Stadtderby

HSV bei St. Pauli ist auch der Kampf gegen den Derbyfluch

Derbyheld Pierre-Michel Lasogga (l.) und seine HSV-Kollegen feiern den 4:0-Triumph im Millerntor-Stadion am 10. März dieses Jahres.

Derbyheld Pierre-Michel Lasogga (l.) und seine HSV-Kollegen feiern den 4:0-Triumph im Millerntor-Stadion am 10. März dieses Jahres.

Foto: ValeriaWitters / WITTERS

Im März feierte der HSV einen 4:0-Triumph am Millerntor, doch danach ging nichts mehr. Eine Geschichte, die auch St. Pauli kennt.

Hamburg.  Es war, als wäre Jesus wiederauferstanden. Als Pierre-Michel Lasogga am 10. März um etwa 15.45 Uhr durch den dunklen Kabinentunnel des Millerntor-Stadions schritt, dann wieder im Licht erschien und schließlich von seinen Mitspielern mit Sprechchören gefeiert wurde, war der HSV auf seinem Höhepunkt der Saison angelangt. Vermutlich hätte Lasogga an diesem Tag auch über das Wasser laufen und Wasser in Wein verwandeln können.

Die Wiederauferstehung des HSV war quasi besiegelt nach diesem rauschenden 4:0-Triumph am Millerntor. Und auch Doppelpacker Jesus alias Lasogga wollte wieder Teil der HSV-Zukunft sein. „Ich identifiziere mich mit diesem Verein bis aufs Letzte“, sagte der Mann des Tages.

HSV-Elf wird sich auf neun Positionen verändern

Heute wissen wir, dass auch Lasogga nicht über Wasser laufen kann und der Stürmer seinen Wein jetzt in der Wüste bei Al-Arabi in Katar verdient. Der HSV ist weder wiederauferstanden noch wiederaufgestiegen. Stattdessen folgte auf die große Party der viel größere Absturz. Acht sieglose Spiele machten aus den Derbyhelden innerhalb von zwei Monaten die Aufstiegsversager.

Trainer Hannes Wolf musste gehen und mit ihm seine Assistenten. Sportvorstand Ralf Becker wurde entlassen. Kaderplaner Johannes Spors ist weg. Und aus der Startelf, die im März den Kiez eroberte, werden am kommenden Montag (20.30 Uhr) bei der Neuauflage am Millerntor nur noch zwei Spieler von Anfang an spielen: Rick van Drongelen und Khaled Narey.

Auch St. Pauli erlebte einen Derbyfluch

Man könnte also gut und gerne von einem Derbyfluch sprechen, der sich beim HSV ereignen sollte. Wohl nie zuvor hatte ein derart erfolgreicher Tag eine derart negative Auswirkung für einen Club. So eine Geschichte schreibt eben nur der HSV, hätte man an dieser Stelle sagen können. Wenn da nicht der FC St. Pauli wäre.

Denn ausgerechnet der Kiezclub war es, der schon vor achteinhalb Jahren seinen ganz eigenen Derbyfluch erlebte. Es war ein 1:0-Sieg im Volksparkstadion am 16. Februar 2011, der bis heute als letzter großer Moment der Vereinsgeschichte gilt. Was nach diesem Abend folgten, waren elf Niederlagen und ein Unentschieden, ehe der FC St. Pauli vom zwischenzeitlich besten Rückrundenteam der Bundesliga wieder zu einem Zweitligisten wurde.

Verletzungen als Derbyfluch-Parallelen

28 Punkte nach 22 Spielen und Platz elf lautete die scheinbar beruhigende Zwischenbilanz nach dem Derbysieg. Was danach passierte, hat einer, der auch heute noch im Profikader des Kiezclubs steht, selbst miterlebt. Jan-Philipp Kalla ist zwar auch kein Jesus, wird aber seit Jahren von den eigenen Fans als „Fußballgott“ verehrt. „Es haben sich damals einige bei uns zu sicher gefühlt und sich gesagt, dass man die drei, vier Punkte, die für den Klassenverbleib nötig sind, in den verbleibenden zwölf Spielen schon irgendwie noch holen werde“, sagt er heute mit dem Abstand von mehr als acht Jahren. „Dazu kam, dass bei einigen Spielern unklar war, wie es vertraglich weitergeht, und dass Stani angekündigt hatte, nach der Saison nicht weiterzumachen“, sagt Kalla heute.

Der angesprochene Trainerheld Holger Stanislawski sieht das – verständlicherweise – anders. „Vielleicht hat es den einen oder anderen ein paar Tage beschäftigt, mehr nicht. Wir waren ja so fest verwachsen über die Jahre hinweg und haben uns nur punktuell verändert“, sagte der 49-Jährige dem Abendblatt. „Es hat uns das Genick gebrochen, dass aus unserer Vierer-Abwehrkette Bastian Oczipka, Carlos Zambrano und Carsten Rothenbach ganz lange ausgefallen sind. Das war mit unseren Möglichkeiten damals nicht zu kompensieren.“

Ähnlich erging es auch dem HSV in diesem Jahr. Noch während der ersten Halbzeit des Derbys musste Kapitän Aaron Hunt mit einem Muskelfaserriss ausgewechselt werden. Erst am 32. Spieltag kehrte Hunt in die Startelf zurück. Den Ausfall des dauerverletzten Routiniers konnte der HSV in der Rückrunde nicht ausgleichen. Obwohl am Ende nur zwei Zähler zum Wiederaufstieg fehlten.

St.-Pauli-Profi will das Derby lieber nicht gewinnen

Doch nicht nur für den HSV, auch für St. Pauli hatte das 0:4 letztlich fatale Nachwirkungen. Nur sechs Tage später setzte es in Sandhausen ein weiteres 0:4. Bis zum Saisonende gab es nur noch einen Sieg, was den Sturz von Rang vier auf Platz neun und personelle Konsequenzen zur Folge hatte. Trainer Markus Kauczinski und Sportchef Uwe Stöver mussten nach dem 1:2 bei Holstein Kiel gehen und wurden durch Jos Luhukay und Andreas Bornemann ersetzt. Nach der Saison gingen acht Spieler, acht „echte“ neue Akteure sind inzwischen gekommen, fünf davon auf Leihbasis.

Diese Fluktuation und viele Verletzungen führen nun dazu, dass aus der Startelf vom März nur noch sechs St.-Pauli-Profis (Himmelmann, Kalla, Buballa, Buchtmann, Knoll und Miyaichi) überhaupt die Chance haben, am Montag erneut von Beginn an zu spielen.

Kalla kämpft in jedem Fall um seinen Platz – und um die Verarbeitung des Derbyfluchs. „Vielleicht hat sich die Geschichte jetzt ja ausgeglichen und es wird eine neue Geschichte geschrieben“, sagt Kalla. Und mit einem Schmunzeln: „Wenn jetzt wieder der Derbygewinner danach keinen Sieg mehr einfährt, verzichte ich lieber darauf zu gewinnen.“