Moskau (39/85) - 15 Mkojan/Schirak Gjumri (27/28), 3 Harojan/Pjunik Eriwan (21/10), 5 Arsumanjan/FK Aktobe (29/63), 20 Hayrapetjan/FK Pribram (25/21) - 7 Jedigarjan/Qairat Alamaty (26/35), 8 Howsepjan/Banants Eriwan (22/2) ab 76. Sarkisov - 22 Manutscharjan/Ural Jekaterinenburg (27/41) ab 77. Tumasyan, 18 Mchitarjan/Borussia Dortmund (25/46), 10 Ghasarjan/Mtelurg Donezk (26/39) - 14 Mowsisjan/Spartak Moskau (26/28). - Trainer: Challandes

Schiedsrichter: Harald Lechner (Österreich)

Zuschauer: 27.000 (ausverkauft)

Tore: 1:0 Schürrle (52.), 1:1 Mchitarjan (69./FE), 2:1 Podolski (72.), 3:1 Höwedes (73.), 4:1 Klose (78.), 5:1 Götze (82.), 6:1 Götze (89.)